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Zigarettenschmuggel: Ökonomen werfen Tabakfirmen Statistiktricks vor

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Pro Jahr rauchen die Deutschen rund 16 Milliarden illegal eingeführte Zigaretten. Behauptet die Tabakindustrie. Für zwei Hamburger Forscher sind die Zahlen heillos übertrieben - sie hätten nur ein Ziel: Steuererhöhungen verhindern. Der Lobbyverband weist die Kritik zurück.

Kritik an Statistik: Wo die Tabakindustrie leere Schachteln sammelt Fotos
dpa

Hamburg - Es ist eine simple Rechnung, mit der Michael Adams und Tobias Effertz ihre Zweifel veranschaulichen: "Wenn die Zahlen der Industrie stimmen, müsste jeder deutsche Raucher pro Jahr mehr als drei Stangen illegaler Zigaretten kaufen. Oder 4,4 Millionen Menschen rauchen ausschließlich illegal."

Die beiden Ökonomen der Universität Hamburg kritisieren die Angaben der Zigarettenindustrie. Demnach ist der Anteil der nicht versteuerten Zigaretten seit 2005 stark gestiegen. Für jede fünfte Fluppe werde in Deutschland keine Tabaksteuer entrichtet - insgesamt gehe es um 23 Milliarden Stück. Ein Drittel stamme aus legalem zollfreiem Einkauf, der Rest komme illegal über die Grenze, durch Überschreitung der zulässigen Mengen und professionellen Schmuggel.

Der Deutsche Zigarettenverband (DZV) beruft sich auf Studien des Marktforschungsinstituts Ipsos. Adams und Effertz haben sich diese Untersuchungen genauer angeschaut - ihr Aufsatz "Zur Glaubwürdigkeit der Entsorgungsstudie der Tabakindustrie" erscheint demnächst in der Zeitschrift "Das Gesundheitswesen".

Die Autoren kritisieren, der DZV setze den Anteil nicht versteuerter Zigaretten "viel zu hoch" an, die Zahlen könnten "aufgrund der wissenschaftlich unseriösen Erhebungsmethoden nicht stimmen". Und die Hamburger Wissenschaftler gehen noch weiter: Sie werfen dem Verband vor, die Zahlen so hingebogen zu haben, um damit eine Erhöhung der Tabaksteuer zu verhindern.

Zweifel an Repräsentativität der Schmuggel-Studie

Worum es geht: Im Auftrag des DZV werden an ausgewählten Standorten monatlich über 12.000 Zigarettenschachteln aus dem Müll gefischt. Der Anteil der nicht versteuerten Kippen wird dann für Deutschland hochgerechnet, beim Institut Ipsos. Laut Adam und Effertz eine "ungewöhnliche, aber durchaus einfallsreiche Methodik". Aber nur wenn die Standorte, an denen die Schachteln aus dem Müll gesiebt werden, wirklich repräsentativ ausgewählt seien - und genau daran haben die Ökonomen große Zweifel.

Sie werfen dem DZV und Ipsos vor, die Orte der 22 Sammelstellen danach gewählt zu haben, wo ein besonders hoher Anteil nicht versteuerter Zigaretten zu erwarten ist - siehe Deutschlandkarte in der Fotostrecke:

  • Demnach liegen viele Sammelstellen in Grenznähe zu Ländern, in denen Zigaretten wesentlich billiger als in Deutschland sind - Tschechien, Polen, Luxemburg, Österreich.
  • Weitere Standorte liegen laut den Forschern in unmittelbarer Nähe der Bundesautobahnen 2 und 12, die als "Warschauer Allee" bekannt sind - eine der wesentlichen Schmuggelrouten in Deutschland.
  • Eine Konzentration gebe es auch in den Regionen Südpfalz und Karlsruhe. Dort sind US-Soldaten in den größten europäischen Stützpunkten stationiert, sie können ihre Zigaretten steuerfrei in sogenannten PX-Shops kaufen.
  • Auch die Sammelstellen in Hamburg und Rostock seien problematisch, da sie "mit ihren Häfen mögliche Konzentrationspunkte von Schmuggelaktivitäten bilden".

Der Zigarettenverband und das Institut Ipsos weisen die Kritik zurück. "Selbstkritisch wie wir sind, haben wir das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) beauftragt, sich wissenschaftlich mit der Art der Erhebung und Repräsentativität der Studie auseinander zu setzen", teilte ein DZV-Sprecher SPIEGEL ONLINE auf Anfrage mit. Das HWWI komme zu dem Ergebnis, dass die Studie "ein valides und repräsentatives Instrument" sei.

Zudem werde sie auch vom TÜV geprüft und begutachtet, zuletzt im Januar. Darin seien die Ergebnisse als "repräsentativ" und der Verlauf als "ordnungsgemäß" eingeschätzt, teilte eine Ipsos-Sprecherin mit.

Zum Vorwurf, die Auswahl der Standorte verfälsche die Statistik, heißt es beim DZV: "Die Stationen sind so ausgewählt, dass sie Deutschland flächenmäßig abdecken und eine repräsentative Hochrechnung ermöglichen." Die Ipsos-Sprecherin ergänzt: Die Zahl und Lage der Sammelgebiete ändere sich ständig. "Ein Eingehen auf die Stationen zu einem bestimmten Zeitpunkt kann immer nur eine Momentaufnahme sein. Die Studie stelle jedoch Zeitreihen dar."

"Das scheint eine freie Erfindung zu sein"

Die Ipsos-Studie sei "ein starker Indikator dafür", dass der Anteil der nicht versteuerten Zigaretten bei ungefähr 20 Prozent liege. "Natürlich wissen wir, dass es statistische Schwankungen gibt. Diese werden aber in der Schätzung berücksichtigt."

Allerdings geschehe dies nur im Bezug auf die Menge der Raucher, kritisieren die Wirtschaftswissenschaftler Adams und Effertz. Sie sagen, für die Behauptung der Tabakindustrie, von den nicht versteuerten Zigaretten seien zwei Drittel illegal, fehle "jegliche belegbare empirische Grundlage". "Das scheint eine freie Erfindung zu sein", sagte Adams zu SPIEGEL ONLINE.

Die Vergangenheit habe gezeigt, dass die Zigarettenindustrie weltweit abgestimmt unter Einsatz von Tarnfirmen und gekaufter Wissenschaft die Öffentlichkeit über ihre Produkte, ihr Verhalten und die Wirkung staatlicher Gesundheitspolitik systematisch belogen habe. "Hierfür sind sie fortlaufend von den Gerichten verurteilt worden." Ihm falle es schwer zu glauben, "dass die Schmuggelstory der Industrie eine Abkehr von dieser Praxis ist".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. .
dale_gribble 25.05.2010
Zitat von sysopPro Jahr rauchen die Deutschen rund 16 Milliarden illegal eingeführte Zigaretten. Behauptet die Tabakindustrie. Für zwei Hamburger Forscher sind die Zahlen heillos übertrieben - sie hätten nur ein Ziel: Steuererhöhungen verhindern. Der Lobbyverband weist die Kritik zurück. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,696237,00.html
Halte ich nicht wirklich fuer übertrieben. Wenn man die auf der Strasse und im Müll liegenden Zigarettenschachteln so ansieht, dann sieht man EXTREM häufig ausländische.
2. Übertrieben?
m.knappe 25.05.2010
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Zahlen wirklich übertrieben sind. Ich selbst bin schon vor ~20 Jahren auf Tabak umgestiegen, deshalb kam ich nie in Versuchung.. In meinem Bekanntenkreis und am Arbeitsplatz beobachte ich aber, dass der überwiegende Teil die bekannten Zigaretten"marken" bzw. aus Schachteln mit exotischen Banderolen raucht. Das ist bestimmt nicht repräsentativ, sondern meine subjektive Beobachtung. Wenn man von einem, in meinen Augen normalen, Suchtraucher ausgeht, dann verraucht der ~ 20 Stangen/Jahr. Ist es dann so unwahrscheinlich, dass 2-3 Stangen davon nicht ordentlich versteuert sind? Oder dass einige ihren gesamten Bedarf so decken ?
3. .
dale_gribble 25.05.2010
Zitat von m.knappeIch bin mir nicht sicher, ob diese Zahlen wirklich übertrieben sind. Ich selbst bin schon vor ~20 Jahren auf Tabak umgestiegen, deshalb kam ich nie in Versuchung.. In meinem Bekanntenkreis und am Arbeitsplatz beobachte ich aber, dass der überwiegende Teil die bekannten Zigaretten"marken" bzw. aus Schachteln mit exotischen Banderolen raucht. Das ist bestimmt nicht repräsentativ, sondern meine subjektive Beobachtung. Wenn man von einem, in meinen Augen normalen, Suchtraucher ausgeht, dann verraucht der ~ 20 Stangen/Jahr. Ist es dann so unwahrscheinlich, dass 2-3 Stangen davon nicht ordentlich versteuert sind? Oder dass einige ihren gesamten Bedarf so decken ?
Wenn man halbwegs nahe an der Grenze wohnt, dann kann man ja fast nicht anders als nach Polen etc. zu fahren. Ein Kurztrip mit 4 Leuten und man hat über 500 Euro gespart.
4. übertrieben?
dual_studentin 25.05.2010
Meiner Meinung nach sind die Zahlen nicht übertrieben. In meinem Bekanntenkreis gibt es doch einige, die ihren Konsum komplett auf ausländische Zigaretten umgestellt haben. Aber hauptsache immer gegen die Raucher und die Tabakindustrie wettern...
5. Für einen titelfreies SpOn-Forum.
Rainer Helmbrecht 25.05.2010
Zitat von sysopPro Jahr rauchen die Deutschen rund 16 Milliarden illegal eingeführte Zigaretten. Behauptet die Tabakindustrie. Für zwei Hamburger Forscher sind die Zahlen heillos übertrieben - sie hätten nur ein Ziel: Steuererhöhungen verhindern. Der Lobbyverband weist die Kritik zurück. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,696237,00.html
Ich verstehe das ganze Problem nicht. Der Hersteller muss seine Produkte versteuert am Markt anbieten. und sich die Steuern dann beim Kunden wieder abziehen. Ist doch ganz einfach. Wer unversteuerte Ware auf dem Markt anbietet, ist ein Steuerhinterzieher. MfG. Rainer
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