Alternder Internet-Konzern Yahoo schreit hier keiner mehr

Yahoo baut Stellen ab und endet wohl als Ramschware. Der Abstieg des Internet-Pioniers ist auch eine Warnung an Apple, Facebook und Co.

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Yahoo-Chefin Marissa Mayer: Verkauf würde wohl ihr Ende als CEO bedeuten
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Yahoo-Chefin Marissa Mayer: Verkauf würde wohl ihr Ende als CEO bedeuten


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Krise von Yahoo lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: minus 13 Milliarden Dollar. So niedrig bewertet die Börse das Kerngeschäft des amerikanischen Internet-Konzerns inzwischen, hat der Tech-Journalist Matt Levine ausgerechnet. Abzüglich einiger lukrativer Beteiligungen und seiner Bargeldreserven ist Yahoo nichts mehr wert. Weniger als nichts.

Das 1994 von Jerry Yang und David Filo gegründete Unternehmen ist damit neben Ebay der bekannteste Krisenfall des Silicon Valley. Neben den kraftvollen Welteroberern wie Alphabet und Facebook wirkt der Internet-Pionier wie ein tattriger Opi ohne rechten Sinn im Leben.

Dass Yahoo bis zu 1700 Stellen streicht, überrascht kaum jemanden. Dass Aufsichtsratschef Maynard Webb nun nach "zusätzlichen strategischen Alternativen" suchen will, allerdings schon. Webbs Chiffre wird verstanden: Er stellt Yahoo nun offiziell zum Verkauf.

Der einstige Suchmaschinenriese als Ramschware - das wäre wohl auch das Ende der einst gefeierten Marissa Mayer als Yahoo-Chefin. Die von Google abgeworbene Top-Managerin konnte ihrem Unternehmen bisher keine neue Vision geben.

Was ist eigentlich Yahoos Kerngeschäft?

Die digitalen Mode- und Tech-Magazine, die sie startete, finden wenige Leser. Auch die 2013 gekaufte Blog-Plattform Tumblr entwickelte sich nicht, wie von Mayer erhofft: Von der 1,1-Milliarden-Dollar-Akquisition schreibt Yahoo nun rund ein Viertel ab.

Trotzdem: Irgendjemand wird Yahoo am Ende schon kaufen. Einer der großen US-Mobilfunkanbieter wie Verizon oder AT&T vielleicht oder eine Private-Equity-Firma. Auch wenn die Rechnung von Tech-Reporter Levine nicht ganz fair ist, sie vernachlässigt etwa Steuereffekte beim Verkauf von Beteiligungen: Mehr als ein paar Milliarden Dollar wird kein Konkurrent für Yahoos Kerngeschäft bezahlen.

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Web-Portal: So sah Yahoo früher aus
Kerngeschäft? Man muss nur yahoo.com öffnen, um das Hauptproblem des Konzerns zu erkennen - das unklare Geschäftsmodell. Eine völlig überladene Seite, auf der man Nachrichten lesen, mailen, shoppen oder Fotos anschauen kann.

Tätigkeiten, die die meisten Menschen bei Google, Amazon oder Instagram erledigen und immer seltener beim Irgendwie-Tech-, Irgendwie-Medienkonzern Yahoo. Zwar ist die Seite laut Traffic-Analysefirma Alexa noch die fünftmeistgenutzte der Welt. Doch mit Desktop-Anzeigen verdient man immer weniger.

Silicon-Valley-Konzerne brauchen alte und neue Umsätze

So ist der einst als "Jerry's and David's Guide to the World Wide Web" gegründete Internet-Dienst auch ein warnendes Beispiel für die Star-Konzerne von heute. Wer oben bleiben will, braucht ein starkes Kerngeschäft und muss sich trotzdem ständig neu erfinden.

Apple ringt mit der Herausforderung, dem iPhone weitere Gewinnbringer an die Seite zu stellen, und wurde eben von der Google-Mutter Alphabet als wertvollster Konzern der Welt abgelöst. Alphabet und Facebook kriegen die Mischung aus Marktführerschaft in alten und Eroberung von neuen Märkten derzeit am besten hin:

  • Als weltgrößtes soziales Netzwerk und mächtigste Suchmaschine dominieren sie den globalen Markt für mobile Werbung und fahren Milliardenumsätze ein.

  • Mit Zukäufen binden sie neue, junge Nutzer an ihre Konzerne. Facebook mit Instagram und WhatsApp, Alphabet mit YouTube.

  • Mit den großen Umsatzbringern finanzieren die Alpha-Tiere des Silicon Valley teils irre anmutende Zukunftsprojekte. Mit "Internet.org" will Facebook Internet in Entwicklungsländer bringen, zu Googles "Moon Shots" zählen etwa selbstfahrende Autos.

Im Vergleich mit der Nachfolgegeneration sieht Yahoo besonders kraftlos aus. Bei den großen Zukunftsthemen wie aktuell Virtual Reality ist der Konzern schon lange abgemeldet. Zukäufe gab es zwar auch, Mayers Liebling Tumblr oder die Fotosharing-Community Flickr. Beide Communitys haben zwar gewisse kulturelle Relevanz, aufgeblüht ist unter Yahoos Ägide aber keine. Als großer Gewinnbringer schon gar nicht.

Der Verkauf des Alibaba-Anteils geht nicht voran

Einzig die Beteiligung am heißen chinesischen Start-up Alibaba im Jahr 2005 erscheint im Rückblick außergewöhnlich hellsichtig und lukrativ: Für einen 40-Prozent-Anteil zahlten die Amerikaner einst eine Milliarde Dollar, der heute noch halb so große Anteil ist das 25-Fache des damaligen Kaufpreises wert.

Bezeichnend ist aber, dass Mayer nicht mal mit dem lange geplanten Verkauf seines wertvollen Alibaba-Anteils recht vorankommt. Stößt Yahoo die inhaltlich fremd gewordene Beteiligung ab, fallen Milliarden an Steuern an.

Seit Jahren schiebt der Konzern den Komplettverkauf deswegen vor sich her. Binnen Jahresfrist hat die Alibaba-Aktie knapp ein Viertel ihres Wertes verloren, wegen der Turbulenzen an der chinesischen Börse ist die Zeit der guten Chancen erst mal vorbei. Mit dem Abwarten wurden Milliarden verbrannt.

Eigentlich nichts Neues für Yahoo.

Zusammengefasst: Der Internet-Pionier Yahoo stellt sich zum Verkauf, die einst gefeierte Chefin Marissa Mayer ist angeschlagen. Dem einstigen Suchmaschinenriesen ist es nicht gelungen, neue Geschäftsfelder zu besetzen. Stattdessen wurde er von Facebook und Google überrundet. Yahoo bietet eine Parabel für die heutigen Alpha-Konzerne des Silicon Valley: Ohne die Eroberung neuer Geschäftsfelder kann sich kein Internet-Konzern lange halten.

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Dark Agenda 03.02.2016
1. Vergleich mit Apple, Facebook und co
Den Vergleich sehe ich hier nur bedingt. Yahoo war nur ein Faktor weil es von Anfang an immer da war. Sie hatten nie ein wirklich gutes Produkt oder ein Alleinstellungsmerkmal oder irgendetwas neuartiges oder nützliches entwickelt. Die Frage stellt sich warum es Yahoo überhaupt so lang gab.
uksubs 03.02.2016
2. normalmaß
ist hier nun angesagt und ich hätte gar nichts dagegen, wenn es tatsächlich auch andere treffen würde. auch wenn ich mich hier nun quasi als kulturpessimist oute - es wird meiner meinung nach viel zuviel bohai gemacht fürs internet. wie kann das alles mehr wert sein als eine firma, die es schon lange gibt, die ihre beschäftigten hat und es hier und dort mal schwankungen gibt. vieles am internet ist absolut unnötig und geht am leben vorbei, es hat sich da in den letzten jahren eine gigantische blase aufgetan.
Korken 03.02.2016
3. Was tauegn überbezahlte Chefs?
Für mich erneut ein Beweis, dass "Top" Manager eben auch nur Leute sind, die hoffnugslos überbezahlt sind. 36 Mio. für 6 Monate - könnte man einen ganzen Haufen Mitarbeiter normal weiterbeschäftigen. Es sind im Grunde sowieso diese Leute, die die Kastanien für die "Entscheidungsmacher" aus dem Feuer holen sollen.
rstevens 03.02.2016
4. Der Abstieg von Yahoo eine Warnung and Apple und Google?
Hmm, das finde ich dann doch etwas weit hergeholt. Die Zeit der Portale (auch der mit Suchfunktion) ist einfach schon lange vorbei. Es ist eher eine Warnung an GMX und co. Internet Nutzer wollen einfach ihren Content nicht zwischen aufdringlicher Werbung suchen müssen. Suchergebnisse sollen schnell da sein und nicht ewig laden, nur weil die Seite Berge von Müll mitausliefert. Neben guten Suchalgorithmen war es meiner Meinung nach gerade die Schlichtheit und das konsequente ausrichten der Seite auf seine Kernfunktion, die Google groß gemacht hat. Irgendwann war Google einfach besser *und* so viel angenehmer zu benutzen als die langsamen Metasuchmaschinen oder die überfrachteten Portalsuchmaschinen, dass der Erfolg fast garantiert war. Da hilft Yahoo dann auch nicht mehr der Gemischtwarenladen an Zusatzfunktionen wie Yahoo-Mail.
GoaSkin 03.02.2016
5. kein Mensch braucht Internet-Multis
Soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Online-Speicherplatz und Internet-Communities sind fast so alt, wie das Internet selbst. Bevor es Yahoo, Google, Facebook und Twitter gab, existierte eine enorme Vielfalt an Suchmaschinen und Sozialen Netzwerken. Das dezentrale Usenet wurde zum diskutieren verwendet und der Privatmensch präsentierte sich gerne auch über eine eigene Webseite, statt eine Facebook-Seite im Einheits-Look. Fazit: Diese Errungenschaften brauchen keine großen Monopolisten. Das können alles auch Startups. Ohne Yahoo, Google und Co. geht die Welt nicht unter. Im Gegenteil: Sie blüht wieder richtig auf.
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