Wut über Portugal-Abwertung: Europa macht Front gegen die Rating-Riesen

Politiker, Zentralbanker, Wirtschaftsexperten: Nach der Herabstufung Portugals durch Moody's greift die europäische Finanzelite die Rating-Riesen scharf an. Um deren Einfluss einzudämmen, erwägt die EU-Kommission gar gesetzliche Verbote.

EU-Binnenmarktkommissar Barnier: Bewertung kriselnder Euro-Staaten gesetzlich verbieten? Zur Großansicht
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EU-Binnenmarktkommissar Barnier: Bewertung kriselnder Euro-Staaten gesetzlich verbieten?

Brüssel/Frankfurt am Main - Die Rating-Agenturen stehen wegen ihrer Rolle in der Euro-Krise immer massiver in der Kritik. Nach der Herabstufung Portugals durch Moody's am Dienstag fordern Vertreter aus Politik, Wissenschaft und der Europäischen Zentralbank konkrete Schritte, um den Einfluss der drei großen Rating-Agenturen einzudämmen. Die EU-Kommission denkt gar über gesetzliche Schritte nach.

Demnach erwägt EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier, Rating-Agenturen die Bewertung von kriselnden Euro-Staaten per Verbot zu untersagen. Barnier kann sich vorstellen, die Ratings für Staaten auszusetzen, die internationale Finanzhilfen erhalten. Es sei fraglich, ob es Sinn ergebe, solche Länder zu bewerten, teilte Barnier in einem am Donnerstag verbreiteten Statement mit. Bis zum Herbst wird die EU-Kommission laut Barnier Vorschläge zu diesem zentralen Thema machen.

Zudem forderte der Binnenmarktkommissar, die Rating-Agenturen müssten besser von der Politik beaufsichtigt werden. "Wir müssen mehr tun: mehr Wettbewerb schaffen, ihre Arbeitsweise transparenter machen, ihre Methoden über die Bewertung der Staatsschulden verschärfen und ihre quasi-institutionelle Rolle im System, also ihre Macht und ihren Einfluss, verringern."

Trichet und Juncker wettern gegen Rating-Agenturen

Auch Euro-Zentralbanker Jean-Claude Trichet schließt sich der deutlichen Kritik an den Rating-Agenturen an. "Es ist klar, dass eine kleine oligopolistische Struktur nicht wünschenswert ist auf der Ebene des globalen Finanzsystems", sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank am Donnerstag in Frankfurt am Main. Die Arbeitsweise der Rating-Agenturen wirke prozyklisch, und dies sei nicht optimal. Erst am Mittwoch hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble das Vorgehen der Agentur scharf kritisiert und erklärt: "Wir müssen den Einfluss der Rating-Agenturen begrenzen."

Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker prognostiziert den Rating-Agenturen eine schwindende Bedeutung, sollten sie ihre Arbeitsweise nicht ändern. Falls sich die Bonitätswächter weiter so verhielten wie bisher, würden sie an Bedeutung verlieren, sagte Juncker am Donnerstag. Länder wie Portugal dürften nicht zu einer Zeit herabgestuft werden, in der sie Reformen umsetzten. Juncker sagte, er sei weiter für die Schaffung einer europäischen Rating-Agentur. Diese bringe jedoch nichts, wenn sie in der selben Art und Weise arbeite wie die bestehenden Agenturen.

"Sie gießen Öl statt Wasser ins Feuer"

Aus dem deutschen Regierungslager gab es erneut Forderungen nach einer Zähmung der Rating-Riesen: Der finanzpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Klaus-Peter Flosbach, verlangte eine stärkere Regulierung der Agenturen. Die eigenständige Risikobeurteilung durch Investoren solle zudem verstärkt werden. Die Aufsichtsbehörden sollten außerdem überprüfen, ob die Risikobeurteilung angemessen ist und eingehalten wird. Flosbach will darüber hinaus zivilrechtliche Haftungsregelungen für die Agenturen einführen.

OECD-Ökonom Pier Carlo Padoan warf den Rating-Riesen vor, sie verschärften wirtschaftliche Krisen durch "sich selbst erfüllende Prophezeiungen", wie Padoan der italienischen Zeitung "La Stampa" sagte. Die Unternehmen übermittelten nicht einfach Informationen, sondern gäben Urteile ab, die bereits bestehende Tendenzen verstärkten, sagte Padoan. "Das ist, als würde ein am Rande des Abgrunds Stehender hinabgestoßen."

Auch Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), kritisierte Moody's und Co. harsch: Die Agenturen hätten inzwischen auch politische Macht erlangt, die es ihnen "erlaubt, die Regierungen vor sich herzutreiben". Im Deutschlandradio Kultur sagte er, die Agenturen hätten viel früher warnen müssen und nicht jetzt, wo es darum gehe, Probleme zu lösen. "Sie gießen jetzt Öl statt Wasser ins Feuer und verschärfen das Problem." Es wäre begrüßenswert, die Marktmacht der Agenturen zu brechen.

fdi/dpa/Reuters/dapd/AFP

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1. Wird Zeit und ...
mr_shoke 07.07.2011
Zitat von sysopPolitiker, Zentralbanker, Wirtschaftsexperten: Nach der Herabstufung Portugals durch Moody's greift die europäische Finanzelite die Rating-Riesen scharf an. Um deren Einfluss einzudämmen, erwägt die EU-Kommission gar*gesetzliche Verbote. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,773063,00.html
... wäre ein erster, wichtiger Schritt! Lesenswert: http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/:euro-krise-der-euro-als-spielball/60065481.html
2. EUdSSR
Transmitter 07.07.2011
Was soll man dazu noch sagen? Die Faschisten waren auch ausser sich vor Wut, wenn ausländischen Medien ihre verquere Ideologie kritisierten und ihre verlogene Selbstbeweihräucherung verurteilten. Pech gehabt, EU-Bonzen. 2 + 2 sind nur in der EU nicht 4, im Rest der Welt aber noch :-)) Die Musik wird längst in Asien gespielt. Die Pleite-EU verliert weltweit rasend schnell an Ansehen und Glaubwürdigkeit. Und der EURO-Verbund ist eh bald auch offiziell bankrott. Da beisst die Maus keinen Faden ab. Na, dann sollen sich diese verluderten EU-Profiteure halt aufregen. . .
3. Rating Agenturen raus aus Europa
Europa! 07.07.2011
Hab gerade gelesen, wem diese kriminellen Vereinigungen gehören: Berkshire Heathaway, Hearst, McGraw Hill ... Wer kann da irgendeine Objektivität erwarten? Natürlich werden da bloß amerikanische Interessen vertreten.
4. Logisch,
frank4979 07.07.2011
alles was sowieso den Bach runter geht braucht man nicht bewerten. Ein Gesetz waere schoen, weil dann haben die Europolitiker mal wieder was zu tun, d.h. falls es jemand von denen schafft im Plenarsaal zu erscheinen. Vielleicht sollte man gleich eine Gesetzesinitiative gruenden " Alles ist super, alles ist schoen im Euroland"?! Kritik wird verboten, weil die ja schaedlich ist. Schlagt den Rating-Agenturen doch einfach vor, nur noch nicht EU Staaten zu bewerten, dann kann man besser schlafen und gegebenenfalls mit den Ratings uebereinstimmen (wenn es z.B. um die Herabstufung von RUS/CHI und anderen aufstrebenden Staaten geht.)
5. Objektivität
kr-invest 07.07.2011
Zitat von TransmitterWas soll man dazu noch sagen? Die Faschisten waren auch ausser sich vor Wut, wenn ausländischen Medien ihre verquere Ideologie kritisierten und ihre verlogene Selbstbeweihräucherung verurteilten. Pech gehabt, EU-Bonzen. 2 + 2 sind nur in der EU nicht 4, im Rest der Welt aber noch :-)) Die Musik wird längst in Asien gespielt. Die Pleite-EU verliert weltweit rasend schnell an Ansehen und Glaubwürdigkeit. Und der EURO-Verbund ist eh bald auch offiziell bankrott. Da beisst die Maus keinen Faden ab. Na, dann sollen sich diese verluderten EU-Profiteure halt aufregen. . .
Das Oligopol der Rating-Agenturen gehört gebrochen. die sind korrupt (hat sich an der subprime-Krise gezeigt, weil keiner kann mir erzählen, dass das nicht absehbar war). Ich habe zu der Zeit in den USA gearbeitet und wir haben uns regelmäßig schiefgelacht mit wie wenig Eigenkapital und Gehalt die Leute Häuser gekauft haben. Die müssen entweder korrupt oder blöd gewesen sein. Warum solten sie heute nicht mehr korrupt sein. In der angel-sächsischen Presse, in den entsprechenden Foren (seekingalpha, businessinsider) existiert ein regelrechter Hass auf die EU und viele blogger sind HedgeFund-Typen oder arbeiten bei PrivateEquity oder Rating-Agenturen. In dem Klima ist keine Objektivität zu erwarten. Bzw, um die Logik der Leute zu verwenden, ist es ja "cool" die EU zu dissen. Klar, die sägen nicht den Ast ab auf dem die selber sitzen. Für die gilt es auch die finanziell viel maroderen UK und US zu stützen und Finanzströme in diese perfekt gerateten Länder zu lenken. Wären ja längst ohne externes Kapital pleite (übrigens nicht so klar für die Eurozone, die steht finanziell wesentlich solider da, wenn man die kumulierten Leistungsbilanzen betrachtet). Als lösung bietet sich nur eine halb-staatliche kontinental-europäische Agentur an. Es ist ohnehin ein Witz, dass Deutschland mit seinen wirklich hohen Überschüssen und demzufolge auch großen Anlagebeträgen keine eigene Agentur hat.
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Die drei Rating-Riesen
Standard & Poor's
Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das "Manual of the Railroads of the United States", in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor's Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor's . Das Rating reicht von AAA ("Triple A", exzellente Bonität, praktisch kein Ausfallsrisiko) über BBB (befriedigend) bis D (in Zahlungsverzug, keine Bonität).
Moody's
John Moody gründete 1909 die Agentur Moody's Investors Service , die seit 1975 von der US-Börsenaufsicht SEC anerkannt ist. Die Bewertungen reichen von Aaa über Baa1 bis C.
Fitch Ratings
1924 entstand in New York aus der Fitch Publishing Company von John Fitch das Unternehmen Fitch Ratings . Alle drei Unternehmen haben ihren Sitz in New York, Fitch Ratings zudem in London; sie betreiben Büros in aller Welt. Das Rating reicht von AAA bis D.

Rating
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall