Zum Tode Werner Ottos Hüter des Wirtschaftswunders

Schriftsteller zu werden, davon träumte Werner Otto als junger Mann. Doch dann verkaufte er Zigaretten und Schuhe - und legte den Grundstein für den größten Versandhandel der Welt. Mit dem 102-Jährigen stirbt eine der letzten Wirtschaftswunder-Legenden, die sich ständig neu erfand. 

dapd

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Hamburg - Seine Bewunderer nannten Werner Otto den "Jahrhundert-Mann", und zu solch einem Mann gehört natürlich eine Legende: In einem Hamburger Barackenbau bindet im Winter 1949 ein 40 Jahre alter, mittelloser Kriegsflüchtling ein 14-seitiges Blättchen zusammen. Eigenhändig klebt er Fotos ein. Es ist der erste Katalog, den Werner Otto herausgibt. 300 handgebundene Exemplare gehen an Kunden. Mit dem Behelfskatalog legte Werner Otto den Grundstein für einen Weltkonzern.

Im Alter von 102 Jahren ist der Unternehmer nun kurz vor Weihnachten im Kreise seiner Familie gestorben. Aus dem aktiven Geschäft des Versandhauses Otto hatte er sich bereits 1981 zurückgezogen - und sich in den folgenden Jahren neuen Unternehmungen zugewandt.

Werner Otto gehört zur Riege der Nachkriegsunternehmer, die in der Ära des Wirtschaftswunders ihre Firmen zum Erfolg führten. Doch anders als Max Grundig oder Grete Schickedanz schaffte es der Otto-Clan, sein Unternehmen fit für die Globalisierung zu machen und damit bis heute zu erhalten. Die Otto-Gruppe setzte zuletzt 11,4 Milliarden Euro um und hat rund 50.000 Beschäftigte.

Ein Grund für Ottos Erfolg dürfte die Tatsache sein, dass der Familienunternehmer nicht nur auf die eigenen Kinder setzte, sondern auch auf externe Manager. Als er Mitte der sechziger Jahre aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten musste, übernahm der familienfremde Manager Günter Nawrath die Leitung.

Der Otto-Clan - eine eingeschworene Sippe

1981 wurde Ottos ältester Sohn Michael Vorstandschef, sechs Jahre später stieg die Firma zum größten Versandhandel der Welt auf. Wie bereits sein Vater zeigte auch Michael Otto, dass er loslassen kann. 2007 zog er sich in den Aufsichtsrat zurück. Seitdem wird die Unternehmensgruppe mit Hans-Otto Schrader wieder von einem auswärtigen Manager geleitet.

Zugleich aber haben die Ottos den Ruf einer eingeschworenen Sippe, die fest zusammenhält, wenn es darauf ankommt. Patriarch Werner Otto hat aus drei Ehen insgesamt fünf Kinder. Seine drei Söhne und zwei Töchter machten aber nie mit öffentlichen Rivalitäten Schlagzeilen.

Drei der Kinder haben sich in Richtung Kunst, Film und Medien orientiert. Ihr Vater hat aber auch ein so großes Imperium aufgebaut, dass seine Söhne und Töchter sich nicht im Weg standen. So baute Werner Otto ab den sechziger Jahren die Spezialfirma ECE auf, die Einkaufszentren entwickelt. Das Unternehmen ist in seiner Branche führend in Europa. Werner Ottos jüngster Sohn Alexander leitet die Firma.

Sein Lebensmotto laute "panta rhei - alles fließt", sagte Werner Otto einmal. Dazu passt, dass seine Biografie nicht ohne Brüche und Niederlagen verlief. Als junger Mann wollte Otto Schriftsteller werden. Doch als das Handelsunternehmen seiner Eltern in Konkurs ging, musste er das Gymnasium verlassen und begann eine kaufmännische Lehre. Er machte sich in Stettin selbständig und betrieb zeitweise einen Zigarrenladen.

Zwei Jahre Haft wegen Schmuggels von Flugblättern

Wegen zeitweiser Sympathien für den einstigen NS-Ideologen Otto Strasser saß Werner Otto nach der Machtergreifung der Nazis zwei Jahre im Gefängnis. Er hatte Flugblätter für Strasser ins nationalsozialistische Deutschland geschmuggelt. Strasser hatte innerhalb der NSDAP einige Jahre den sozialrevolutionären Flügel vertreten, sich dann aber von Hitler abgewandt. Den Krieg überlebte Werner Otto als Obergefreiter mit einer Kopfverletzung.

Er flüchtete mit seiner ersten Frau und zwei Kindern nach Hamburg und baute dort eine Schuhfabrik auf. Doch 1948 musste Otto die Firma aufgeben. Von Niederlagen ließ sich der Unternehmer aber nicht unterkriegen. "Ein Unternehmen ohne Fehler gibt es nicht - ein Handeln ohne Fehler gibt es auch nicht. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang", sagte er einmal.

Laut Werner Ottos Erzählungen rettete ein Fehler sogar seinen Versandhandel vor einem frühen Aus. "Die Buchhaltung war in den ersten Jahren mit vielen Schwächen behaftet. Als wir 1952 endlich die Bilanzen der Jahre 1950 und 1951 erhielten, stellten wir fest, dass wir tief in den roten Zahlen steckten und eigentlich hätten Konkurs anmelden müssen", erzählte er. "Aber 1952 hatten wir schon so gute Gewinne, dass sie die beiden Vorjahre ausglichen. Eine schlampige Buchhaltung bewahrte uns vor einem übereilten Schritt."

In den fünfziger Jahren verdoppelte sich der Umsatz von Ottos Versandhandel. Anders als die Konkurrenz kämpfte Otto gegen Ramsch. Er setzte mehr auf Qualität als auf niedrige Preise und erschloss so neue Käuferschichten. Als erster Versandhandel nahm Otto Bestellungen per Telefon entgegen und verzichtete auf Bezahlung bei Lieferung. Der Unternehmer gründete den Hermes-Versand, um die Warenlieferung besser steuern zu können.

"Entweder existiert ihre Firma nicht mehr oder sie gehört dem Otto-Versand"

Werner Otto wollte stets das Modell des ehrbaren Kaufmanns leben, der auch für die Mitarbeiter Verantwortung zeigt. So führte er früh und freiwillig die Fünf-Tage-Woche ein.

Für Menschen, die aus Fehlern und Schwächen nicht lernen, hatte Werner Otto auch bissige Kommentare übrig. "Ja, diese Kollegen, die glaubten, sie könnten alles. Die sind heute weg vom Fenster. Entweder existiert ihre Firma nicht mehr oder sie gehört dem Otto-Versand", sagte er. So erging es auch dem Konkurrenten Quelle. Als die Firma in der Versenkung verschwand, sicherte sich die Otto-Gruppe die Filetstücke.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt schrieb über den Patriarchen: "Mancher Unternehmer ist gescheitert, weil er glaubte, alles besser zu wissen. Otto dagegen kann zuhören."

Nicht mit allen Neuerungen konnte der Unternehmer etwas anfangen. Für eine Internetfirma fehle ihm das Talent, sagte Werner Otto 2001. Auch Handy oder Computer hatte er damals nicht. "Es ging bisher ohne, es soll auch weiter ohne gehen", sagte er. Zu seinem 102. Geburtstag bekam er dennoch eine eigene Web-Seite.

Sein Sohn Michael setzte früh auf die technischen Neuerungen und reiste als Otto-Vorstandschef regelmäßig ins Silicon Valley. Früher als die Konkurrenz setzte Otto zunehmend auf den Online-Handel und ist in diesem Bereich weltweit die Nummer zwei hinter Amazon.

Lebensabend als großzügiger Spender

Der Patriarch ließ den Nachwuchs bei der Unternehmensstrategie gewähren. Noch im hohen Alter bewies Werner Otto auch örtliche Flexibilität. Mit 90 Jahren zog er mit seiner dritten Frau Maren, mit der er fast 50 Jahre verheiratet war, nach Berlin, wo er seine Jugendjahre verbracht hatte. Die Hauptstadt verlieh ihm zum 100. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde.

Werner Otto machte sich in den vergangenen Jahren vor allem als Mäzen einen Namen und spendete im großen Stil für verschiedenste Projekte. Er gab Geld für moderne Behandlungsmethoden in der Kindermedizin, in seinem Geburtsort Seelow östlich von Berlin ließ er die Kirche restaurieren. In Berlin kaufte Otto eine neue Bühne für das Konzerthaus, in Hamburg beteiligte er sich an der Sanierung des Jungfernstiegs. Der berühmten Harvard-Universität in den USA bezahlte der Unternehmer ein Museum.

Sein Unternehmergeist und seine Großzügigkeit brachten Otto auch die Bewunderung der großen Dame des politischen Journalismus ein. "Was für ein Unternehmer", sagte die Publizisten Marion Gräfin Dönhoff über Werner Otto. "Die Gründung von Stiftungen und Instituten, die Finanzierung eines Museumsbaus - ja, wenn alle Unternehmer so wären."

Mit Material von dpa und dapd



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Death666Angel 27.12.2011
1. Hermes Kritik angebracht
Alles Mäzentum hin oder her, das Unternehmen Hermes ist eher ein Negativbeispiel wie heutzutage um die letzten Cent befeilscht wird und durch Subunternehmer und Scheinselbständigkeit Geld auf den Schultern der kleinen Arbeiter gemacht wird.
schönbergwebernberg 27.12.2011
2. Otto
Zitat von Death666AngelAlles Mäzentum hin oder her, das Unternehmen Hermes ist eher ein Negativbeispiel wie heutzutage um die letzten Cent befeilscht wird und durch Subunternehmer und Scheinselbständigkeit Geld auf den Schultern der kleinen Arbeiter gemacht wird.
Die Frage ist, ob man das dem alten Otto anlasten kann. Mir ist nur dieser verlogene Otto ein Begriff, der offensichtlich jung genug ist, um noch Verantwortung im Unternehmen zu tragen, der aber öffentlichkeitswirksam eine Millionärssteuer fordert. Das kostet ihm nichts, weil die Millionärssteuer nicht kommen wird, aber Ich bin Libealer und gegen etwaige Steuererhöhungen. Bei diesem Otto habe ich mir als erstes gedacht: 1. Warum spendet der dem Staat nicht einmalig ein paar Milliönchen? 2. Warum bezahlt er seine Hermes-Fahrer nicht anständig, dass diese nicht mehr aufstocken müssen.
totalmayhem 27.12.2011
3.
Zitat von sysopSchriftsteller zu werden, davon träumte Werner Otto als junger Mann. Doch dann verkaufte er Zigaretten und Schuhe - und legte*den Grundstein für den größten Versandhandel der Welt.*Mit*dem 102-Jährigen stirbt eine der letzten Wirtschaftswunder-Legenden, die sich ständig neu erfand.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,805918,00.html
Die deutsche Version der Maer vom Tellerwaescher, der Millinaer wurde... gaehn.
canjonero 27.12.2011
4. Welch Wunder
Zitat von sysopSchriftsteller zu werden, davon träumte Werner Otto als junger Mann. Doch dann verkaufte er Zigaretten und Schuhe - und legte*den Grundstein für den größten Versandhandel der Welt.*Mit*dem 102-Jährigen stirbt eine der letzten Wirtschaftswunder-Legenden, die sich ständig neu erfand.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,805918,00.html
So wie er taten es 99% aller Menschen derzeit, denn Zigaretten waren ein anerkanntes Tausch- und Zahlungsmittel in den ersten Jahren nach dem Krieg. Ebenso waren Lebensmittel und Kleidung Selbstgänger, dafür Käufer zu finden, war keine Kunst. Otto hat natürlich vom Wirtschaftswunder profitiert und sich danach schlau angestellt und klug expandiert. Aber sein Hermesversand steht seit jeher für schlimmstes Ausbeutertum, da konnte er noch so viele Museen für die Schickeria spenden, es sind quasi Blutspenden, nur das es nicht sein Blut war, sondern das der Angestellten. Man sollte aufhören, immer wieder kitschige Legenden um reiche Leute herumzuschreiben. Die waren zu rechten Zeit am rechten Ort, das ist alles. Letztlich interessiert sich ja auch keiner für Otto oder Rockefeller, sondern nur für deren Kohle. Menschlich besonders sind die ja nun wahrlich nicht, die Welt verbessert haben sie auch nicht.
nicolo1782 27.12.2011
5. Wieviel kann man mit ehrlicher Arbeit verdienen ?
Zitat von sysopSchriftsteller zu werden, davon träumte Werner Otto als junger Mann. Doch dann verkaufte er Zigaretten und Schuhe - und legte*den Grundstein für den größten Versandhandel der Welt.*Mit*dem 102-Jährigen stirbt eine der letzten Wirtschaftswunder-Legenden, die sich ständig neu erfand.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,805918,00.html
Otto hat im Laufe seines Lebens, bei einem Vermögen von z.Zt. ca. 16,2 Milliarden Euro gem. Forbes-Liste, grob gerechnet (mit 365 Tagen im Jahr) täglich ca. 700.000 Euro Netto erwirtschaftet. Jedem dürfte klar sein, dass dies nur auf Kosten Anderer geht; nicht nur aber auch der Hermes-Fahrer.
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