Zehn-Euro-Forderung Lidls List mit dem Mindestlohn

Dieser Vorstoß sorgt für Aufsehen: Der umstrittene Discounter Lidl fordert einen bundesweiten Mindestlohn von zehn Euro - und übertrifft damit sogar die Forderungen der Gewerkschaften. Ist der Vorschlag ernst gemeint oder nur ein billiger Werbegag?

Lidl-Mitarbeiter-Demo im April 2008: Einer der Spitzenzahler der Branche
dpa

Lidl-Mitarbeiter-Demo im April 2008: Einer der Spitzenzahler der Branche

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Hamburg - Ausgerechnet Lidl: Der Discounter fordert einen gesetzlichen Mindestlohn im Einzelhandel von zehn Euro pro Stunde. Nur mit einer verbindlichen Untergrenze lasse sich der Missbrauch von Lohndumping in der Branche "und in jeder anderen" wirksam unterbinden, schrieb Lidl-Chef Jürgen Kisseberth Anfang der Woche allen Fraktionsvorsitzenden im Bundestag. Öffentlichkeitswirksam - wohlgemerkt - an den nachrichtenarmen Tagen vor Weihnachten.

Der Vorstoß sorgt aber nicht nur deshalb für Aufsehen: Dass der skandalträchtige Discounter Lidl einen (so hohen) Mindestlohn fordert, scheint so unglaublich, als würden Deutschlands Energiekonzerne die Abschaffung von Atommeilern verlangen. Dennoch ist die Forderung eine Tatsache - und noch nicht einmal ganz frisch. Anfang des Jahres forderte Lidl erstmals einen gesetzlichen Mindestlohn. Das Zehn-Euro-Plädoyer allerdings ist neu - und es ist beachtlich: Denn die 8,50 Euro, für die sich die Gewerkschaften einsetzen, sehen dagegen mickrig aus.

Was also bezweckt das Unternehmen mit dem Vorstoß? Ist er nur eine "Luftnummer", wie ein Gewerkschafter Anfang des Jahres bereits monierte? Oder will der Discounter ernsthaft gegen Lohndumping vorgehen?

Das PR-Desaster könnte das Hauptmotiv sein

Sicher ist, dass der Konzern stark daran interessiert ist, sein Image aufzupolieren. Das nämlich hat in den vergangenen Jahren massiv gelitten. Zur Erinnerung: Der Einzelhändler ließ seine Beschäftigten ausspionieren, legte Krankenakten über sie an, hielt Betriebsräte klein und ließ über seine Zulieferer in Asien Mitarbeiter zu Dumpinglöhnen arbeiten. Die Gewerkschaft Ver.di verfasste sogar ein "Schwarzbuch Lidl" über die schlechten Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in Deutschland.

Das PR-Desaster könnte daher sogar das Hauptmotiv des Lidl-Chefs sein, den Mindestlohn jetzt so vehement voranzutreiben. Aber es gibt noch andere Gründe, die mindestens genauso plausibel sind. Lidl könnte nämlich ein großes Interesse daran haben, die Löhne der Wettbewerber durch einen gesetzlichen Mindestlohn in die Höhe zu treiben.

Schließlich kann man Lidl viel vorwerfen, aber nicht, dass das Unternehmen seinen Mitarbeitern zu wenig zahlt. Mit einem Stundenlohn von durchschnittlich 13 Euro pro Stunde ist der Discounter einer der Spitzenzahler im Einzelhandel. Selbst Minijobber bekommen nach eigenen Angaben mindestens zehn Euro die Stunde. Konkurrenten, die ihren Mitarbeitern niedrigere Löhne zahlen, haben da einen unübersehbaren Vorteil - und den könnte Lidl nun auf gesetzlichem Weg sanft abschaffen wollen.

Ähnlich war der Effekt für die Deutsche Post, als Anfang 2008 ein Mindestlohn für Briefzusteller eingeführt wurde. Die Lohnuntergrenze von 9,80 Euro pro Stunde lag unter dem beim Quasi-Monopolisten gezahlten Lohn, aber weit höher als bei den kleineren Konkurrenten Pin und TNT. Die Folge damals: Pin meldete kurz nach der Mindestlohn-Einführung Insolvenz an.

Rückenwind für die zähen Verhandlungen von Ver.di

Für den zweitgrößten Discounter Deutschlands hätte ein Mindestlohn von zehn Euro außerdem den angenehmen Effekt, dass er nichts ändern müsste. Seine Mitarbeiter würden also auch nach der Einführung einer gesetzlichen Regelung nicht mehr Geld bekommen.

Dennoch jubeln Politiker und Gewerkschafter über den aktuellen Vorstoß des Lidl-Chefs - aus unterschiedlichen Gründen. Ein gesetzlicher Mindestlohn im Einzelhandel würde den Staat entlasten: Im Moment subventioniert er viele der rund 2,8 Millionen Beschäftigten in der Branche - durch ergänzendes Hartz IV. Denn oft reichen die Einkommen der Beschäftigten nicht zum Leben aus - wegen der vielen Teilzeitstellen, Dumpinglöhnen oder beides. Steigen aber die Einkommen über eine bestimmte Grenze, gibt es kein Aufstockergeld mehr vom Staat.

Ver.di wiederum erhält durch die Zehn-Euro-Forderung Rückenwind bei den zähen Verhandlungen mit dem Einzelhandelsverband HDE. Der Verband hat sich inzwischen zwar bereiterklärt, eine Lohnuntergrenze einzuführen - aber die soll weit unter der Lidl-Forderung liegen. Diese weist der HDE als "unrealistisch" zurück.

Am Ende wird der Lidl-Chef mit seinem Vorstoß also voraussichtlich scheitern - wenn auch nicht ganz. Immerhin das PR-Problem dürfte ein bisschen kleiner geworden sein.

insgesamt 338 Beiträge
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Seite 1
NormanR, 21.12.2010
1. Egal ob Gag oder nicht - Hautpsache 10 Euro!!
Das ist doch wurscht, solange LIDL tatsächlich 10 Euro die Stunde bezahlt, können die das auch von anderen fordern. Endlich geht mal ein großer Discounter über den Hunterlohn hinaus. Das sollte Signalwirkung haben, denn vor allem motiviert es doch auch. Die anderen sind so gierig und geizig, dass dieser Aspekt der Motivation völlig wurscht ist!!
Seifen 21.12.2010
2. Lidl stut sich mit dieser Forderung nicht weh,
denn der Mindestlohn gilt für alle Handelsunternehemen. Da die Aufwendungen für Löhne Kosten sind, werden sie von allen Unternehmen auf die Artikel umgelegt. Also bezahlt der Kunde alles. Deshalb könnte Lidl auch einen Mindestlohn von 100 € für alle fordern.
Imhodepp 21.12.2010
3. ...
"...würde den Staat entlasten: Im Moment subventioniert er viele der rund 2,8 Millionen Beschäftigten in der Branche - durch ergänzendes Hartz IV. Denn oft reichen die Einkommen der Beschäftigten nicht zum Leben aus - wegen der vielen Teilzeitstellen, Dumpinglöhnen oder beides." Da ist der Staat selber Schuld. Wenn ein Vollzeitjob zur Existenzsicherung nicht reicht, so dass aufgestockt werden muss, so hätte dies als sittenwidrig geahndet werden können. Sogar ohne dass sich der Staat in die Tarifverhandlung einmischt. Die Tarifautonomie wäre erhalten geblieben, und es ist wohl im Allgemeinen nachvollziehbar, dass es nicht sein kann, dass ein Vollzeitjob auf Hartz IV ergänzt werden muss. Analog ließe sich sagen: Halbe Wochenstundenzahl muss mindestens halbe Harz IV ergeben, sonst ist es Wucher. Und entweder hätte die Arbeitsagentur dies gleich anzeigen können, oder sie hätten die Bezieher darauf drängen können dies zu tun.
oberteil 21.12.2010
4. ,
Zitat von sysopDieser Vorstoß sorgt für Aufsehen: Der umstrittene Discounter Lidl fordert*einen bundesweiten Mindestlohn von zehn Euro - und übertrifft damit sogar die Forderungen der Gewerkschaften. Ist der Vorschlag ernst gemeint oder nur ein billiger Werbegag? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,735912,00.html
Wieso nachrichtenarm? Erst war der Winter ungewoehnlich, dann hat man gelesen, gesehen und gehoert, dass doch nun mal Winter sei, jetzt scheint er sich doch zum Jahrhundertwinter zu entwickeln, heisst es in den Medien. Den Lidl-Vorstoss kann ich nur gutheissen, egal aus welchen Gruenden er vorgenommen wurde. Wenn nur die, die darueber entscheiden, endlich reagieren.
kaminister, 21.12.2010
5. Da reiben sich Industrie und Sozialromantiker die Hände
Post und jetzt Lidl. Das in beiden Fällen ein Unternehmen unser "schlechtes Gewissen" nutzt um sich Wettbewerbsvorteile zu beschaffen fällt niemanden auf. Das Ganze in Gesetzesbücher gepresst, ist dann wie in Stein gemeißelt. Jedes mal wenn wir Verantwortung an den Staat übertragen, wundern wir uns Jahrzehnte danach, warum alles so verantwortungslos ist. Anstatt Arbeitnehmer zu schützen, schützen wir Lidl. All jene Arbeitsplätze die durch Konkurrenz und Wettbewerb entstehen würden, werden wir nie zu Gesicht bekommen.
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