Yo Dümmste App der Welt bringt Millionen Dollar

Mit der App Yo kann man nur ein einziges Wort verschicken. Dennoch stecken Investoren Millionen Dollar in die Firma. Denn hinter der vermeintlich dummen Software steckt ein cleveres Geschäftsmodell.

Logo des Yo-Apps: Das einzige Wort, das funktioniert

Logo des Yo-Apps: Das einzige Wort, das funktioniert

Von Christopher Mims, Wall Street Journal Deutschland


In der Geschichte der App-Industrie gibt es nur wenige Programme, die so umstritten und polarisierend waren wie Yo. Viele haben die App als das dümmste bezeichnet, was jemals entwickelt wurde. Der US-Komiker Stephen Colbert veralberte das Programm in seiner Show. Als Yo zum ersten Mal für den App Store von Apple Chart zeigen eingereicht wurde, gab es eine Absage. Apple teilte mit, es fehle an Substanz. Selbst die Macher wollten zu Beginn offenbar nicht mit dem Programm in Verbindung gebracht werden. Zum Start der App verzichteten sie jedenfalls darauf, den Namen ihrer Software-Firma zu nennen.

Oberflächlich betrachtet besteht die einzige Funktion von Yo darin, dass ein Nutzer das Wort "Yo" an einen Freund schicken kann, der ebenfalls die App nutzt. Trotzdem hat Yo erst kürzlich 1,5 Millionen US-Dollar von Investoren einsammeln können. Die Bewertung liegt nun zwischen 5 und 10 Millionen Dollar. Die Mitgründer Or Arbel und Moshe Hogeg erklärten, dass ihnen noch viel mehr angeboten wurde. Über 2 Millionen Mal wurde Yo bislang heruntergeladen. Die etwa 50.000 aktiven Nutzer haben bereits mehr als vier Millionen Yos verschickt. Sollte Yo tatsächlich ein App-Kuriosum sein, dann wäre es eines der erfolgreichsten aller Zeiten.

Aber warum konnte Yo so eine Finanzierungsrunde abschließen? Stellen wir zunächst einmal klar: Im Silicon Valley droht derzeit keine Blase wie Ende der neunziger Jahre. Stattdessen ist Yo längst nicht das, wofür es viele halten. Yo ist keine Messaging-App und sicherlich auch kein soziales Netzwerk. Darauf legt Arbel großen Wert. Es ist eigentlich auch kein Ort, um Freunde zu "yo"-en. Nutzer der ersten Stunde sagen jedoch, dass sie die App verwenden, um anderen mitzuteilen, dass sie an sie denken.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.

Yo ist ein Kommunikationsprotokoll wie SMS, E-Mail und Twitter, sagt Arbel. Auch auf das Risiko hin, dass mich die komplette Tech-Szene für verrückt erklären wird, werde ich jetzt schreiben, dass Yo - oder ein Yo-ähnlicher Dienst - das nächste Twitter ist. Es könnte sogar noch größer werden.

Der Grund, warum Yo so wichtig ist: Yo bietet jeder Person, jedem Unternehmen und jedem Webdienst direkten Zugang zur Mitteilungszentrale auf dem Smartphone. Jedes Mal, wenn wir unser Gerät in die Hand nehmen, sehen wir auf den gesperrten Bildschirmen zunächst die Benachrichtigungen. Sie werden auch angezeigt, während wir das Smartphone für andere Dinge nutzen. Die so genannten Push-Mitteilungen sind das wichtigste Gut im gesamten Medienuniversum, wenn man bedenkt, wie häufig der durchschnittliche Smartphone-Besitzer auf sein Telefon sieht.

Jetzt mag natürlich jemand sagen, dass "Yo" genau das ist - ein kleiner Wortfetzen, der von irgendeinem anderen Nutzer verschickt wurde und keine weiteren Informationen beinhaltet außer dem Absender und dem Zeitpunkt, als die Nachricht abgesendet wurde. Das mag aktuell noch zutreffen. Allerdings wird in den kommenden Wochen ein Update der App vorgestellt, das Yo in eine ernsthafte Messaging-Plattform verwandeln wird. Dadurch wird der Service eher an Twitter und WhatsApp erinnern - allerdings viel einfacher gehalten sein. Dadurch wird sich Yo von der Konkurrenz abheben und völlig neue Einsatzmöglichkeiten schaffen.

Links per Yo verschicken

Mit dem Update wird es den Nutzern erlaubt sein, zusätzlich zu einem "Yo" auch Links zu verschicken. Außerdem wird daran gearbeitet, dass jede Person einen RSS-Feed mit Yo verbinden kann. Das bedeutet, dass Blogger, Webseiten und Verlage Push-Nachrichten mit Links an ihre Follower senden können, selbst wenn diese keine zugehörigen Apps heruntergeladen haben. Es würde mich nicht sonderlich überraschen, wenn irgendwann neben den Twitter- und Facebook-Buttons auf Artikelseiten auch ein "Abonnieren via Yo" auftaucht.

Wie Arbel verrät, sollen mit zukünftigen Yo-Updates auch Profilbilder eingeführt werden. Außerdem wird es bald möglich sein, neben dem Nutzernamen auch den Namen der tatsächlichen Organisation oder den Realnamen anzuzeigen. Darüber hinaus soll Yo eine Art App Store erhalten. Dort sollen Dienste, die auf Yo setzen, vorgestellt werden. Bisher wird Yo zum Beispiel eingesetzt, um Nutzer darüber zu informieren, dass in Manhattan ein Fahrrad an einer zuvor ausgewählten Station von Citibike frei ist. Oder man entsperrt seinen Laptop per Yo. Dafür setzte ein Entwickler auf die sogenannte Zwei-Faktor- oder Geräte-basierte-Authentifikation, für die ich zuvor schon Werbung gemacht habe: Ein Yo vom Smartphone an das Notebook - schon kann gearbeitet werden.

Man könnte sich auch vorstellen, dass das Telefon ein Yo anzeigt, sobald ein Tisch im Restaurant frei wird, oder man beim Arzt als nächstes an der Reihe ist. In Israel kann man sich schon heute per Yo informieren lassen, wenn Raketen in der Luft sind.

Geld für Kurznachrichten

Sicherlich kann man all diese Benachrichtigungen auch per SMS bekommen. Es gibt jedoch eine Menge Menschen, die ihre Handynummern nicht mit jedem teilen wollen. In vielen Ländern der Welt nehmen die Mobilfunkanbieter außerdem Geld für die Kurznachrichten. Damit erklärt sich auch die große Beliebtheit von Messanger-Apps wie WhatsApp.

Ein Problem für Yo ist, dass es ursprünglich sehr einfach gehalten und leicht zu programmieren war. Dadurch wurde die App vielfach kopiert, und Apples App Store ist voll von Parodien. (Yo gibt es übrigens auch für Android, Windows Phone und sogar für Amazons neues Fire Phone.)

Die Frage ist, ob es den Gründern gelingt, so viel Momentum mit Yo erzeugen, dass sie damit Geld verdienen können. Sie müssen damit punkten, dass sie die ersten waren, die eine App entwickelt haben, die so einfach und so "blöd" ist, dass niemand zuvor daran gedacht hat.

Dank des weit verbreiteten Unglaubens darüber, dass eine App wie Yo in der Lage ist, Risikokapital einzusammeln, und dank der gut gesteuerten Medienkampagne hat die App bisher so viel Aufmerksamkeit erlangt und so viele Nutzer gewinnen können, dass man auf diesen Netzwerk-Effekten aufbauen kann. Es gab eine Zeit, da hieß es, Twitter sei zu simpel, um Erfolg zu haben. Das könnte Rivalen davon abgehalten haben, es ebenfalls zu versuchen. In der Zwischenzeit stieg die Zahl der Nutzer weiter an. Und das ist es, was den tatsächlichen Wert einer App ausmacht, die Menschen und Dienste miteinander vernetzen will.

Entwickler von außerhalb gesucht

Das Yo-Team besteht derzeit aus zehn Teilzeit- und Vollzeitmitarbeitern. Acht von ihnen sind Entwickler. Derzeit ist das Unternehmen aktiv auf der Suche nach Programmierern von außerhalb. In sogenannten Hackathons wurde dazu aufgerufen, neue Ideen für das Yo-Protokoll zu entwickeln. So kam es erst zu den zwei oben genannten Beispielen.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass die einzige ärgerliche Sache an Yo ist, wie das Unternehmen seine Nutzer über neue Mitteilungen informiert. Wer die App herunterlädt und sich registriert, bekommt nämlich anschließend nur ein einziges Wort zu sehen - "Yo" - und eine Stimme sagt ebenfalls "Yo".

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland



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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Phil2302 12.08.2014
1.
Und in ein paar Wochen erinnert sich kein Mensch mehr daran. Wäre mir neu, dass ich noch einen Messenger auf meinem Handy benötige. Und ja, natürlich ist das total überbewertet und eine einzige riesengroße Blase.
Untertan 2.0 12.08.2014
2. Yo
Yo, also ich benutze mein Mobiltelefon eigentlich nur zum Telefonieren. Und das auch bloß 2-3 mal im Monat. Mein Gott, bin ich langweilig...
mm71 12.08.2014
3.
Zitat von Untertan 2.0Yo, also ich benutze mein Mobiltelefon eigentlich nur zum Telefonieren. Und das auch bloß 2-3 mal im Monat. Mein Gott, bin ich langweilig...
Ob Sie langweilig sind, dürften Sie selbst am besten wissen, aber Sie begreifen einfach nicht, dass man nicht zu allem seinen Senf dazugeben muss, wenn es einen nicht selbst betrifft. Wenn ich kein Fahrrad fahre, muss ich nicht in Fahrradforen posten, dass mich das alles nicht interessiert...
Maro2 12.08.2014
4. Aha ^^
Zitat von Untertan 2.0Yo, also ich benutze mein Mobiltelefon eigentlich nur zum Telefonieren. Und das auch bloß 2-3 mal im Monat. Mein Gott, bin ich langweilig...
Und was wollen Sie uns damit sagen? Das Sie ein Mobiltelefon haben obwohl Sie eigentlich keines benötigen? Nicht sehr schlau, oder?
eltoppo666 12.08.2014
5. Wer keine Freunde hat...
...der braucht auch keine Messenger App. Da hat der Untertan recht...
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