Zockerei mit Lebensversicherungen Fatale Wette auf Leben und Tod

Es ist ein morbides Geschäft: Investoren wie die Deutsche Bank kaufen Lebensversicherungen alter Menschen - sie spekulieren auf deren schnellen Tod. Lange boomte der Markt, doch dann häuften sich Verluste und Betrugsfälle, die jetzt zu Hunderten vor US-Gerichten verhandelt werden.

Von , Frankfurt am Main

Rentner in Florida: Versicherungen wurden ihnen regelrecht abgeschwatzt
Corbis

Rentner in Florida: Versicherungen wurden ihnen regelrecht abgeschwatzt


Der Bericht klingt wie die Versuchsanordnung in einem Labor. Die Rede ist von mehr als 500 "Referenzpersonen im Alter von 72 bis 85 Jahren". Balkendiagramme und Tabellen zeigen, wie viele Männer und Frauen dabei sind und aus welchen US-Bundesstaaten sie stammen. Sie bilden eine Gruppe von US-Amerikanern, die regelmäßig ihre Gesundheitsdaten für ein bizarres Rechenspiel zur Verfügung stellen: eine Wette auf ihren Tod, die zahlreiche Kleinanleger abgeschlossen haben.

Der Bericht stammt aus einer 11-Seiten-Broschüre der Deutschen Bank Chart zeigen über den "db Kompass Life 3 Fonds". Der Fonds ist die vielleicht zynischste Idee einer ohnehin schon reichlich morbiden Branche: Es geht um den Handel mit US-Lebensversicherungen, in dessen Umfeld ein gigantischer Markt entstanden ist.

Das Grundmodell funktioniert so: Amerikaner, die ihre Police nicht mehr brauchen, verkaufen sie statt sie aufzulösen. Die Abnehmer sind Hedgefonds oder Banken, die auf die hohen Ausschüttungen spekulieren, wenn der Versicherte stirbt. Da gilt: Je früher, desto höher ist der Gewinn für die Investoren.

Beim Kompass Life 3 ging die Deutsche Bank allerdings noch weiter: Der Fonds investiert nicht mehr in reale Policen. Stattdessen erwarben die Banker von einer Zwischenfirma anonymisierte Gesundheitsdaten von Hunderten US-Amerikanern. Danach fingen die Finanzprofis an zu rechnen. Sie dachten sich einfach selbst mögliche Lebensversicherungen für diese "Referenzpersonen" aus. Nur auf dem Papier, rein theoretisch. So spart man sich den Einkauf und die teuren Prämien für echte Versicherungen.

Stattdessen wurden fiktive Beitragszahlungen und wahrscheinliche Ausschüttungssummen entworfen. Mit Hilfe von durchschnittlichen Lebenserwartungen haben die Zahlenkünstler dann eine Rendite errechnet. Rund neun Prozent, lautete das großzügige Versprechen. Kundenberater in Deutschland sammelten damit mehr als 200 Millionen Euro bei Kleinanlegern ein. Wie lukrativ die Anlage ist, hängt vor allem von einer Frage ab: Wie gut haben die Deutschbanker die Todeswahrscheinlichkeit der "Referenzpersonen" berechnet?

"Das Risiko ist maximal theoretisch"

Fragt man Kunden, was sie zu dem morbiden Investment getrieben hat, heißt es etwa, sie hätten nicht gewusst, worauf sie sich einlassen. "Ich habe meinem Berater vertraut", sagt ein Rentner, der früher Friseurmeister war und seit den siebziger Jahren Deutsche-Bank-Kunde ist. Der habe ihm gesagt, die Anlage sei nicht gefährlich.

Das Geldinstitut widerspricht und sagt über die mündlichen Beratungen: "Bei der Deutschen Bank wurden Anleger umfassend auf Chancen und Risiken der Anlage hingewiesen." Im Verkaufsprospekt lesen sich diese Gefahren unter anderem so: "...ein unerwarteter Durchbruch in der medizinischen Forschung oder neue Behandlungsmöglichkeiten für bislang tödliche Krankheiten" könnten "zu einem späteren Ableben der Referenzpersonen führen".

So mancher Anleger sagt, er hätte die katalogdicke Lektüre nie aufgeschlagen. Ob dieser Fehler sich rächt, wird erst 2015 klar sein. Erst dann nämlich erfolgt die eigentliche Ausschüttung.

Schon jetzt steht allerdings fest: Der Tod ist unberechenbar. Das bekamen bereits die ersten Hasardeure zu spüren, die mit ihm Geld verdienen wollten.

Marktvolumen von 140 Milliarden Dollar?

Das erste Mal blühte der Handel mit Lebensversicherungen in den achtziger Jahren auf, als das HI-Virus sich verbreitete und viele Aidskranke ihre Lebensversicherungen zu Geld machen mussten für die teure Behandlung. Geneigte Käufer fanden sich angesichts des rasanten Krankheitsverlaufs schnell.

Doch je besser die Medizin wurde, desto länger lebten die Kranken - und die Rendite für ihre Policen sank. Der schlichte Grund: Der Käufer muss die regelmäßigen Beiträge für den Versicherten weiterzahlen, bis dieser stirbt. Erst dann fließt Geld zurück.

Die Investoren orientierten sich jedoch neu, konzentrierten sich fortan auf alte Menschen. Selbst nach dem Beginn der Finanzkrise galt der Zweitmarkt für Lebensversicherungspolicen an der Wall Street noch lange als ein großes Geschäft. 2007 stellte der Marktforscher Conning Research and Consulting zum Thema Lebensversicherungshandel Marktprognosen auf, die Investoren-Herzen höher schlagen lassen. Das auf dem Zweitmarkt gehandelte Volumen von Lebensversicherungen könne von rund 12 Milliarden Dollar auf 90 bis 140 Milliarden Dollar im Jahr 2016 steigen.

Es wurde nicht gestorben wie gedacht

Viele große Player ließen sich mitreißen von solchen Aussichten. Ideen für Derivate und Indizes machten die Runde. Banken wie Goldman Sachs Chart zeigen und Credit Suisse Chart zeigen stiegen ein in das Geschäft - und auch die Deutsche Bank. Sie schuf einen eigenen Geschäftsbereich in ihrer US-Niederlassung, legte schon 2005 zwei Fonds auf, über die auch für deutsche Kleinanleger in Policen investiert wurde. Den "db Kompass Life 1" und den "db Kompass Life 2".

Beide erwiesen sich allerdings als Riesenflop und mussten frühzeitig aufgelöst werden. Die Deutsche Bank zahlte Hunderte Millionen Euro an Entschädigung, Anleger verloren trotzdem viel Geld. Der Hintergrund des Desasters: Die US-Amerikaner, auf deren Policen die Fonds beruhten, waren einfach nicht gestorben wie gedacht. Die Deutsche Bank hatte sich wie viele Investoren auf hoffnungslos veraltete Sterbestatistiken und Gutachten verlassen.

So ist der "db Kompass Life 3 Fonds", der auf fiktiven Versicherungen basiert, der einzige, der noch läuft. Die Deutsche Bank sagt, es gebe mit ihm keine Probleme. Ansonsten hat das Geldinstitut beim Geschäft mit dem Tod jedoch nicht viel Glück gehabt. Denn nicht nur die beiden ersten Kleinanlegerfonds scheiterten. Deutschlands größtes Geldhaus bekam auch Probleme wegen zwielichtiger Versicherungsagenten, die auf dem weitgehend unregulierten Markt unterwegs waren.

Der Versicherungsagent steht mit Fußfessel unter Hausarrest

Einer ist Steven Brasner. Seine Geschäfte liefen derart glänzend, dass es für einen luxuriösen Lebensstil und eine 15-Meter-Jacht reichte. "STOLI on the docks", lautete der Name des schicken Boots. Eine Anspielung auf eine beliebte Wodka-Marke - Stoli steht aber auch für "Stranger Originated Life Insurances". Für Policen, die Versicherungsagenten rein aus Kommerzzwecken auf fremder Leute Namen abschließen.

Brasner sei nicht der Auffassung, dass diese Praxis illegal sei, erklärt sein Anwalt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Staatsanwalt sieht das anders. Brasner steht derzeit in Florida vor Gericht wegen Versicherungsbetrugs, schweren Diebstahls und anderen Gesetzesverstößen in 22 Fällen.

Brasner habe Senioren zu Policen überredet und ihre Vermögensangaben auf den Versicherungsanträgen dann mächtig aufgepumpt, um hohe Ausschüttungen zu garantieren, heißt es in der Klageschrift. Nun drohen dem Versicherungsagenten, der derzeit mit einer Fußfessel am Knöchel unter Hausarrest steht, Hunderte Jahre Gefängnis, sagt sein Anwalt. Der Familienvater plädiert allerdings auf nicht schuldig und will sich auch gegen Zivilklagen weiter wehren.

Der Hintergrund: Eine Investmenteinheit der Deutschen Bank hat Brasner verklagt. Sie hatte Rechte an mehreren Policen erworben, die Brasner vermittelt hatte. Allein durch den Ankauf, die Verwaltung und ähnliche Kosten sei ein Schaden von mehr als sechs Millionen Dollar entstanden, heißt es in der Klageschrift.

Ein ganz ähnlicher Fall passierte den Bankern in Burbank, Kalifornien. Dort kauften sie Agenten zwei Policen ab, die laut Deutscher Bank nie existierten. Auch dieser Streit wird mittlerweile vor Gericht ausgefochten.

"Die Anleger werden wohl viel Geld verlieren"

Insgesamt gibt es Hunderte ähnliche Geschichten, mit denen sich US-Richter derzeit herumschlagen müssen. Auch die Politik in den USA ist mit den Aufräumarbeiten in der umstrittenen Branche beschäftigt. Ein Bundesstaat nach dem anderen erlässt neue Gesetze, eine Task Force der Finanzaufsicht SEC hat einen dicken Bericht erstellt und Möglichkeiten zur Aufsicht empfohlen.

Dabei gibt es so viel gar nicht mehr zu regulieren. Bei Banken und Hedgefonds ist die Euphorie über den Todesmarkt nach horrenden Verlusten abgeklungen. Die Deutsche Bank hat einem Autor der "BusinessWeek" zufolge ihren Geschäftsbereich an der Wall Street auf eine Rumpfmannschaft zusammengestrichen. "Deutsche Bank schmeißt Sensemänner raus", schrieb der Journalist trocken in seinen Blog. Die Bank selbst will sich dazu nicht äußern.

Dafür betont das Geldinstitut, dass der "db Kompass Life 3" mit dem realen Markt nichts zu tun habe, weil er auf fiktiven Policen beruhe. Doch manch einem Anleger hat die jüngste Informationsbroschüre gar nicht gefallen. Hinter all den Balken und Diagrammen ist auch von "Anpassungen" in den "Lebenserwartungsprognosen" auf dem Zweitmarkt zu lesen. Und später: "Falls sich die Einschätzungen der Lebenserwartungen bezüglich des "db Kompass Life 3 Fonds", der auf Referenzleben und nicht auf realen Lebensversicherungen basiert, erhöhen", könne dies "theoretisch" negative Auswirkungen haben.

Den Jurist Tilman Langer machen solch unverständliche Sätze skeptisch. "Es gibt viele Hinweise, dass die Anleger auch bei diesem Fonds viel Geld verlieren werden", warnt der Rechtsanwalt von der Kanzlei Ferber Langer, die mittlerweile Hunderte von Deutsche-Bank-Kunden vertritt. Die Deutsche Bank erklärt: Seit dem letzten Bericht hätten sich "keine maßgeblichen Änderungen ergeben", welche eine aktualisierte Berechnung der Rendite erfordern würden. "Die Gesamtentwicklung kann erst am Ende der Laufzeit berücksichtigt werden."

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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
sic tacuisses 08.09.2010
1. Na ja, wer hat denn von Ackermann + Co etwas anderes erwartet.
Zitat von sysopEs ist ein morbides Geschäft: Investoren wie die Deutsche Bank kaufen Lebensversicherungen alter Menschen - sie spekulieren auf deren schnellen Tod. Lange boomte der Markt, doch dann häuften sich Verluste und Betrugsfälle, die jetzt zu Hunderten vor US-Gerichten verhandelt werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,711668,00.html
Pecunia non olet. Die Praktiken aber ziemlich !! Deutsche Bank ? Nein danke.
priesternix, 08.09.2010
2. Was heisst denn hier morbiede ???
Versicherungen tun im Grunde nichts anderes als Risiken zu bewerten und Prämien so zu gestalten, dass auch ja genug Profit gemacht wird - das ist auch schon alles, mehr machen diese parasitären Elemente nicht. Welches Risiko am Ende bewertet wird ist völlig egal, hauptsache man findet genug Dumme, die dieses Risiko absichern wollen. Da kann es auch sein, man findet eine Versicherung die einen gegen die Vergewaltigung von einer Ameise absichert.
der.letzte.dodo 08.09.2010
3. Eine Lebensversicherung IST eine Wette
Mit dem Versicherer Auf das 80. Lebensjahr, hier bei uns in Deutschland Einige sind auf die Idee gekommen, diese Wette zu bündeln Man sah dahinter auch ein Geschäft mit guten Renditechancen, unabhängig von Konjunkturen und sonstigen wirtschaftlichen Einflüssen. Dass es eben doch ein Geschäft mit Risiken ist, hat dann die Praxis gezeigt. Der Tod ist sicher - die Provision für die Verkäufer auch :-))
blue_plasma, 08.09.2010
4. Krank!
einfach nur krank und pervers. Wer immer noch behauptet der "Markt" dürfe nicht reguliert werden und er heile sich selbst, der hat wohl keine Ahnung oder nur eine betriebswirtschaftliche Ausbildung...
PeteLustig, 08.09.2010
5. Wieso nur Banken?
Das erwähnte Beispiel der HIV-Infizierten als Initialzündung dieses Marktes macht mich stutzig. Wieso bieten nicht die Lebensversicherungen selbst höhere Auflösungsprämien an und profitieren somit insbesondere bei Versicherungen von todkranken Kunden, deren Erben nach dem Ableben des Versicherten eine bedeutend höhere Summe ausgezahlt werden muss? Da sie scheinbar nicht ebenfalls entsprechend aktiv wurden, scheint dieser Markt lebensstatistisch doch nicht so attraktiv zu sein, wie Stupid German Money dachte bzw. ihm mal wieder weisgemacht worden ist. Was solls, zumindest in Deutschland wäre beim heutigen Zinsniveau ein gesunder Lebensversicherter ohne finanziellen Sorgen, der seinen Vertrag in den 90er Jahren oder früher abschloss und diesen vorzeitig kündigt sowieso ein Fall für den Psychiater...
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