Internet-Boom: China baut sich sein Silicon Valley

Aus Peking berichten  (Text) und Bernhard Riedmann (Multimedia)

Kopieren war gestern, bis 2020 will China Kreativ-Supermacht werden. Die kommunistische Regierung investiert Milliarden - und feiert erste Erfolge: Zehntausende Gründer zieht es nach Peking. In der Hauptstadt entsteht ein IT-Kosmos, der dem Silicon Valley immer ähnlicher wird.

Chinesische Gründer im Garage Cafe: Aufbruch ins High-Tech-Zeitalter Zur Großansicht
Bernhard Riedmann / DER SPIEGEL

Chinesische Gründer im Garage Cafe: Aufbruch ins High-Tech-Zeitalter

Die Verwandlung der Betty Tong begann mit einem Zitat von Deng Xiaoping, des großen chinesischen Reformers. "Mozhe shitou guohe", lautet es. "Taste nach den Steinen und überquere den Fluss." Betty sagt, es bedeute so viel wie: "Wenn du in deinem Leben etwas Schwieriges schaffen willst, arbeite dich langsam dahin vor." Es wurde ihr Lebensmotto, als sie die Uni schmiss, ihren Job kündigte - und ein Start-up gründete.

In den USA gibt es solche Geschichten zu Tausenden. Betty aber lebt mitten in China. Ihr momentaner Arbeitsplatz ist das Garage Cafe, der erste Ort in Peking, der nahezu ausschließlich von Start-up-Unternehmen bevölkert wird. Es ist eine junge Generation, die dem Mythos des Gründers nacheifert. Der Geschichte des armen Schluckers, der eine geniale Idee hat, damit unendlich reich wird und vielleicht die Welt verändert. Wer hier herkommt, lernt ein China kennen, das völlig anders ist, als man im Westen glaubt.

Dies ist die Geschichte von Betty Tong, die für ihre Freiheit alles riskiert. Von Lei Jun, der Chinas Steve Jobs werden will. Und von Kaiser Kuo und seinem gespaltenen Verhältnis zur Internetzensur. Die Geschichte der angehenden Supermacht China, die sich ihr eigenes Silicon Valley baut. Und sie beginnt ausgerechnet mit Planwirtschaft.

Menschen wie Betty und Orte wie das Garage Cafe dürfen existieren, weil die Kommunistische Partei existentielle Sorgen hat. Die Löhne steigen rapide, China kann bald nicht länger nur Billigproduzent westlicher Waren sein. Wenn die Wirtschaft weiter wachsen, wenn das Volk weiter Arbeit haben soll, muss sich China rasch entwickeln. Die Partei hat deshalb eine neue Nationale Richtlinie festgelegt: das Ziel von der "Forschungssupermacht".

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Fotostrecke: Chinas Silicon Valley
Bislang hat das Land vor allem die Produkte westlicher Firmen abgekupfert, hat Unternehmen nur ins Land gelassen, wenn sie einen Teil ihres Know-hows preisgaben. Doch das bringt China nur langsam voran. Ausländische Konzerne lassen günstig produzieren und verkaufen Produkte mit hohen Gewinnen weiter. Chinesische Firmen schaffen es trotz Wissenstransfers nur selten, ihnen Konkurrenz zu machen. Im Hochtechnologiesektor konnten sie fast keine Weltmarken aufbauen. Ein Großteil der Wertschöpfung fließt noch immer ins Ausland.

Nun ändert sich die Strategie. "Zizhu chuangxin", lautet das Motto, Innovation aus eigener Kraft. Damit aus einer Kopiernation ein Kreativkönigreich wird, sollen die Forschungsausgaben bis 2020 auf 402 Milliarden Dollar anschwellen und sogar die der USA übertreffen.

Es ist ein ambitionierter Plan. Aber kann das überhaupt klappen? Lassen sich Geistesblitze per Planwirtschaft verordnen? Und was passiert, wenn es funktioniert? Wenn in China wirklich bald ein Heer von Kreativen erwacht - kämpft es dann nicht auch gegen das Zensurregime?

In Peking läuft dieses Experiment bereits an. Zwischen der 4. und der 5. nördlichen Ringstraße, unweit des alten kaiserlichen Sommerpalastes, gibt es ein Viertel, dessen Zungenbrechernamen man sich merken sollte: Zhongguancun.

Im Viertel ragen Elektromärkte teils 18 Stockwerke in die Luft, gepflastert mit Neonreklamen, in denen es vom Platinenteilchen bis zum Server-Regal so ziemlich alles gibt. Dort glitzern die Bürotürme von IT-Riesen wie Google, IBM und Microsoft und von heimischen Marktführern wie Sina und Tencent. Dazwischen liegen die Büros von rund zehntausend Start-ups. Junge Menschen mit Mundschutz radeln die breiten, baumlosen Straßen entlang, vorbei an Autos und bedenklich beladenen Motor-Dreirädern, auf dem Weg zu einer der besten Hochschulen Chinas. Mitten in Zhongguancun, in einer kleinen Einkaufsstraße, liegt das Garage Cafe.

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insgesamt 70 Beiträge
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1. Paradox
gekko88 19.02.2012
Zitat von sysopBernhard Riedmann / DER SPIEGELKopieren war gestern, bis 2020 will China Kreativ-Supermacht werden. Die kommunistische Regierung investiert Milliarden - und feiert erste Erfolge: Zehntausende Gründer zieht es nach Peking. In der Hauptstadt entsteht ein IT-Kosmos, der dem Silicon Valley immer ähnlicher wird. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,815727,00.html
Internet-Boom ohne freies Internet? Viel Glück.
2. Schon wieder eine Kopie
svenni1064 19.02.2012
Naja, entscheidend ist ja nicht die Menge der Ausgaben für R&D in China insgesamt, sondern die Bereitschaft von Geldgebern (aller Couleur), in junge Unternehmen zu investieren. Wenn pro Jahr im Silicon Valley mehr in junge Unternehmen investiert wird als in ganz Europa, spricht das Bände über den Abstand, auch zu China. Und wo China in 10 Jahren steht, ist eine Wette mit vielen Unbekannten. China produziert eine Menge Humankapital, aber deren effizienter Einsatz bedarf dann wohl doch einiger Randbedingungen, die in einem System von mehreren 1000 Todesstrafen pro Jahr und politischer Willfährigkeit nicht gegeben sind. Tatsächlich wandern viele Chinesen eben ins Silicon Valley ab. Vermutlich ist das hier ein Versuch, das zu stoppen. Zudem: die IT Branche hat die Goldgräberzeiten hinter sich. Da wirkt dieser Cluster (mehr ist es wohl noch nicht) dann eher doch wie das was die Chinesen am besten können - eben das Silicon Valley kopieren. Andere Staaten haben das auch schon versucht, zB Frankreich in Sophie Antipolis bei Nizza. Das ging auch daneben. Die IT Branche tickt nämlich weltweit und nicht regional. China ist größer - aber seine Zukunft eben auch ungewisser. Viel interessanter und von der Deutschen Journaille leider zu ignoriert - sind die Entwicklungen in Indien. Ein Land mit gleicher Größe und so viel mehr kreativen Menschen, weil politisch nicht drangsaliert. Und nur das schafft Produktivität.
3. Ja, das wird
xiezeren 19.02.2012
ein Heulen, Klappern & Zähneknirschen, wenn man im achso kreativen OECD-Bereich wird lernen müssen, daß Kreativität ein menschlicher Grundcharakterzug darstellt und damit allen Mensch zukommt. Der Boom war übrigens auch längst absehbar, denn die Basis waren Alphabetisierung (70er, 80er Jahre), Einführung der allgemeinen Sekundarbildung (80er, 90er Jahre), Planung und Umsetzung der Höheren und der Berufsbildung (90er, ab ca. 2000). In aktuellen Planungen ist vom Übergang in die Wissensgesellschaft die Rede (s. z.B. Lu Yongxiang, Science & Technology in China: A Roadmap to 2050; Beijing / Heidelberg 2010). Immerhin: Der Spiegel berichtet darüber, aber bitte Leute, streicht doch das S.V. aus der Überschrift, auch wenn Chinesen die Superlative genauso lieben wie die Journaille hier. Sehen wirs doch ganz nüchtern, wo Knowhow (China hatte ein Bildungssystem lange bevor es so etwas in Europa, und damit im Westen gab - über Eigenheiten, Vor- und Nachteile mag man auf der Basis dieser Tatsache dann gerne trefflich streiten), Kapital und ein Plan zusammenkommen, da verspricht es eine Erfolgsstory zu werden, und frühzeitge Zusammenarbeit sollte angesagt sein. Wie sagte ein Altbundeskanzler so schön: "Wer zu spät kommt...". Schauen wir, daß wir rechtzeitig unsere Jungend hinschicken, um am kommenden Boom teilzuhaben.
4. Titel
Ghanima22 19.02.2012
Zitat von svenni1064Naja, entscheidend ist ja nicht die Menge der Ausgaben für R&D in China insgesamt, sondern die Bereitschaft von Geldgebern (aller Couleur), in junge Unternehmen zu investieren. Wenn pro Jahr im Silicon Valley mehr in junge Unternehmen investiert wird als in ganz Europa, spricht das Bände über den Abstand, auch zu China. Und wo China in 10 Jahren steht, ist eine Wette mit vielen Unbekannten. China produziert eine Menge Humankapital, aber deren effizienter Einsatz bedarf dann wohl doch einiger Randbedingungen, die in einem System von mehreren 1000 Todesstrafen pro Jahr und politischer Willfährigkeit nicht gegeben sind. Tatsächlich wandern viele Chinesen eben ins Silicon Valley ab. Vermutlich ist das hier ein Versuch, das zu stoppen. Zudem: die IT Branche hat die Goldgräberzeiten hinter sich. Da wirkt dieser Cluster (mehr ist es wohl noch nicht) dann eher doch wie das was die Chinesen am besten können - eben das Silicon Valley kopieren. Andere Staaten haben das auch schon versucht, zB Frankreich in Sophie Antipolis bei Nizza. Das ging auch daneben. Die IT Branche tickt nämlich weltweit und nicht regional. China ist größer - aber seine Zukunft eben auch ungewisser. Viel interessanter und von der Deutschen Journaille leider zu ignoriert - sind die Entwicklungen in Indien. Ein Land mit gleicher Größe und so viel mehr kreativen Menschen, weil politisch nicht drangsaliert. Und nur das schafft Produktivität.
Das ist nicht ganz richtig, oder welcher Europaer nutzt schon QQ. Bei mehr Internetnutzern in China als Einwohnern in Europa, wobei die einen sich mit den anderen mangels Interesse oder Sprachkenntnissen sowieso nicht verständigen können, gibt es in China noch viele Entwicklungsmöglichkeiten. Und auch die "globalen" greifen recht gerne auf das "lokal" existierende zurück um zu expandieren. Bsp. Expedia-E-Long Indien hat seine eigenen Probleme. Angefangen bei unerträglicher Armut, fehlender Infrastruktur, jede Menge ungelöster ethnischer Konflikte und Korruption. Die Hoffnung, Indien werde China bald ueberflügeln werden Jahr für Jahr durch die verfügbaren Zahlen widerlegt.
5. Sie haben völlig recht!
Gon.Orbhon 19.02.2012
Zitat von xiezerenein Heulen, Klappern & Zähneknirschen, wenn man im achso kreativen OECD-Bereich wird lernen müssen, daß Kreativität ein menschlicher Grundcharakterzug darstellt und damit allen Mensch zukommt. Der Boom war übrigens auch längst absehbar, denn die Basis waren Alphabetisierung (70er, 80er Jahre), Einführung der allgemeinen Sekundarbildung (80er, 90er Jahre), Planung und Umsetzung der Höheren und der Berufsbildung (90er, ab ca. 2000). In aktuellen Planungen ist vom Übergang in die Wissensgesellschaft die Rede (s. z.B. Lu Yongxiang, Science & Technology in China: A Roadmap to 2050; Beijing / Heidelberg 2010). Immerhin: Der Spiegel berichtet darüber, aber bitte Leute, streicht doch das S.V. aus der Überschrift, auch wenn Chinesen die Superlative genauso lieben wie die Journaille hier. Sehen wirs doch ganz nüchtern, wo Knowhow (China hatte ein Bildungssystem lange bevor es so etwas in Europa, und damit im Westen gab - über Eigenheiten, Vor- und Nachteile mag man auf der Basis dieser Tatsache dann gerne trefflich streiten), Kapital und ein Plan zusammenkommen, da verspricht es eine Erfolgsstory zu werden, und frühzeitge Zusammenarbeit sollte angesagt sein. Wie sagte ein Altbundeskanzler so schön: "Wer zu spät kommt...". Schauen wir, daß wir rechtzeitig unsere Jungend hinschicken, um am kommenden Boom teilzuhaben.
Deshalb kommt "Facebook","Google" und "YouTube"auch aus China. Wenn andere Länder sich an den komplett freien und unzensierten Informationsaustausch an China mal ein Beispiel nehmen würden!
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Die Fakten
In Zhongguancun befinden sich ...

  • rund 50 Hochschulen, darunter die zwei besten des Landes (Tsinghua und Peking Universität),
  • die Hauptquartiere großer IT-Konzerne wie Microsoft, Google, Sina oder Tencent,
  • rund 150 Inkubatoren für Start-ups, darunter Innovation Works, die Start-up-Schmiede von Kai-Fu Lee, des früheren Chefs von Google China,
  • rund 1000 Forschungszentren,
  • schätzungsweise 10.000 Start-ups.

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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