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Desertec in der Kritik: Widerstand gegen den sauberen Wüstenstrom

Aus Tunis berichtet

Sonnenstrom aus der Sahara für Europa: Mit diesem Versprechen trat Desertec an - und erntete viel Aufmerksamkeit. Doch nach fünf Jahren mangelt es an Resultaten. Jetzt wächst der Widerstand vor Ort. Die Menschen in den Wüstenländern sehen sich von den Planungen ausgeschlossen.

Parabolrinnenkraftwerk: "Energie brauchen alle" Zur Großansicht
Dii

Parabolrinnenkraftwerk: "Energie brauchen alle"

Desertec, das ist vor allem eine Idee aus einem Hinterzimmer des Club of Rome, jenes Gremiums, in dem vorwiegend alte Männer über die Rettung der Welt sinnieren. Das kühne Projekt: An den energiereichsten Orten der Welt soll Ökostrom erzeugt und dann dorthin geleitet werden, wo er gebraucht wird. Die Wüste Sahara, so der Plan, könnte Energie für das dicht besiedelte Europa liefern.

Was in dem Bild fehlt, seien die Menschen, die in den energiereichen, aber verbrauchsarmen Regionen leben: Sie hätten von Desertec nichts, klagen Menschenrechtsorganisationen.

Mansour Cherni ist einer von denen, die nicht in das Bild passen von der sauberen Energieversorgung Europas mit Strom aus der leeren Wüste. Der tunesische Gewerkschafter stellte viele Fragen auf dem Weltsozialforum in Tunis: "Wo wird der Strom verbraucht, der hier produziert wird?" Oder: "Wo kommt das Wasser her, mit dem die Solarkraftwerke gekühlt werden?" Und: "Was haben die Menschen vor Ort davon?" Es sind unangenehme Fragen, weil die Desertec Industrial Initiative (DII) nicht immer gute Antworten hat - vielleicht stellte sie sich deshalb nicht der Diskussion.

Zu dem Workshop in Raum M 215 auf dem weitläufigen Campus der tunesischen Universität al-Manar hatte die deutsche Organisation Germanwatch eingeladen. Organisator Boris Schinke will in den von Desertec betroffenen Ländern Interviews mit den Menschen führen, ihre Sorgen und Hoffnungen verstehen, die konkreten Auswirkungen bewerten: "Nach dem Arabischen Frühling wollen wir die Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und Mitbestimmung aufnehmen und die Zivilgesellschaft einbeziehen - nur so kann Desertec gelingen", sagt Schinke.

Partizipation, Teilhabe, das war eines der großen Schlagwörter auf dem Weltsozialforum, und die Diskussionen bei dem Workshop könnten dem Wüstenstromprojekt schaden: Während die Desertec Foundation die Idee seit 2003 verbreitet, verbinden viele mit dem Namen die Desertec Industrial Initiative (DII). Die Stiftung hatte sich finanzstarke Partner wie die Münchner Rück, Siemens oder die Deutsche Bank gesucht und 2009 die DII gegründet, die sich seitdem für die Realisierung des Projekts in Nordafrika und dem Nahen Osten einsetzt.

Die Geschäftsführung übernahm Aglaia Wieland, die das Projekt kontinuierlich, aber außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung weiterführt: "Die Desertec Industrial Initiative ist alles andere als tot", versichert Wieland SPIEGEL ONLINE. Die DII versuche, Entscheidungsprozesse in der Politik dauerhaft zu beeinflussen, das sei eben langwierig: "Wenn der Schlüssel nicht passt, hilft es nicht, ihn mit Gewalt ins Schloss zu pressen, sondern man muss das Schlüsselloch ändern. Das tun wir." Ein Satz, der auch von den Gegnern solcher Projekte stammen könnte - es wirkt, als wollte die Industrie sich die Bedingungen nach ihren Wünschen gestalten.

Vor knapp zwei Wochen erst hat Wieland den tunesischen Präsidenten Moncef Marzouki auf seiner Deutschlandreise getroffen - und war beeindruckt: "Der Präsident war überraschend gut informiert, und wir haben bereits die ersten Anschlusstermine in Tunesien vereinbart."

Die Briten bauen schon

Gerade hier aber könnten die DII-Firmen ins Hintertreffen geraten: Schon 2015 soll in dem nordafrikanischen Land mit dem Bau eines 2000-Megawatt-Solarkraftwerks begonnen werden. Ein eigens zu verlegendes Unterseekabel soll den Strom schon 2017 über Italien nach Europa transportieren. Entwickler des Projekts mit dem Namen TuNur ist allerdings nicht die DII, sondern die englische Nur Energie Ltd., "Nur" ist das arabische Wort für Licht.

Vor Ort soll der Deutsche Till Stenzel das Projekt umsetzen und ist nach eigenen Angaben weit gekommen: Die tunesischen Partner seien gefunden, die Vereinbarungen mit dem Netzbetreiber in Italien unterschriftsreif. Vor allem aber erfülle TuNur einige der Forderungen aus dem Workshop: "Wir können viele Komponenten hier fertigen lassen", sagt Stenzel, bis zu 60 Prozent der Gesamtinvestitionen können so angeblich im Land bleiben. "Wir rechnen damit, dass wir in der Region langfristig bis zu 1000 permanente Jobs schaffen können", beteuert der Projektleiter.

Die DII hält sich mit Kommentaren zu TuNur zurück: "Wir freuen uns, wenn dieses Projekt realisiert wird", heißt es aus der Pressestelle. Das "wenn" klingt wie ein "falls überhaupt jemals".

Doch nicht nur die Konkurrenz aus London, auch der Widerstand der Menschen vor Ort könnte der DII zu schaffen machen. Bei dem Workshop während des Weltsozialforums warfen aufgebrachte Teilnehmer den Veranstaltern sogar vor, Desertec zu bewerben, statt es zu kritisieren - Organisator Boris Schinke zeigte sich trotzdem zufrieden: "Wir haben die ersten Kontakte geknüpft, jetzt müssen wir möglichst bald mit der Arbeit vor Ort beginnen." DII-Geschäftsführerin Aglaia Wieland war nicht zum Weltsozialforum gereist, sorgt sich aber auch nicht um die Zukunft des Projekts: "Energie brauchen alle. Sie ist unabhängig von der Politik und sogar unabhängig von Parteien." Unabhängig auch, so werden es die Kritiker auffassen, von den Interessen der Menschen vor Ort.

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1. Na, das war jetzt aber gar nicht zu erwarten --- gelle ja?!
atair 03.04.2013
Zitat von sysopDiiSonnenstrom aus der Sahara für Europa: Mit diesem Versprechen trat Desertec an - und erntete viel Aufmerksamkeit. Doch nach fünf Jahren mangelt es an Resultaten. Jetzt wächst der Widerstand vor Ort. Die Menschen in den Wüstenländern sehen sich von den Planungen ausgeschlossen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wuestenstrom-initiative-desertec-wuestenlaender-fordern-teilhabe-a-892109.html
Welche Überraschung! Es wutbürgert auch jenseits des michelländischen Gärtchens Eden...
2. Ist wirklich jemand überrascht?
Ex-Kölner 03.04.2013
So faszinierend das Konzept ist, so bestechend der Grundgedanke (in der Wüste gibt's Sonne im Überfluß) - so klar war von Anfang an der Pferdefuß: Europa wäre weiterhin von Energieimporten abhängig. Und zwar aus einer Region, die aus politischen wie vorgeschoben religiösen Motiven eher unruhig und unberechenbar ist. Keine wirklich gute Idee...
3. Was haben die Menschen vor Ort?
jdm11000 03.04.2013
Zitat von sysopDiiSonnenstrom aus der Sahara für Europa: Mit diesem Versprechen trat Desertec an - und erntete viel Aufmerksamkeit. Doch nach fünf Jahren mangelt es an Resultaten. Jetzt wächst der Widerstand vor Ort. Die Menschen in den Wüstenländern sehen sich von den Planungen ausgeschlossen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wuestenstrom-initiative-desertec-wuestenlaender-fordern-teilhabe-a-892109.html
Was eine Berichterstatung... Wenn niemand in diesen Ländern irgendwas investiert, dann werden diese Menschen auch niemals sich weiterentwickeln können. Auf der anderen Seite haben wir dann auch das Problem der Stromversorgung. Daher macht es also Sinn, wenn der entwickelte Westen in diesen Ländern entsprechend investiert. Was aber auch bedeutet, daß der Bevölkerung vor Ort Arbeitsplätze, Steuern usw zu Gute kommen. Was dann aber wieder auffällt ist allein die Tatsache, daß der Gedanke - also die Idee - eben mehr kaputtgeredet wird, als tatsächlich die Vorteile gesehen werden (falls es diese gibt). Was ist an einer Wüste denn so interessant? Können dort Millionen von Menschen leben, wie hier in Mitteleuropa? Denke ich nicht. Aber es geht eben nur in der Zusammenarbeit - und diese Länder sind auch keine Kolonien.
4.
Olaf 03.04.2013
Zitat von sysopDiiSonnenstrom aus der Sahara für Europa: Mit diesem Versprechen trat Desertec an - und erntete viel Aufmerksamkeit. Doch nach fünf Jahren mangelt es an Resultaten. Jetzt wächst der Widerstand vor Ort. Die Menschen in den Wüstenländern sehen sich von den Planungen ausgeschlossen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wuestenstrom-initiative-desertec-wuestenlaender-fordern-teilhabe-a-892109.html
Macht nicht. Desertec hat ja seinen Zweck erfüllt. Die deutsche Industrie wurde mit Subventionen versorgt und Politiker mit schönen Posten. Warum sollte man also vorher die Leute vor Ort nach ihrer Meinung fragen.
5.
platin-iridium 03.04.2013
Zitat von OlafMacht nicht. Desertec hat ja seinen Zweck erfüllt. Die deutsche Industrie wurde mit Subventionen versorgt und Politiker mit schönen Posten. Warum sollte man also vorher die Leute vor Ort nach ihrer Meinung fragen.
Nun - Sie haben in Ihrer einseitigen Sicht auf Subventionen (FDP-Wähler?) - leider nicht zu Ende gelesen: Wüstenstrom-Initiative-Desertec: Wüstenländer fordern Teilhabe - SPIEGEL ONLINE: **Die Briten bauen schon** Gerade hier aber könnten die DII-Firmen ins Hintertreffen geraten: Schon 2015 soll in dem nordafrikanischen Land mit dem Bau eines 2000 Megawatt-Solarkraftwerks begonnen werden. Ein eigens zu verlegendes Unterseekabel soll den Strom schon 2017 über Italien nach Europa transportieren. Entwickler des Projekts mit dem Namen TuNur ist allerdings nicht die DII, sondern die englische Nur Energie Ltd., "Nur" ist das arabische Wort für Licht. (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/wuestenstrom-initiative-desertec-wuestenlaender-fordern-teilhabe-a-892109.html)
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Desertec: Strom aus der Wüste

Strom aus der Wüste
Sonnenkraft
Die Energie der Sonne bietet ein riesiges Potential: Pro Jahr gehen 630.000 Terawattstunden an ungenutzter Sonnenstrahlen-Energie auf die Wüsten in Nahost und Nordafrika nieder. Zum Vergleich: Ganz Europa verbraucht pro Jahr etwa 4000 Terawattstunden.
Desertec-Konzept
Würde man auf etwa 20.000 Quadratkilometern der nordafrikanischen Wüste Solarthermie-Kraftwerke aufstellen, ließe sich daraus theoretisch so viel Strom gewinnen, um den Bedarf Europas zu decken. Der gewonnene saubere Strom würde mit Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen nach Europa transportiert werden.
Solarthermie
Das Prinzip kennt jeder, der einmal mit einem Brennglas Löcher in Papier gebrannt hat: Gebündelte Sonnenstrahlen, von Parabolrinnen-Spiegeln konzentriert, erhitzen Wasser, Dampf treibt Turbinen an, und die erzeugen Strom. So funktioniert ein Solarthermie-Kraftwerk. Auch bei Nacht: In Salzspeichern kann die am Tag erzeugte Wärme für einige Stunden festgehalten werden. So können die Turbinen auch laufen und Strom erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint. Die Technologie ist alt und bewährt: In Kalifornien erzeugen Solarthermie-Kraftwerke seit den achtziger Jahren Strom. In Südspanien wurden kürzlich drei neue Kraftwerke gebaut.

Solarthermie hat Vorteile gegenüber Photovoltaik: Sie ist günstiger und nicht so wartungsintensiv. Außerdem benötigen Solarzellen teure Speicher für den Strom, um eine Versorgung bei Nacht zu gewährleisten. Dafür produzieren Solarzellen direkt Strom, wohingegen mit Solarthermie der Umweg über Wärme und Turbinen gegangen werden muss.
Versorgungssicherheit
Nachts scheint keine Sonne, in Flüssigsalz-Speichern kann man einen Teil der tagsüber solarthermisch erzeugten Wärme aber chemisch speichern - derzeit bis zu acht Stunden lang. So können die Turbinen auch nachts laufen, die Stromversorgung ist durchgehend gesichert.
Leitungsnetz
Um den Strom über eine Distanz von 3000 Kilometern nach Europa zu transportieren, braucht man Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen (HVDC). Normale Wechselstrom-Leitungen sind zu verlustreich. HVDC-Leitungen haben einen Verlust von etwa drei Prozent auf 1000 Kilometern. Auch diese HVDC-Technologie ist vorhanden und erprobt.
Kosten
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat in einer Machbarkeitsstudie errechnet, dass bis zum Jahr 2050 etwa 400 Milliarden Euro nötig wären, um so viel Solarthermie-Kraftwerke zu bauen, dass Europa 15 Prozent seines Strombedarfs damit decken könnte. 350 Milliarden Euro würden die Kraftwerke kosten und etwa 50 Milliarden Euro das Leitungsnetz, um den Strom von Nordafrika nach Europa zu transportieren.
Vorteile
Solarthermie ist Low-Tech - zuverlässig und risikofrei. Die Kraftwerke können nicht explodieren, es entsteht kein radioaktiver Abfall oder klimaschädliches CO2 und man braucht keine Kohle, kein Öl und kein Uran, um sie zu betreiben. Geht ein Spiegel-Modul kaputt, wird es einfach ausgetauscht - der Betrieb des Kraftwerks ist nicht gestört. Ein weiterer großer Vorteil: Baut man die Kraftwerke in Küstennähe, könnten mit dem Strom auch Meerwasser-Entsalzungsanlagen betrieben werden und dringend benötigtes Wasser für die nordafrikanischen Länder produziert werden. Politisch und wirtschaftlich gesehen könnten die Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas auf dem Exportgut sauberer Strom eine solide Wirtschaft und Wohlstand aufbauen.
Nachteile
Kritiker sehen die Gefahr von Abhängigkeit von den politisch eher instabilen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens. Zudem könnte das Leitungsnetz Ziel von Terroristen sein - die Stromversorgung Europas wäre im Falle eines Anschlags gefährdet. Politische Hürden bestehen vor allem darin, dass für eine Umsetzung des Desertec-Konzepts die Zusammenarbeit sowohl vieler europäischer Staaten untereinander erforderlich ist als auch mit Nordafrika und dem Nahen Osten. Diese Beziehungen sind allerdings historisch belastet.

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