Zerschlagung von Schlecker: Ladenschluss im Drogerie-Imperium

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Fast 40 Jahre nach der Gründung ist Schlecker am Ende. Kein Investor wollte die Drogeriemarktkette haben, der Konzern wird abgewickelt, mehr als 13.000 Beschäftigte sind ihren Job los. Die eklatanten Fehler des Firmengründers konnte der Insolvenzverwalter nicht mehr ausbügeln.

Hamburg - Mehr als vier Monate währte die Hoffnung auf eine letzte Chance für Schlecker. Mehr als vier Monate haben die Gläubiger zugesehen, wie die Drogeriemarktkette nach dem Insolvenzantrag weiter Verluste machte. Nun zogen die Geldgeber die Notbremse. Kein Investor war bereit, die maroden Filialen in Deutschland aufzukaufen und zu sanieren. Zu groß war das Risiko, dass weitere Millionen verbrannt werden. Nun wird das Drogerie-Imperium zerschlagen.

Die Auslandstöchter werden verkauft, auch die deutschen Ableger Ihr Platz und Schlecker XL sollen eine Chance bekommen. Doch das Kerngeschäft im Heimatland wird abgewickelt. Der Großteil der verbliebenen 2800 deutschen Filialen wird geschlossen, rund 13.200 Mitarbeiter werden entlassen.

Kurz nach der Pleite Ende Januar hatte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz noch Optimismus versprüht. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Marke Schlecker spurlos von der Landkarte verschwindet", sagte er. Doch die gravierenden Fehler aus den Vorjahren ließen sich nicht binnen weniger Monate im Insolvenzverfahren ausbügeln.

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Aus für Schlecker: Mit Billig-Image in den Untergang
Schlecker scheiterte an Fehlern, die alle ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben und deren Auswirkungen das Unternehmen bis heute verfolgen.

Das Klammern der Familie Schlecker

Insolvenzverwalter Geiwitz hatte keine Chance, glaubhaft einen Neuanfang einzuläuten. Selbst in der Pleite klammerte sich der Schlecker-Clan an die Firma. Der erfolgsverwöhnte Anton Schlecker hatte jahrelang nicht erkannt, dass er seine Firma mit massenhaft unrentablen Läden ins Aus steuerte. Auch seinen beiden Kindern Lars und Meike ließ er nicht die nötigen Freiheiten, die Drogeriemarktkette zu sanieren. Noch kurz nach der Insolvenzeröffnung ließ Anton Schlecker mitteilen, er wolle bis zum Sommer den Chefposten behalten. Selbst nachdem der Plan, Schlecker in Eigenverwaltung zu sanieren, gescheitert war, mischte die Familie weiter mit. Die Kinder Meike und Lars versuchten, Investoren zu gewinnen, die ihnen weiter Mitsprache einräumen. Am Ende waren die Interessenten weg.

Der verpatzte Strategiewechsel

Schlecker hatte jahrelang ignoriert, dass sein Konzept mit niedrigen Durchschnittsumsätzen pro Filiale und vergleichsweise hohen Kosten und Preisen nicht mehr funktionierte. Während die Drogeriekette noch reihenweise neue Läden in umsatzschwachen Gebieten eröffnete, setzten die Konkurrenten dm und Rossmann längst auf größere, attraktiv gestaltete Filialen. Als Schlecker endlich umschwenken wollte, fehlte das Geld für den dringend nötigen Umbau.

Zum Zeitpunkt der Insolvenz waren erst 400 von rund 6000 Märkten modernisiert. Seit der Pleite lag die Erneuerung weiterer Läden auf Eis. Mit Filialschließungen versuchte Geiwitz, die Verluste zu stoppen. Doch bis zum Schluss konnte er keine schwarzen Zahlen bei Schlecker vorweisen.

Geiwitz habe sich mit der Beratungsgesellschaft McKinsey die falschen Ratgeber geholt, sagen Branchenkenner. McKinsey verstehe den Drogeriemarkt nicht und habe beim Gutachten zu den Filialschließungen Fehler gemacht. Im Klartext: Es seien teils die falschen Läden geschlossen worden. Die Beratungsgesellschaft weist diesen Vorwurf zurück. Man habe eine langjährige Expertise auf dem Feld, heißt es. Auch habe man keine schnellen Erfolge versprochen. Die Berater hätten versucht, das Filialnetz so aufzustellen, dass für einen Investor ab Ende 2013 schwarze Zahlen machbar gewesen wären.

Die Feindschaft mit Ver.di

Mit Dumping-Löhnen und Schikanen von Mitarbeitern brachte Anton Schlecker Gewerkschafter gegen sich auf. Jahrelang kämpfte der Unternehmer gegen Betriebsräte und die Mitwirkung von Ver.di. Erst 1996 billigte Schlecker bundesweit Betriebsräte. Doch Einblick in den Zustand der Firma gewährte der Clan den Arbeitnehmervertretern nicht.

In seiner Existenznot war Schlecker ausgerechnet auf Zugeständnisse von Ver.di angewiesen. Doch eine entscheidende Voraussetzung für das Entgegenkommen der Gewerkschaft fehlte: Vertrauen. Das bekam auch der Insolvenzverwalter zu spüren. Wertvolle Zeit verstrich, weil sich die Verhandlungen über den Sanierunsbeitrag der Mitarbeiter hinzogen. Deren Angst, die hart erkämpften Gehälter zu leichtfertig preiszugeben, war groß.

Die schlechte Kommunikation

Mindestens sechs Jahre veranschlagen Experten für den Imagewandel einer Firma. Bei Schlecker wollte der Insolvenzverwalter das Ansehen der Firma in wenigen Monaten aufpolieren. Das Projekt war zum Scheitern verurteilt, denn bei Schlecker hatte Kommunikation nie eine Rolle gespielt.

Zwar gaben die Kinder des Drogeriekönigs Interviews, als die Modernisierung losging. Doch glaubwürdig war die neue Offenheit nicht, denn im Hintergrund zog noch immer der Vater die Strippen.

Die Firma hat es nicht einmal geschafft, positive Entwicklungen in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Seit einigen Jahren bereits wurden die Schlecker-Frauen nach Tarif bezahlt. Dennoch haftet Schlecker bis heute das Billiglohn-Image an.

Auch als verunsicherte Kunden im Netz kurz vor der Pleite Schleckers Lieferprobleme diskutierten, steuerte der Drogeriekonzern nicht offensiv gegen. Erst als Insolvenz beantragt wurde, gab es die erste Pressekonferenz seit 1990. Doch auch dem Insolvenzverwalter werfen Gewerkschafter mangelnde Transparenz vor. Nur zögerlich gab er Geschäftszahlen preis. Zu Interessenten für Schlecker hielt er sich bedeckt. Das befeuerte die Spekulationen über Probleme bei der Investorensuche - und verunsicherte Mitarbeiter und Kunden.

Auch die Lieferanten hatten kein Vertrauen mehr in Schlecker. Mit seiner Einkaufsmacht hatte Schlecker sie viele Jahre gegängelt. Als es finanziell eng für ihn wurde, drehten die Lieferanten den Spieß um und kamen dem Unternehmen nicht mehr entgegen. Vor allem die geplatzte Finanzierung von Lieferungen der Einkaufsgemeinschaft Markant führten zur Zahlungsunfähigkeit. Die neue Macht der Lieferanten bekam auch der Insolvenzverwalter zu spüren. Sonderkonditionen gab es nicht mehr. In den Regalen fehlte Ware. Während der Insolvenz lag die Auslieferungsquote laut Insidern nur bei 80 Prozent. Das verschreckte die so dringend benötigte Kundschaft.

Der fehlende Draht in die Politik

Als eine der größten Hürden bei der Suche nach einem Investor galten die mehr als 4000 Kündigungsschutzklagen von entlassenen Schlecker-Mitarbeitern. Das Risiko hoher Abfindungszahlungen habe Investoren vergrault, sagte Insolvenzverwalter Geiwitz. Mit Transfergesellschaften für die Gekündigten wollte er die Rechtsstreitigkeiten vermeiden. Dafür wären Bürgschaften der Bundesländer nötig gewesen.

Doch anders als Opel-Vertreter oder der einst klamme Autozulieferer Schaeffler hatte der Schlecker-Clan offenbar keinen Draht in die Politik. Der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) distanzierte sich bewusst von Anton Schlecker. Insolvenzverwalter Geiwitz hatte die politischen Dimensionen seines Mandats unterschätzt. Es gelang ihm nicht, Politiker ins Boot zu holen, die sich im Gegenzug als Retter der Schlecker-Frauen hätten präsentieren dürfen. Am Ende verweigerte die FDP ihre Zustimmung. Tausende Angestellte standen auf der Straße, klagten gegen Schlecker - und schreckten so potentielle Investoren ab.

Die verhängnisvolle Rechtsform

Um seine Machtstellung zu zementieren, führte Anton Schlecker sein Imperium wie einen Tante-Emma-Laden - als eingetragener Kaufmann. Damit haftete er einerseits mit seinem Privatvermögen für alle Verbindlichkeiten, andererseits war der Einstieg eines Investors enorm schwierig. So hingen etwa die Mietverträge für die Läden an Anton Schlecker persönlich, die Strukturen des Konzerns waren extrem undurchsichtig. Der Unternehmer hatte es verpasst, seine Firma rechtzeitig neu zu strukturieren, um sie vor der teuren Modernisierung für externe Geldgeber zu öffnen.

Trotz aller Fehler, die dem Drogeriekönig nachzuweisen sind - Anton Schlecker hat sich auf seine Weise und durchaus ernsthaft gegen den Untergang seines Imperiums gestemmt. Jahrelang steckte er Millionenbeträge aus seinem Privatvermögen in die Firma. Letztlich vergebens. Anton Schlecker und seine Familie dürften sich finanziell abgesichert haben und einigermaßen weich fallen - die größte Strafe für den Clan ist der Niedergang seines Lebenswerks.

Doch den höchsten Preis zahlen die Tausende Schlecker-Beschäftigten, die erst jahrelang um ihre Rechte kämpfen mussten und nun zum größten Teil ihre Jobs verlieren werden.

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1. Die eklatanten Fehler von Schlecker konnte Geiwitz nicht mehr ausgleichen.
levitian 01.06.2012
Zitat von sysopFast 40 Jahre nach der Gründung ist Schlecker am Ende. Kein Investor wollte die Drogeriemarktkette haben, der Konzern wird abgewickelt, mehr als 13.000 Beschäftigte sind ihren Job los. Die eklatanten Fehler des Firmengründers konnte der Insolvenzverwalter nicht mehr ausbügeln. Zerschlagung von Schlecker: Gründe für die Pleite - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,835436,00.html)
...dafür aber sein Konto! "Geiwitz habe sich mit der Beratungsgesellschaft McKinsey schlicht die falschen Ratgeber geholt, sagen Branchenkenner. McKinsey verstehe den Drogeriemarkt nicht und habe beim Gutachten zu den Filialschließungen Fehler gemacht. Im Klartext: Es seien teils die falschen Läden geschlossen worden." Ich bin mir ziemlich sicher, dass Geiwitz daraus hinsichtlich seines Honorars kein Nachteil entstehen wird. Und das ist schließlich das wichtigste! Für die betroffenen Mitarbeiter sorgen wir. Alles klar?
2. Och Joh!
Dr. Fuzzi 01.06.2012
So ist es eben, "Schlecker", ein alter deutscher Konzern niedergemacht, auch aufgrund "nachhaltiger" mangelhafter Berichterstattung der Medien, existiert nicht mehr. Ich bin sehr gespannt, ob DM, Rossmann und Co. diese Lücken in der Provinz füllen werden! Ich denke allerdings, eher nicht! Zahlen diese Firmen eigentlich wenigstens den gleichen tariflichen Lohn wie Schlecker?
3. keine Hungerlöhne - und niemand merkt es
Eutighofer 01.06.2012
Schlecker zahlte schon seit einigen Jahren nach Tarif und sogar besser als mancher Mitbewerber. Doch dies wurde in den Medien fast nie erwähnt und auch die Gewerkschaft erwähnte dies nie. Schlecker ist nicht nur an Anton Schlecker gescheitert sondern auch an einer Kampagne, die von Verdi und den Medien bereitwillig bedient wurde.
4. Mitarbeiterbespitzelung
eulenspiegel 47 01.06.2012
Kauft nicht bei Schlecker, wo man die Mitarbeiter schlecht bezahlt und obendrein noch bespitzelt. Das wäre ja jetzt geschafft. Glückwunsch zu dem Sieg!
5. Hurra, wir haben einen Schuldigen!
adam68161 01.06.2012
Es ist also Anton Schlecker, der seinen Konzern "wie einen Tante-Emma-Laden" führte. Ach ja, er haftete noch "persönlich"! Wer tut das heute noch schon? Und die Gewerkschaft Ver.di trifft natürlich keine Schuld. Auch wenn die ehemaligen Schlecker Mitarbeiterinnen nicht vermittelbar sind, weil sie viel zu hohe Löhne im Vergleich zur Konkurrenz bezogen. Die Krokodilstränen fliessen...
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Deutsche Drogerieketten
Die Drogeriebranche in Deutschland ist seit Jahren umkämpft. Die Pleite des jahrzehntelang unbestrittenen Marktführers Schlecker hat die Branche umgekrempelt. Die Konkurrenten dm und Rossmann sind auf dem Vormarsch.
Schlecker
Schlecker war viele Jahre die Nummer eins der Branche. Mit Geschäftszahlen hielt sich der Familienkonzern stets zurück. 2010 setzte die Kette aus Ehingen bei Ulm 6,55 Milliarden Euro um. Im Jahr danach brach der Umsatz auf unter fünf Milliarden Euro ein. 2011 machte Schlecker einen Verlust von 200 Millionen Euro.

Am 23. Januar 2012 meldete Schlecker Insolvenz an. Auch mehrere Tochtergesellschaften waren betroffen, am 26. Januar folgte die Tochter IhrPlatz. Ende März wurde das Insolvenzverfahren eröffnet

Vor der Pleite hatte Schlecker rund 25.000 Mitarbeiter in Deutschland. Weitere 17.000 waren im Ausland angestellt, etwa in Österreich, Spanien, Frankreich, Italien, Tschechien, Polen und Portugal. Im Zuge der Insolvenz wurden 10.000 Beschäftigte in Deutschland entlassen. Fast jede zweite Filiale wurde geschlossen. Mitte Mai 2012 gab es in Deutschland noch knapp 3200 Märkte.

dm
Die Karlsruher Kette ist inzwischen an die Drogeriemarkt-Spitze gerückt. dm gibt seinen Gewinn nicht bekannt; das in Familieneigentum befindliche Unternehmen gibt sich aber nach eigenen Angaben mit einem Prozent Rendite zufrieden - und steckt das Geld ansonsten in soziale Projekte.

Erlöst hat dm im Geschäftsjahr 2010/11 rund 6,17 Milliarden Euro; das war ein Plus von 9,3 Prozent Plus im Vergleich zum Vorjahr. Von rund 2600 Filialen liegen 1300 in Deutschland. Ihre Grundfläche ist grundsätzlich größer als die der Konkurrenz, insbesondere die der Schlecker-Läden. Von den rund 40.000 Beschäftigten arbeiten 26.300 in Deutschland.

Rossmann
Die inzwischen wohl zweitgrößte deutsche Drogeriekette hat 2011 erstmals in ihrer 40-jährigen Firmengeschichte die Fünf-Milliarden-Umsatzmarke geknackt.

Der Umsatz lag bei 5,12 Milliarden Euro, ein Plus von 10,5 Prozent. Unterm Strich blieben dem Unternehmen aus Burgwedel in Niedersachsen nach eigenen Angaben 100 Millionen Euro Gewinn. Für das Jahr 2012 wird ein Gesamtumsatz von 5,6 Milliarden Euro erwartet. Rossmann betreibt in sechs europäischen Ländern 2531 Märkte und beschäftigt rund 31.000 Mitarbeiter. Rossmann will 2012 in Deutschland 110 neue Verkaufsstellen eröffnen. Dabei sollen rund tausend neue Arbeitsplätze entstehen.


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