Rekord bei Mastanlagen: Zahl der Fleischfabriken in Deutschland wächst
60 Millionen Mastplätze für Geflügel, 2,5 Millionen für Schweine - die Zahl der Massentieranlagen in Deutschland ist einer Untersuchung der Grünen-Bundestagsfraktion zufolge in den vergangenen drei Jahren extrem gestiegen. Auch weil Holländer ihre Produktion über die Grenze verlegen.
Hamburg - "Deutschland wird zum Maststall Europas und zum führenden Billigfleischexporteur", so drastisch fasst die Bundestagsfraktion der Grünen ihre Untersuchung über Anträge und Bewilligungen für den Bau neuer Tierhaltungsanlagen zusammen, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. In den vergangenen drei Jahren wurden demnach 2,5 Millionen neue Mastplätze für Schweine beantragt oder genehmigt, fast 40 Millionen für Geflügel. Das ist ein Anstieg von 60 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren, und hauptsächlich handelt es sich um Großanlagen, die von Investoren finanziert werden.
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Friedrich Ostendorff kritisiert die Bundesregierung für diese Entwicklung: "Die Fleisch-für-die-Welt-Politik von Schwarz-Gelb führt zu einem Maststallboom, der die Grenzen des Erträglichen sprengt." Gemeinsam mit den Grünen-Abgeordneten Bärbel Höhn und Dorothea Steiner hat Ostendorff die Daten bei den zuständigen Genehmigungsbehörden der Länder und Kreise abgefragt und zusammengestellt. Die Untersuchung zeigt, dass vor allem Niedersachsen auf dem Weg zum Massentierland ist: Mehr als die Hälfte der im untersuchten Zeitraum beantragten oder bewilligten Mastplätze entfällt auf dieses Bundesland.
Großinvestoren aus dem benachbarten Holland, wie der "Schweine-Baron" Adrian Straathof oder Harry van Gennip "profitieren zudem von Prämien, die die holländische Regierung für den Abbau von Tierplätzen zahlt", heißt es in der Untersuchung. Im Klartext: Die Massentierhaltung wird von der einen Seite der Grenze auf die andere verlagert. Mit den größtenteils automatisierten Megaställen hat der Studie zufolge auch der Kontakt zwischen Menschen und Masttieren abgenommen: 1970 versorgte eine Arbeitskraft noch rund 600 Schweine, mehr als 40 Jahre später sind es mehr als 2000.
Fleischproduktion steigt, der Konsum sinkt
Die Grünen-Bundestagsfraktion kritisiert diesen Trend zur Industrialisierung der Landwirtschaft. So dominierten bei den Neuanträgen Großanlagen, die "vollständig oder größtenteils von Importfuttermitteln abhängig sind", statt Bauernhöfe, die das Futter auf dem eigenen Land anbauen und die anfallende Gülle auf die Felder ausbringen können. Der Trend zum Megastall bringe den betroffenen Nachbarschaften enorme Geruchs-, Lärm-, Feinstaub-, Wasser- und Verkehrsbelastungen.
Vor allem beim Geflügel seien Anträge für Anlagen mit mehr als 100.000 Tierplätzen "keine Seltenheit", heißt es in dem Bericht. Sehr häufig würden aber Ställe mit 39.000 Plätzen beantragt - weil ab 40.000 Plätzen strengere Genehmigungskriterien gelten. "Wer Gülleseen, Antibiotikamissbrauch und die Ausbreitung gefährlicher multiresistenter Keime stoppen will, muss der Expansion von Tierfabriken ein Ende setzen", sagt Ostendorff.
Ostendorff weist der Massentierhaltung eine Mitverantwortung für die wachsenden Probleme mit multiresistenten Keimen zu. Erst vergangene Woche hatte die Grünen-Bundestagsfraktion antibiotikaresistente Keime in Schweinemett nachgewiesen. Deutschland liegt laut der Studie "Fleischatlas" der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) weltweit auf einem der vorderen Plätze beim Einsatz von Antibiotika pro Kilo erzeugtem Fleisch.
Der rasante Zubau an Mastplätzen führt auch zu einer höheren Fleischproduktion: Während die Zahl der Schweinemastplätze schnell und konstant steigt, sinkt gleichzeitig der Verbrauch. Im Jahr 2006 wurden hierzulande rechnerisch noch 96 Prozent der Menge des in Deutschland verzehrten Schweinefleischs produziert - 2012 waren es bereits 115 Prozent. "Deutsches Billigfleisch", heißt es in der Untersuchung der Grünen, "verdrängt in Drittländern die heimische, lokale Produktion".
Das erklärte Ziel der Bundesregierung, den Export zu steigern, wird jedenfalls erreicht: Die Ausfuhr von Fleisch und Wurstwaren aus Deutschland kletterte zwischen 2005 und 2010 um fast 60 Prozent.
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