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Zickzack an den Agrarbörsen: Zocker spekulieren die Armen in den Hunger

Von und Jan Willmroth

Es ist ein Riesengeschäft für Spekulanten - und eine Katastrophe für die Ärmsten. Anleger stürzen sich wegen schwächelnder Aktien auf Agrarrohstoffe. Bei schlechten Nachrichten explodieren die Preise für Weizen oder Mais, für Entwicklungsländer sind sie kaum noch zu bezahlen.

Rohstoffbörse in Chicago: Erst steigen die Preise beim Weizen - dann bei Reis und Mais? Zur Großansicht
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Rohstoffbörse in Chicago: Erst steigen die Preise beim Weizen - dann bei Reis und Mais?

Hamburg - Sprunghaft ist der Preis für Weizen seit Anfang August gestiegen, zeitweise um 50 Prozent. Mittlerweile sind die Preise an den internationalen Rohstoffbörsen wieder leicht gesunken, doch nun warnen Experten davor, dass die Entwicklung sich bei Reis oder Mais fortsetzen könnte.

Vor allem beim Reis hätten steigende Preise dramatische Konsequenzen: Reis ist das Grundnahrungsmittel für die Hälfte der Weltbevölkerung. Steigende Preise könnten das ohnehin dramatische Ernährungsproblem verschärfen. Doch wie kommen sie eigentlich zustande?

Ökonomen kritisieren, dass sich die Preise für Agrarrohstoffe längst vom realen Angebot und der realen Nachfrage abgekoppelt haben. Seit der Finanzkrise suchen Abermilliarden von Dollar und Euro neue Anlageformen. Statt US-Immobilien sind nun Öl, Metalle und eben auch landwirtschaftliche Produkte gefragt. An Rohstoffbörsen wie in Chicago treiben Zocker die Preise in die Höhe - und verteuern so für Milliarden Menschen die Grundnahrungsmittel.

Dabei nutzen die Spekulanten einen ohnehin vorhandenen Trend aus. Denn unabhängig vom Börsenbetrieb gibt es einen ganz realen Grund, der Agrarrohstoffe teurer macht: die weltweit steigende Nachfrage nach Fleisch und Biosprit.

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Agrarrohstoffe: Wie sich der Preis von Weizen und Reis entwickelt
Schon heute wird die Hälfte der weltweiten Getreideernte an Schlachtvieh verfüttert. Und dies könnte sich durch den wachsenden Hunger auf Fleisch in China noch verschärfen. Wegen des zunehmenden Wohlstands wechseln die Menschen in den Schwellenländern ihre Ernährungsgewohnheiten: Sie essen mehr tierische Produkte. Schon wandert die Hälfte der weltweiten Getreideernte in Futtermittel.

Angesichts der steigenden Rohstoffpreise werden Erinnerungen an die Hungerkrise 2008 wach. Damals verdreifachte sich der Reispreis, die ärmsten Länder der Welt konnten ihre Bevölkerung nicht mehr ernähren. In Indonesien musste die Armee Reislager bewachen, in Haiti wurden Menschen bei Aufständen getötet, in 30 weiteren Ländern gab es Unruhen.

Danach sanken die Preise an den Rohstoffbörsen wieder, das Problem schien überstanden. Doch die Hungerkrise war nie vorbei, sie verschwand nur aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Die Zahl der Hungernden stieg weltweit in wenigen Jahren von 850 Millionen auf über eine Milliarde. Allein im Jahr 2009 kamen rund hundert Millionen Menschen hinzu, schätzt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen.

Am Markt herrschte Hysterie

Und langfristig werden Nahrungsmittel immer teurer, schätzen die Vereinten Nationen und die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). In ihrem "Agricultural Outlook 2010" heißt es, dass die Preise für Weizen und Grobgetreide bis 2020 inflationsbereinigt um durchschnittlich 15 bis 40 Prozent zulegen.

Das Problem sind aber nicht langsam steigende Preise - damit könnten Wirtschaft und Verbraucher leben. Wirkliche Sorge bereitet Experten das extreme Auf und Ab an den Rohstoffbörsen. Dabei drängen sich Fragen auf: Wieso spekulieren Anleger ausgerechnet auf steigende oder fallende Preise bei Grundnahrungsmitteln - und machen so Rendite auf Kosten der Ärmsten?

Agrarökonom Joachim von Braun hat sich intensiv dem Thema beschäftigt. Im SPIEGEL-Interview erklärte er, dass es durchaus Spekulanten gebe, deren Handeln auf dem realen Getreidemarkt eine wichtige Funktion erfülle. Sie wirken wie Trendsetter, die den anderen Marktteilnehmern die Richtung vorgeben - für Landwirte ist das extrem wichtig. Daneben gebe es aber auch die "vom Finanzmarkt getriebene Spekulation, die sich vom realen Markt losgelöst hat und die Preise verzerrt".

Getrieben von Panik oder Euphorie

Wie das funktioniert, wurde Anfang August deutlich, als der Weizenpreis sprunghaft stieg. Ursprünglich hatte der Großteil der Anleger auf fallende Preise gesetzt und daher Leerverkäufe abgeschlossen, sich also Weizen geliehen und verkauft, um ihn später zu einem niedrigeren Preis einzukaufen. Doch dann kam die Schocknachricht aus Russland: Weil Waldbrände die Ernte bedrohten, verhängte der Kreml ein Exportverbot.

Am Markt herrschte plötzlich Panik. Durch massive Aufkäufe stieg der Weizenpreis zeitweise um 50 Prozent. "Obwohl genug Weizen in den Lagern war, überwogen für die Anleger plötzlich die Risiken", sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte von der Commerzbank. Er kritisiert den Herdentrieb auf dem Markt, die Preise würden nicht mehr von Fundamentaldaten wie Ernteerträgen gesteuert, sondern von der Stimmung - also Panik oder Euphorie.

Die Folge ist eine Art Rückkopplungseffekt auf den realen Markt. Denn das extreme Auf und Ab der Preise verunsichert die Bauern. Sie horten ihre Ernte - in der Hoffnung, selbst ein bisschen am Spekulationsgeschäft zu verdienen. "Das gehört mit zum Geschäft", sagte kürzlich ein US-Farmer im ZDF. Die Konsequenzen sind fatal: In Indien und China verrotten zum Teil schon die Bestände. Für die Landwirte ist es lukrativer, auf steigende Preise zu wetten, als ihre Produkte gleich nach der Ernte zu verkaufen.

"Wir können fast nichts mehr kaufen"

Die Verlierer des Spiels sind die Ärmsten der Armen. Für Ralf Südhoff, den Leiter der deutschen Abteilung des Welternährungsprogramms (WFP), sind die Aussichten finster. Das Welternährungsprogramm ist in vielen Ländern der größte Aufkäufer von Agrarprodukten und leistet etwa ein Drittel seiner Nahrungsmittelhilfe in Weizen.

Das heißt: Jedes Jahr kauft die Uno-Organisation mehr als eine Million Tonnen Weizen, um Flüchtlingen oder Opfern von Naturkatastrophen zu helfen. Rund eine Milliarde Dollar gibt sie pro Jahr für Nahrungsmittel aus. Den Märkten ist das WFP völlig ausgeliefert. Wenn Weizen wie derzeit viel teurer wird, schrumpft die Hilfe. "Wir können mancherorts fast nichts mehr aufkaufen, wenn die Preise so stark steigen", sagt Südhoff.

Zudem ist das Budget der Organisation in diesem Jahr arg beschränkt: Erst ein Drittel des Geldes für 2010 kam bisher an. Südhoff fürchtet, dass es bis Jahresende nur die Hälfte sein wird. Zu 90 Prozent kommen diese Mittel freiwillig von Regierungen - die ihre Zusagen teils einfach nicht einhalten. Die Hilfe im Irak ist zu 97 Prozent nicht finanziert. Im überfluteten Pakistan bräuchte es doppelt so viel Geld wie momentan zur Verfügung steht. Im völlig zerstörten Haiti fehlen etwa hundert Millionen Euro.

Schon eine schwache Maisernte wäre problematisch

Analysten warnen vor einer Kettenreaktion: Steigt in diesem Jahr der Preis für Getreide, so werden Bauern in der kommenden Saison vermehrt Getreide anpflanzen. Dadurch könnten aber wiederum Mais oder Sojabohnen knapp werden. "Momentan ist die Lage noch beherrschbar, aber schon eine schwache Maisernte könnte die Probleme enorm verschärfen", sagt Axel Herlinghaus, Rohstoffanalyst bei der DZ Bank. Beim Mais gebe es traditionell geringe Reserven, die Pflanze sei aber entscheidender Lieferant für die Futtermittel- und Biospritproduktion.

Aber wie auch immer sich die Gewichte innerhalb des Getreidemarkts verschieben - ein Trend steht in jedem Fall fest: Der steigende Bedarf an Biosprit und Futtermitteln treibt die Nachfrage. Herlinghaus sieht darin sogar das Hauptproblem. Die wegen der wachsenden Weltbevölkerung steigende Nachfrage nach Getreide als Nahrungsmittel ließe sich mit steigenden Ernteerträgen abfangen. Doch die zunehmende Gier nach Fleisch und die Expansion des Biospritmarkts stelle ein Risiko für die Agrarmärkte dar.

Hoffnung machen Forschungen in den USA: Künftig könnten beim Biosprit nur noch Pflanzenreste für die Produktion gebraucht werden - und nicht mehr die Maiskolben selbst. "Das wäre eine ideale Lösung", sagt Herlinghaus. Und die Märkte könnten sich wieder beruhigen.

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1. Die Millionen von Toten, die schon vor Jahren abzusehen waren
Ghost12 30.08.2010
gehen auf das Konto von Bernanke und Trichet und den Politikern und Privatbankern, die sie zu immer mehr Produktion von Falschgeld verleiten. Die zugekoksten Zockerbanker benutzen nur die Waffen, die man ihnen geladen in die Hand gedrückt und sie schon im Voraus exkulpiert hat. Bail-Out, Alternativlos. Shame on Obamas, Merkels und Co. die für den Preis von billigster Politmacht Millionen verrecken lassen.
2. Komisch
Incubus6 30.08.2010
Was nur am Rande kommt ist Tatsache, dass in Deutschland der Biospritanbau subventioniert wird. Also lieber hier ökologisch autofahren und in der dritten Welt hungern. Das ist die Idee der GRÜNEN!!! Oder mal zu OBI gehen, da gibt es Heizungen die mit Getreide laufen, da die Steuern auf Öl und Gas kaum noch zu bezahlen sind. Oder doch einfach mal den Bauen Geld zahlen damit sich kein Getreide anbauen und das Feld brach liegen lassen. So lange wir so mit Rohstoffen umgehen und dabei ein ökologisch sauberes Gewissen haben, sollten wir nicht mit den Finger auf andere zeigen.
3. ....
Jan B. 30.08.2010
Zitat von Ghost12gehen auf das Konto von Bernanke und Trichet und den Politikern und Privatbankern, die sie zu immer mehr Produktion von Falschgeld verleiten. Die zugekoksten Zockerbanker benutzen nur die Waffen, die man ihnen geladen in die Hand gedrückt und sie schon im Voraus exkulpiert hat. Bail-Out, Alternativlos. Shame on Obamas, Merkels und Co. die für den Preis von billigster Politmacht Millionen verrecken lassen.
Und was ist mit den Millionen von Anlegern, die sicherlich derzeit ihr Geld auch in Geschäfte mit Nahrungsmitteln investieren? Nein die tragen daran keine Schuld mit, die wollen ja nur ihr sauer verdientes Geld arbeiten lassen. Man sollte die Spekulationen mit Grundnahrungsmitteln auf ein absolutes Minimum beschränken, aber da rührt wieder keiner den Finger.
4. Preisverlauf zu kurzfristig dargestellt
quinta007 30.08.2010
Schauen Sie sich doch bitte einen laengerfristigen Preisverlauf der Agrarpreise an. Da sieht das alles nicht sehr schlimm aus: http://www.finviz.com/quote.ashx?t=DBA&ty=l&ta=0&p=w
5. Spekulation mit Nahrungsmitteln
wremy 30.08.2010
Unter den sogenannten zivilisierten Laendern sollte man eine Staerkung der "sozialen" Marktwirtschaft erwarten inklusive eines sozialen Verhaltens der Finanzmaerkte. Wer kann schon vertreten dass Finanzakteure aus Geldgier den Hungernden die Lebensmittel wegnehmen? Aber es ist so. Die Finanzspekulation erschwert auch die Anbauplanung. Unsere Politiker sind aber kaum faehig diesem Triben Einhalt zu gebieten. Leider.
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