Aus Peking berichten Stefan Schultz (Text) und Bernhard Riedmann (Multimedia)

Chinesische Gründer im Garage Cafe: Aufbruch ins High-Tech-Zeitalter
In den USA gibt es solche Geschichten zu Tausenden. Betty aber lebt mitten in China. Ihr momentaner Arbeitsplatz ist das Garage Cafe, der erste Ort in Peking, der nahezu ausschließlich von Start-up-Unternehmen bevölkert wird. Es ist eine junge Generation, die dem Mythos des Gründers nacheifert. Der Geschichte des armen Schluckers, der eine geniale Idee hat, damit unendlich reich wird und vielleicht die Welt verändert. Wer hier herkommt, lernt ein China kennen, das völlig anders ist, als man im Westen glaubt.
Dies ist die Geschichte von Betty Tong, die für ihre Freiheit alles riskiert. Von Lei Jun, der Chinas Steve Jobs werden will. Und von Kaiser Kuo und seinem gespaltenen Verhältnis zur Internetzensur. Die Geschichte der angehenden Supermacht China, die sich ihr eigenes Silicon Valley baut. Und sie beginnt ausgerechnet mit Planwirtschaft.
Menschen wie Betty und Orte wie das Garage Cafe dürfen existieren, weil die Kommunistische Partei existentielle Sorgen hat. Die Löhne steigen rapide, China kann bald nicht länger nur Billigproduzent westlicher Waren sein. Wenn die Wirtschaft weiter wachsen, wenn das Volk weiter Arbeit haben soll, muss sich China rasch entwickeln. Die Partei hat deshalb eine neue Nationale Richtlinie festgelegt: das Ziel von der "Forschungssupermacht".
Nun ändert sich die Strategie. "Zizhu chuangxin", lautet das Motto, Innovation aus eigener Kraft. Damit aus einer Kopiernation ein Kreativkönigreich wird, sollen die Forschungsausgaben bis 2020 auf 402 Milliarden Dollar anschwellen und sogar die der USA übertreffen.
Es ist ein ambitionierter Plan. Aber kann das überhaupt klappen? Lassen sich Geistesblitze per Planwirtschaft verordnen? Und was passiert, wenn es funktioniert? Wenn in China wirklich bald ein Heer von Kreativen erwacht - kämpft es dann nicht auch gegen das Zensurregime?
In Peking läuft dieses Experiment bereits an. Zwischen der 4. und der 5. nördlichen Ringstraße, unweit des alten kaiserlichen Sommerpalastes, gibt es ein Viertel, dessen Zungenbrechernamen man sich merken sollte: Zhongguancun.
Im Viertel ragen Elektromärkte teils 18 Stockwerke in die Luft, gepflastert mit Neonreklamen, in denen es vom Platinenteilchen bis zum Server-Regal so ziemlich alles gibt. Dort glitzern die Bürotürme von IT-Riesen wie Google, IBM und Microsoft und von heimischen Marktführern wie Sina und Tencent. Dazwischen liegen die Büros von rund zehntausend Start-ups. Junge Menschen mit Mundschutz radeln die breiten, baumlosen Straßen entlang, vorbei an Autos und bedenklich beladenen Motor-Dreirädern, auf dem Weg zu einer der besten Hochschulen Chinas. Mitten in Zhongguancun, in einer kleinen Einkaufsstraße, liegt das Garage Cafe.
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