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Crash am Anleihemarkt: Die Zinsen steigen wieder

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EZB-Zentrale in Frankfurt: Ende des Abwärtstrends Zur Großansicht
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EZB-Zentrale in Frankfurt: Ende des Abwärtstrends

Seit gut drei Wochen steigen die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen in einem atemberaubenden Tempo. Ist das die Wende zum Guten für deutsche Sparer? Oder ist lediglich eine riesige Spekulationsblase geplatzt?

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Haben Sie den Crash mitbekommen? Nein? Dann geht es Ihnen wahrscheinlich wie den meisten deutschen Otto-Normal-Sparern. Wenn der Aktienmarkt bebt, herrscht hierzulande stets große Aufregung, obwohl nur jeder fünfzehnte Deutsche überhaupt Aktien besitzt.

In den vergangenen Wochen fand das Beben allerdings auf einem anderen Teil des Finanzmarkts statt, der deutlich mehr Menschen betrifft, aber in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird: Am Markt für Staatsanleihen stürzten die Kurse plötzlich binnen weniger Wochen dramatisch ab. Eine Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit etwa verlor von Mitte April bis Mitte Mai mehr als sechs Prozent. Noch vor wenigen Jahren waren solche Kurseinbrüche kaum denkbar, der Anleihemarkt galt als langweilig und vergleichsweise bewegungsarm.

Das hat sich mittlerweile geändert: In Zeiten, in denen Staaten wie Griechenland von der Pleite bedroht sind und die großen Notenbanken mit riesigen Kaufprogrammen am Anleihemarkt mitmischen, sind die Bewegungen hektischer geworden.

Das hat Auswirkungen auf die Zinsen, wie der jüngste Minicrash zeigt: Mitte April kauften Anleger zehnjährige Bundesanleihen noch praktisch zum Nullzins. Gerade mal 0,05 Prozent Rendite verlangten sie zeitweise. In dieser Woche bekamen sie dagegen schon mehr als 0,7 Prozent. Die Rendite hat sich also binnen eines Monats etwa verfünfzehnfacht. Erst an diesem Freitag ging sie leicht zurück.

Am Mittwoch bekam auch Finanzminister Wolfgang Schäuble die veränderte Zinswelt zu spüren: Bei der Versteigerung einer zehnjährigen Anleihe musste der Bund den Investoren 0,65 Prozent Rendite bieten - gut 0,5 Prozentpunkte mehr als noch bei der letzten Auktion ein paar Wochen zuvor. Die höheren Zinsen bedeuten für Schäuble mehrere Millionen Euro höhere Kosten.

Sollte die Bewegung anhalten, wird das auch Auswirkungen auf normale Sparer haben. Denn die Zinsen auf Tages- oder Festgeld orientieren sich unter anderem an den Anleiherenditen. Auch die Verzinsung von Lebensversicherungen entwickelt sich mittelfristig nach den Vorgaben des Anleihemarktes.

Ist das nun also die Trendwende, die uns wieder höhere Zinsen beschert? Die meisten Experten bezweifeln das. Sie sehen im jüngsten Zinsanstieg vor allem eine Korrektur der zuvor übertrieben niedrigen Renditen.

Ein Superspekulant als Auslöser

Vor allem seit klar war, dass die Europäische Zentralbank (EZB) in großem Stil Staatsanleihen der Eurostaaten aufkaufen würde, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen, haben sich viele Investoren als Trittbrettfahrer betätigt und ebenfalls Bundesanleihen gekauft. Die Kurse, so die Hoffnung, müssten zwangsläufig steigen, wenn die Notenbank die Nachfrage erhöht. Entsprechend müsste der deutsche Staat den Anlegern niedrige Zinsen bieten, seine Papiere würde er durch die EZB-Käufe ohnehin los.

So kam es dann auch. Anfang März begann die EZB mit den Anleihekäufen, die Renditen sanken auf nie gekannte Tiefststände, und viele Investoren verdienten daran kräftig Geld.

Doch offenbar war der Run auf die Anleihen übertrieben. Wenn an den Finanzmärkten alle in die gleiche Richtung gelaufen sind und sich eine sogenannte Spekulationsblase gebildet hat, braucht es oft nur einen kleinen Auslöser, um diese Blase platzen zu lassen. Den lieferte diesmal der Amerikaner Bill Gross.

Am 21. April rief der als "Anleihenkönig" bekannte Fondsmanager zur Wette gegen Bundespapiere auf. Die deutschen Staatsanleihen seien "the short of a lifetime", twitterte Gross. Also die Chance des Lebens. Unter "short" verstehen Finanzprofis eine Wette auf fallende Kurse. Viele von ihnen hielten sich offenbar an Gross' Ratschlag.

Bis jetzt lagen sie damit richtig. Wer damals viel Geld auf fallende Anleihekurse setzte, hat in wenigen Wochen ein Vermögen gemacht.

Zusammengefasst: Die Renditen deutscher Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Wochen drastisch erhöht. Musste der Bund Investoren Mitte April fast gar keine Zinsen mehr bieten, wenn er sich für zehn Jahre Geld leihen wollte, sind es mittlerweile wieder rund 0,7 Prozent. Sollte die Entwicklung länger anhalten, könnten auch normale Sparer bald wieder höhere Zinsen bekommen.

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1. Es war bestimmt
malocher77 15.05.2015
Die SNB,die deutsche Staatsanleihen im großen Stil verkauft.Ob unsere schwarze Null von Finanzminister auch schwarze Null jetzt schafft? Ob die Steuerzahler endlich die kalte Progression abgebaut bekommen steht auch in den Sternen...
2. soso mit short kann man Geld machen
wolfi55 15.05.2015
Man kann mit den Leerverkäufen auch eine Menge Geld verlieren. Siehe VW, als auf einen Schlag keine Aktien mehr am Markt waren und der Kurs explodierte. Einer der Großspekulanten warf sich dann nach dem Verlust von 800 Millionen vor den Zug. Seine Firmengruppe musste danach zerlegt werden.
3. Wo ist denn die Deflation, geblieben?
tim11q 15.05.2015
Vor noch einem Jahr schwafelte der Autor dieses Artikels (so wie etliche andere auch) von der auch so großen Gefahr einer Deflation. Und, huch, auf einmal steigen die Zinsen wieder?! Na, wie geht das denn zusammen? Eine Einordnung wäre nett, Herr Kaiser. Denn das Internet vergisst das Geschwafel von gestern nicht so einfach. Abgesehen davon, könnte vielleicht auch für die widerwilligen Linken die Lehre heißen: Der Markt gibt es, und der Markt nimmt es. Das nennt sich Angebot und Nachfrage. Und es funktioniert schon ewig, weil es das einzige logische Wirtschaftssystem ist.
4. Überbordende Staatsverschuldung und Wetten
Kater Bolle 15.05.2015
sind zunehmende Probleme unserer Zeit. Griechenland ist nur die Spitze des Eisberges. Die sogenannten politischen "Eliten" sind gefordert das zu lösen. Ziel: Keine neuen Schulden und alte komplett abbauen ohne wie gewohnt immer nur die Kleinen zu rasieren. Das geht, man muss es nur wollen und machen. Wie die Griechen mit ihren Reformen. Das Thema Finanzprodukte, Wetten und dergleichen gehören schlicht verboten. Diese komischen Erfindungen der Fiananzindustrie müssen weg. Einfach 19% Mehrwertsteuer drauf. Aber auf jede Transaktion. Gewinne mit 40-50% besteuern. Dann ist das schnell erledigt. Es kann nicht sein, das diese komischen Produkte in Größenordnung eines Zig-fachen des Welt BIP um den Erdball kreisen. Für Zocket können dann ja vermehrt Spielkasinos eröffnet werden. Da können die dann mit Herrn Varufakis spielen.
5.
treasurer 15.05.2015
wenn die Zinsen bei 0 sind ist vom Preis her der Deckel drauf. Also kann es von dort nur in eine Richtung gehen. Das sollte jedem klar gewesen sein, es war nur die Frage, wann es pasieren würde. Ob dieses nun wirklich schon die ganz großen Bewegung ist, bleibt abzuwarten. Wie auch immer, irgendwann wird sie kommen ;-)
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So funktionieren Staatsanleihen
Warum geben Staaten Anleihen aus?
Staaten brauchen Geld, um ihre Ausgaben zu finanzieren, zum Beispiel für Beamte, Sozialleistungen, Bundeswehr oder Straßenbau. Wenn ein Staat nicht genügend Geld mit Steuern und Abgaben einnimmt, muss er Schulden machen. Dazu verkauft er Anleihen an Investoren. Diese Papiere sind wie Schuldscheine: Der Staat leiht sich damit zum Beispiel 1000 Euro pro Papier und verpflichtet sich, den Betrag zum Ende der Laufzeit zurückzuzahlen. Die Laufzeit kann zum Beispiel 2, 5, 10 oder 30 Jahre betragen.
Wie hoch sind die Zinsen?
Damit sich das Geschäft für die Geldgeber lohnt, muss der Staat ihnen Zinsen versprechen. Wie hoch diese sind, hängt vom allgemeinen Zinsniveau am Kapitalmarkt ab, aber auch von der Wahrscheinlichkeit, mit der die Investoren ihr Geld am Ende der Laufzeit wiederbekommen, also von der Bonität des Schuldners. Deutschland etwa gilt als sehr guter Schuldner und muss den Investoren traditionell nur sehr niedrige Zinsen bieten. Bei anderen Staaten sind die Anleger vorsichtiger und kaufen Anleihen nur, wenn sie dafür hohe Renditen bekommen.
Wie läuft der Verkauf der Anleihen?
Die Anleihen werden in der Regel in einer Auktion versteigert. In Deutschland macht das die Finanzagentur. Sie versteigert die Papiere zunächst an einen festen Kreis von Banken, die im Rahmen einer vorgegebenen Preisspanne Gebote abgeben. Je nach Nachfrage ergibt sich daraus ein etwas höherer oder niedrigerer Ausgabekurs. Zusammen mit dem Zinssatz bestimmt dieser Kurs die jährliche Rendite der Anleihen.
Warum verändert sich die Rendite einer Anleihe?
Der Zins einer Anleihe bleibt in der Regel über die gesamte Laufzeit gleich, aber die Rendite der Investoren kann sich drastisch ändern. Sie ergibt sich nämlich aus dem festgelegten Zins (auch Kupon genannt) und dem Kurs der Anleihe. Fällt der Kurs, weil mehr Anleger verkaufen als kaufen wollen, steigt die Rendite. Sie spiegelt damit ein höheres Risiko für die Investoren wider, man spricht deshalb auch vor einem Risikoaufschlag.


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