Strategieschwenk Bosch baut keine Zellen für E-Auto-Batterien

Der Autozulieferer Bosch zieht sich aus einem zentralen Forschungsbereich zu Elektroautos zurück: Das Unternehmen will keine Batteriezellen selbst produzieren - obwohl die EU-Kommission heftig dafür wirbt.

Arbeit an Zellen für eine Batterie
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Arbeit an Zellen für eine Batterie


Dem weltweit größten Autozulieferer Bosch ist eine eigene Batteriezellfertigung zu teuer und zu riskant. Das Unternehmen habe sich nach reiflicher Überlegung gegen eine eigene Produktion entschieden, erklärte Bosch-Manager, Rolf Bulander. "Wir müssen die Zelle technisch verstehen, wir müssen sie nicht fertigen", begründete er die Entscheidung. Bosch werde auch ohne eigene Produktion in der Elektromobilität bis 2020 der führende Zulieferer sein. Die Zelle sei die einzige Komponente von Elektroauto-Systemen, die Bosch fehle und die weiterhin zugekauft werden könne. "Wir sagen Nein zur eigenen Zellfertigung, wir sagen aber Ja zur Batterie bei Bosch", sagte Bulander.

Batterien bestehen aus mehreren zusammengeschalteten Zellen. Aus der Forschung zu diesen Festkörperzellen will der Autozulieferer wegen zu großen Aufwands aussteigen. Das dafür erst im Herbst 2015 gekaufte kleine US-Unternehmen Seeo wird deshalb wieder verkauft. Auch das Gemeinschaftsunternehmen mit Mitsubishi und GS Yuasa zur Entwicklung neuester Lithium-Ionen-Technologie habe seine Aufgabe erfüllt und werde aufgelöst. Sein Geld will der Technologiekonzern statt in eine Zellfabrik in andere Felder stecken: Industrieautomatisierung, Vernetzung von Autos und Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz.

Dabei hatten die EU-Kommission und die Bundesregierung erst kürzlich wieder gemahnt, die europäischen Hersteller dürften sich bei der Zellentwicklung nicht abhängen lassen. Die Zelle als Herzstück der Batterien für Elektroautos sei eine Schlüsseltechnologie, die es zu beherrschen gelte.

Bosch-Manager Bulander erklärte jedoch, Batteriezellen seien auch langfristig ein standardisiertes Massenprodukt. Nach Boschs Vorstellungen hätte sich eine Produktion nur gelohnt, wenn ein Marktanteil von 20 Prozent bis 2030 zu realisieren wäre. Doch das hätte 20 Milliarden Euro Investition für 200 Gigawattstunden Fertigungskapazität bedeutet. Es sei nicht sicher, dass sich das jemals rechnen würde. "Eine solche Investition ist im Gesamtinteresse des Unternehmens nicht vertretbar", sagte Bulander. "Für Neueinsteiger sind die Rahmenbedingungen am Markt mehr als herausfordernd." Dass andere Firmen oder Konsortien aus Europa die Lage anders bewerten und es schaffen, eine Zellfertigung aufzubauen, hält der Bosch-Manager generell für möglich. "Dann wären wir gerne bereit, aus dieser Quelle zu beziehen", sagte er.

Volkswagen prüft, ob eine eigene Entwicklung und Produktion von Batteriezellen für Elektroautos wirtschaftlich wäre. Dazu baut der Konzern derzeit in Salzgitter eine Pilotanlage auf.

Ohne europäische Konkurrenten würde der Markt weiter in der Hand der Zellproduzenten aus Südkorea und Japan bleiben - also Samsung SDI, LG Chem, Sanyo, SK Innovation oder Panasonic. Einige von ihnen ziehen Fabriken in Europa hoch, um die mit dem Umschwung zu Elektroautos wachsende Nachfrage fabriknah bedienen zu können.

mmq/Reuters/dpa

insgesamt 11 Beiträge
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Europa! 01.03.2018
1. Klare Ansage
Die Entscheidung von Bosch ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die "Elektromobilität" womöglich doch nicht der Weisheit letzter Schluss in Sachen Mobilität ist. Andererseits: Bosch hat ja auch keine Pipelines und Raffinerien betrieben oder nach Erdöl gesucht.
Duggi 01.03.2018
2. Ein zukunftsorientiertes Unternehmen erkennt eben früher
als die herrschende Politik eigene Fehler, gesteht sich diese ein und stoppt den einmal eingeschlagenen Irrweg. :-)
Duggi 01.03.2018
3.
Zitat von Europa!Die Entscheidung von Bosch ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die "Elektromobilität" womöglich doch nicht der Weisheit letzter Schluss in Sachen Mobilität ist. Andererseits: Bosch hat ja auch keine Pipelines und Raffinerien betrieben oder nach Erdöl gesucht.
Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand. E-Mobilität ist nur ein kurzfristiges Konjunkturprogramm für die Automobilindustrie wie seinerzeit die Einführung der Euronorm für PKW-Motoren, weil sich die Autokonzerne damals weigerten, die in der USA längst gebräuchlichen KAT-Anlagen unter Fahrzeuge für den deutschen Markt zu bauen. Solch eine Übergangstechnologie bringt halt zusätzlichen Profit, da der Ersatz zeitnah wieder anstehen wird. Die Laienschar in der Politik schwankt dabei wieder einmal nur zwischen Tatenlosigkeit und Beihilfe. :-(
Nachtsegler 01.03.2018
4. Ob gerade der VW-Konzern
etwas bei der Elektrotechnik hinbekommt, was Bosch nicht schafft, darf bezweifelt werden. Die Einschätzung von Bosch, dass Zellen nur ein Rohstoff, so wie Stahlblech, sind, darf auch bezweifelt werden. Eher steuert der Weltmarkt auf ein Monopol hin, das weder der Autoindustrie noch den Endkunden gut tun wird.
manicmecanic 01.03.2018
5. Politik versus Realität
sieht man hier nur im Widerspruch,sowohl im Artikel wie in den Kommentaren.Im Gegensatz zu den Politikern liegt wohl eher der Fachmann richtig wenn er sagt daß man an den Zellen weder was Wissen noch Geld betrifft etwas gewinnen kann in Europa.
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