Zigarettenschachteln Tabakindustrie hält Schockbilder für unwirksam

Schockierende Fotos sollen Raucher seit Mai vor den Risiken des Konsums warnen. Die Tabakindustrie hat die Bilder lange verhindern wollen, nun behauptet sie: Alles gar nicht so schlimm - und greift zu Tricks.

Zigarettenschachtel mit Schockbild
DPA

Zigarettenschachtel mit Schockbild


Kindersärge, abgefaulte Zähne, kranke Lungen - seit Mai zeigen Fotos auf Zigarettenschachteln, welche Folgen Tabakkonsum haben kann. Die Bilder sollen die Raucher abschrecken. Kein Wunder also, dass Tabakindustrie und Lobbyverbände lange Zeit alles versuchten, um die Fotos auf den Packungen zu verhindern. Ohne Erfolg.

Knapp fünf Monate nach Inkrafttreten der EU-Richtlinie gibt sich die Branche betont gelassen. "Das hat sich bei uns schlichtweg nicht ausgewirkt", sagt Rainer von Bötticher vom Bundesverband des Tabakwaren-Einzelhandels (BTWE). Es habe keine Protestwelle von Kunden gegeben. Zu den Aufdruck verdeckenden Schachtelschiebern oder Etuis hätte bisher nur ein kleiner Teil der Raucher gegriffen.

Der Absatz und Umsatz des Tabakwareneinzelhandels entwickelt sich stabil. Im zweiten Quartal 2016 lag der Zigarettenumsatz, der über Steuerzeichen errechnet wird, laut dem Statistischen Bundesamt bei 4,8 Milliarden Euro.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind das zwar 11,6 Prozent weniger. Das liegt jedoch vor allem daran, dass die Tabakbranche in den ersten vier Monaten dieses Jahres die Produktion und damit den Kauf von Steuerzeichen noch einmal ausgeweitet hatte, um noch möglichst viele Schachteln vor der Umstellung zu produzieren. Nach Mai wurden dann weniger Steuerzeichen bezogen.

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EU-Richtlinie: Schockbilder auf Zigarettenpackungen

Der Umsatz von Feinschnitt stieg im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 6,6 Prozent auf gut eine Milliarde Euro. Gerade beim Feinschnitt, also Tabak der in einer Dose verkauft und dann zur Zigarette gedreht oder gestopft wird, steige der Absatz, sagt der Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Rauchtabakindustrie, Michael von Foerster. Auch er zeigt sich wenig beeindruckt von den vorgeschriebenen Aufdrucken. (Lesen Sie hier den Faktencheck zur EU-Tabakrichtlinie.)

"Die Bilder wirken schon sehr abschreckend"

Also alles umsonst? Nicht wirklich, sagen Nichtraucherverbände und ärgern sich über die Haltung der Tabakindustrie. Es zeige sich sehr wohl in anderen Ländern, dass die Bildwarnhinweise etwas bewirken, sagt Ute Mons, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg.

"Die Bilder erregen einfach mehr Aufmerksamkeit", sagt die Ärztin. Dass einige Raucher zu Etuis greifen, sei ein Beweis dafür, dass die Warnhinweise die Menschen emotional erreichten. Und das sei der erste Schritt, um mit dem Rauchen aufzuhören.

Auch die bundesweite Organisation Forum Rauchfrei hört die Beschwichtigungen der Tabakbranche nicht gern. "Gerade bei Kindern und Jugendlichen wirken die Bilder schon sehr abschreckend", sagt Johannes Spatz, Sprecher der Initiative. Verdeckaktionen der Tabakbranche zeigen Spatz' Ansicht nach klar, dass der Industrie die Warnhinweise gar nicht schmecken.

Denn die Hersteller haben aus seiner Sicht längst eine neue Taktik gefunden, sich gegen die Fotos zu wehren. Seitdem es die Schockbilder auf den Packungen gibt, versenden sie nun Blenden und Banderolen, die in Verkaufsstellen vor der Glasleiste des Zigarettenregals angebracht werden können, wie Spatz sagt. "Die Schockbilder sind dann im Regal nicht mehr zu sehen."

Die Kunden würden sie erst erkennen, wenn die Schachtel schon in der Hand liege. Mit Verdecken habe das nichts zu tun, sagt der Deutsche Zigarettenverband (DZV). "Die Hersteller geben Orientierungshilfen", sagt DZV-Geschäftsführer Jan Mücke. Wegen der großflächigen Warnaufdrucke könnten die Kunden die Marke nicht mehr erkennen und die Produkte nicht mehr so gut unterscheiden. Deshalb gebe es nun die Banderolen.

brk/Amelie Richter, dpa

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Seite 1
2cv 16.09.2016
1. Klar. Tricksen. Wie immer.
Wenn doch alles nicht so schlimm wäre, bräuchte man die "Verdeckerli" doch nicht, richtig? Der Haken ist ja eher, daß die Tankstellenpächter und andere unter Druck gesetzt werden... selber erlebt, der Kassierer an unserer Tanke, der dann auch nachts den Shop auffüllen muss, wurde von seinem Chef freundlich gebeten, das doch zu montieren, weil er das "von oben verordnet" bekommt.
Reziprozität 16.09.2016
2.
Zitat von 2cvWenn doch alles nicht so schlimm wäre, bräuchte man die "Verdeckerli" doch nicht, richtig? Der Haken ist ja eher, daß die Tankstellenpächter und andere unter Druck gesetzt werden... selber erlebt, der Kassierer an unserer Tanke, der dann auch nachts den Shop auffüllen muss, wurde von seinem Chef freundlich gebeten, das doch zu montieren, weil er das "von oben verordnet" bekommt.
Das ist doch im Handel gang und gäbe, dass Hersteller den Endverkäufern vorschreiben wie sie ihre Produkte zum Kauf zu präsentieren haben. Von den Personen die keine Tabakwaren konsumieren und die sich womöglich all diese "Schockbildchen" anschauen müssen mal ganz zu schweigen ...
Senfei1848 16.09.2016
3. Bigotterie
An sich kann ich damit leben, dass da jetzt so Bildchen drauf sind. Schockieren mich nicht wirklich, ist ja nicht so als hätte ich das vorher nicht gewusst. Aber vielleicht bewirkt es ja bei Jugendlichen, dass sie nicht rauchen. Das fänd ich gut. Letztlich muss trotzdem jeder selbst wissen, was er tut. Bigott finde ich es nur weiterhin, dass es auf anderen schädlichen Artikeln solche Bildchen nicht gibt und v.a., dass die Tabaksteuer nicht dahin geht, wo sie hingehört, i.e. zweckgebunden in die Krankenversicherung.
Gmorker 16.09.2016
4.
Hat sich eigentlich mal irgendjemand Gedanken gemacht, was die Bilder für einen störenden Effekt bei Nichtrauchern haben? Mein einziger Kontakt zu Zigaretten ist üblicherweise in Märkten, in denen das Zeug verkauft wird, weil ich selbt mein Leben lang immer schon Nichtraucher war und das wird sich nach 45 Jahren jetzt wohl auch nicht mehr ändern. Bisher war dann an der Supermarktkasse halt beim Kunden vor oder hinter mir, die Packung Zigaretten mit auf dem Band.. Jetzt allerdings mit Ekelaufdruck, denn nichts anderes als den Ekelreiz der Menschen sollen diese Bilder doch ansprechen. Das sehen dann aber auch Kinder und das sehen vor allem immer wieder die Kassierer/innen, und die scheinen sich nach meiner Beobachtung weit mehr von den Bildern gestört als die Raucher selbst, denen die Bilder tatsächlich weitestgehend egal zu sein scheinen. Einen sozialen Druck auf die Raucher, Nichtraucher nicht mehr mit solchen Bildern zu belästigen, konnte ich bisher nicht erkennen, somit sehe ich nichts positives an diesen Aufdrucken.
Chefredakteur 16.09.2016
5. Stimmt nicht!
Ich kenne mehrere Leute die wegen Schockbilder zu rauchen aufgehört haben! Einige haben eine Weile E-Zigarren probiert, aber das schmeckt nicht wie eine echte Zigarette! Also Leute, Zigaretten haben keine Zukunft, denn wenn der Konsument dadurch sterbt, dann wer soll es rauchen?! Unsere Kinder und deren Kinder?! Ich halte Zigaretten als schlimmste Sünde 20 und 21 Jahrhundert, irgendwann werden die Menschen über uns den Kopf schütteln wenn sie von unsere Raucherei erfahren!
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