Todesfall bei der Zurich-Versicherung Mitarbeiter berichten von Ackermanns rauem Stil

Hitzige Dialoge, öffentliche Kritik: Nach dem Suizid des Zurich-Finanzchefs schildern Mitarbeiter Josef Ackermanns Führungsstil als rau. Ackermann selbst habe darauf beharrt, seinen Rücktritt in Verbindung mit dem Tod des Topmanagers zu bringen.

Ex-Verwaltungsratschef Ackermann: Schwer verletzt geklungen
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Ex-Verwaltungsratschef Ackermann: Schwer verletzt geklungen

Von David Enrich und Andrew Morse, Wall Street Journal Deutschland


Ein lange schwelender Konflikt zwischen Pierre Wauthier, dem verstorbenen Finanzchef von Zurich Insurance, und seinem Verwaltungsratschef Josef Ackermann eskalierte in diesem Sommer. Die beiden rangen darum, wie sie das enttäuschende Abschneiden bei einigen Geschäftszielen erklären sollten, berichten Mitarbeiter, die mit der Situation vertraut sind.

Die teils hitzigen Dialoge zwischen Ackermann, früher Vorstandssprecher der Deutschen Bank, und dem Finanzchef nahm man bei Zurich als nicht weiter problematisch wahr - bis sich Wauthier in der vergangenen Woche in seinem Haus bei Zürich das Leben nahm. Er hinterließ einen auf Schreibmaschine getippten Abschiedsbrief, in dem er Ackermann vorwarf, ein unerträgliches, druckgeladenes Arbeitsumfeld geschaffen und Kollegen respektlos behandelt zu haben, heißt es von Insidern, die den Inhalt des nicht veröffentlichten Briefs kennen.

Ackermann, der seit 2012 nach seiner langen Karriere als Investmentbanker und Vorstandschef der Deutschen Bank an der Spitze des Zurich-Verwaltungsrats stand, war vergangene Woche abrupt zurückgetreten.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.

Offensichtlich bestürzt habe er den fassungslosen Verwaltungsratsmitgliedern am vergangenen Mittwoch eröffnet, dass sein Posten als Chef des Gremiums unhaltbar geworden sei, erklärten Insider. Dann habe er darauf bestanden, dass eine öffentliche Erklärung verbreitet wird, in der stehe, dass einige Leute ihn für den Tod von Wauthier verantwortlich machen - ein Vorwurf, den er zurückweist.

Die außergewöhnlichen Ereignisse haben bei allen Parteien Spuren hinterlassen. Sie haben Ackermanns Ruf als einen der bedeutendsten Männer der europäischen Finanzwelt befleckt und das Vertrauen der Anleger in Zurich, einen der weltgrößten Versicherer, erschüttert.

Trotz seines Abschiedsbriefs ist nach wie vor unklar, wie es um Wauthiers Gefühlslage wirklich stand. Weder die Verwaltungsräte noch andere Mitarbeiter hätten Warnsignale beim Finanzchef erkannt, sagen Vertreter des Unternehmens.

Kurze und steinige Amtszeit für Ackermann

Zurich hatte vergangene Woche erklärt, dass der Veraltungsrat im Nachgang von Wauthiers Tod die Unternehmenskultur überprüfen werde. Die Prüfung solle unter anderem feststellen, ob die Mitarbeiter in der Finanzabteilung des Versicherers übermäßigem Druck von oben ausgesetzt gewesen seien, erklärte eine Person mit Sachkenntnis. "Für ein Unternehmen dieser Größe ist das kein gutes Zeichen", sagt Andrew Barile, Leiter einer Beratungsfirma, die auf den Versicherungssektor spezialisiert ist.

Josef Ackermann will sich zu der Erklärung des Unternehmens aus der vergangenen Woche nicht äußern. "Aus Gründen des Respekts möchte ich dieses tragische Ereignis gegenwärtig nicht weiter kommentieren", teilte er am Sonntag mit.

Ackermanns kurze Amtszeit in Zürich war steinig. Nachdem er in den Aufsichtsrat eingezogen war, versuchte der 65-jährige Schweizer schnell, die Kultur des biederen Versicherungsunternehmens aufzumischen. Auch wenn seine Rolle offiziell die eines nicht-geschäftsführenden Chairman war, interpretierte er sie sehr aktiv.

Wie andere Wettbewerber auch kämpfte Zurich mit einem harten makroökonomischen Umfeld. Die Eigenkapitalrendite sackte ab, Top-Mitarbeiter wanderten zur Konkurrenz ab. Ackermann habe mit der Firmentradition ruhiger, höflicher Meetings gebrochen und Führungskräfte mit harten Fragen auf die Probe gestellt, berichten Kollegen. Sein Stil sei allgemein als hartnäckig, aber professionell angesehen worden.

Einige Mitglieder des Verwaltungsrats hätten verdutzt reagiert, als Ackermann in Treffen des Gremiums Spitzenmanager - darunter auch Wauthier - öffentlich kritisierte, sagt eine Person, die die Interna des Verwaltungsrats kennt.

Wauthier, der 53 Jahre alt wurde, arbeitete seit 1996 für die Zurich Versicherung. Der Manager mit französischer und britischer Staatsbürgerschaft galt unter Kollegen als freundlich und ruhig. Im Jahr 2011 wurde Wauthier zum Finanzvorstand berufen. In dieser Funktion habe er später manchmal Ackermanns Frust über das finanzielle Abschneiden des Versicherers abbekommen, heißt es aus dem Unternehmen.

Hitzige Debatte zwischen Wauthier und Ackermann

Vor der Veröffentlichung des Halbjahresberichts dieses Jahres gab es bei Zurich eine interne Debatte, wie man die Investoren über den Fortschritt bei Dreijahreszielen von 2010 informieren solle, berichten Insider. Ackermann habe sich dafür eingesetzt, dass das Unternehmen seine Unzufriedenheit über ausbleibende Fortschritte öffentlich mache, heißt es.

Wauthier soll dem widersprochen haben. Er habe stattdessen lediglich betonen wollen, dass sich Zurich in die richtige Richtung bewege. Zwischenzeitlich soll die Diskussion zwischen den beiden und anderen Führungskräften heftig gewesen sein, berichtet ein Augenzeuge.

Am 15. August gab das Unternehmen bekannt, dass zwar bestimmte Geschäftsbereiche auf gutem Weg seien, ihre Dreijahresziele zu erreichen. Bei anderen jedoch bleibe die Situation "herausfordernder". Der Aktienkurs von Zurich Chart zeigen fiel daraufhin um 1,6 Prozent.

Etwa zehn Tage später war Wauthier alleine in seinem Haus an der Küste des Zugersees. Seine Frau und sein Sohn waren in den USA, seine Tochter in Großbritannien, erklärten Unternehmensvertreter. Wauthier tippte einen Abschiedsbrief auf Englisch, dann nahm er sich das Leben. Nachdem der Finanzchef am 26. August - einem Montag - nicht bei der Arbeit erschien, entdeckten Polizeibeamte die Leiche in seinem Haus.

Am nächsten Tag rief Ackermann den Verwaltungsrat von Zurich zusammen, um die Situation zu besprechen. Eine Gruppe von Verwaltungsräten mit Sitz in der Schweiz versammelte sich in einem Konferenzraum, andere wählten sich von überall auf der Welt ein. Ackermann las Ausschnitte aus dem Abschiedsbrief von Wauthier laut vor. Dieser kritisierte Ackermann wiederholt für seinen brutalen Führungsstil und warf ihm vor, die Zurich-Finanzabteilung massiv unter Druck gesetzt zu haben, sagt eine Person, die sowohl mit dem Brief als auch mit den Inhalten des Meetings vertraut ist.

Verwirrung und Frust im Verwaltungsrat

Die Verwaltungsräte reagierten schockiert auf die sehr persönlichen Inhalte des Briefes. Ackermann habe beim Vorlesen schwer verletzt geklungen, berichtet ein Insider. Die Teilnehmer sprachen anschließend darüber, dass das Gremium angesichts der Tragödie eine Einheit bleiben müsse. Sie vertagten sich für den Abend und verabredeten, am kommenden Tag erneut zusammenzukommen.

Einige Verwaltungsräte versuchten in der Zwischenzeit laut informierten Personen, Ackermann zu erreichen, um ihm ihr Mitgefühl für die schwierige Situation auszusprechen und ihn zu ermahnen, die Schuld nicht bei sich zu suchen. Er ging nicht ans Telefon. Mehrere Verwaltungsräte und andere Mitarbeiter protestierten vehement. Sie fürchteten, dass eine öffentliche Erklärung mehr Fragen aufwerfe als beantworte, berichtet eine mit den Diskussionen vertraute Person. Die Debatte zog sich bis in den Donnerstagmorgen. Ackermann blieb hart.

Die Mitteilung, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, ließ den Aktienkurs von Zurich einbrechen. Am folgenden Tag hielt das Unternehmen auf öffentlichen Druck eine Telefonkonferenz ab, auf der die Existenz des Abschiedsbriefs bekannt gegeben wurde.

Wauthier wurde am Montag beerdigt. Am Dienstag lehnte sein Sohn einen Kommentar im Namen der Familie ab.

Am Mittwoch ließ Ackermann dann im Verwaltungsrat die Bombe platzen: Er habe entschieden, mit sofortiger Wirkung zurückzutreten. Wieder einmal waren die Mitglieder des Gremiums sprachlos. Lange habe Schweigen geherrscht, berichtet die informierte Person. Einige Verwaltungsräte hätten Ackermann dann aufgefordert, seinen Schritt zu überdenken. Er ließ sich aber nicht überreden. Die Verwaltungsräte äußerten Verwirrung und Frust über die Entscheidung. Sie fürchteten, so werde das Vertrauen in das Unternehmen weiter erschüttert.

Die Kommunikationsabteilung von Zurich setzte daraufhin eine Presseerklärung auf. Ackermann bestand darauf, dass ein Zitat von ihm aufgenommen werden solle, in dem sein Rücktritt direkt mit dem Selbstmord in Verbindung gebracht wird: "Ich habe Grund zur Annahme, dass die Familie meint, ich solle meinen Teil der Verantwortung hierfür tragen, ungeachtet dessen, wie unbegründet dies objektiv betrachtet auch sein mag."

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

Mitarbeit: Madeleine Nissen, John Revill und Neil Maclucas



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
exHotelmanager 05.09.2013
1. Fakten richtig erfasst?
Zitat von sysoppicture alliance / dpaHitzige Dialoge, öffentliche Kritik: Nach dem Suizid des Zurich-Finanzchefs schildern Mitarbeiter Josef Ackermanns Führungsstil als rau. Ackermann selbst habe darauf beharrt, seinen Rücktritt in Verbindung mit dem Tod des Topmanagers zu bringen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/zurich-ackermann-uebte-massiven-druck-auf-wauthier-aus-a-920352.html
Ein See hat "Ufer" und keine "Küste".
lanzarot 05.09.2013
2. optional
Diese Kultur des öffentlich Kritisieren war schon vor Ackermann in dieser Firma da. Ein "normaler" Mitarbeiter wurde vom Vorstandsvorsitzende während einer Sitzung gegen den Hinterkopf "getätschelt", nach dem Motto, passen Sie gefälligst auf
LarsLondon 05.09.2013
3. Fehlende Kritikfaehigkeit
Wo haette Ackermann denn seine Kritik aeussern sollen, wenn nicht in einer Sitzung des Verwaltungsrats? Genau das war seine Aufgabe. Mit professioneller Kritik muss man (nicht nur auf der Ebene) umgehen koennen. Eine (Un-)Kultur der "hoeflichen" Zustimmung kann doch nicht das Ziel sein.
doofnuss 05.09.2013
4. im binnenland der goldküsten
Zitat von exHotelmanagerEin See hat "Ufer" und keine "Küste".
in der schweiz ist das anders, obwohl binnenland auf dem kontinent, gibt's dort sogar goldküsten: "Als „Goldküste“ ist in der Schweiz das untere rechte Zürich- seeufer bekannt – genauer gesagt: der Bereich zwischen Zürich und Rapperswil. Namensgebend mag die Abendsonne gewesen sein, die den Grundstücken am See und an den Hängen zuteil wird – doch wer heute von der Goldküste spricht, bezieht sich eher auf die Bewohnerstruktur, die nicht mehr von Fischern oder Weinbauern bestimmt wird, sondern von all denjenigen, die imstande sind, sich eines der millionenschweren Grundstücke zu leisten und zugleich von dem niedrigen Steuersatz der Umlandgemeinden von Zürich zu profitieren. Reiche Schweizbewohner – vorzugsweise solche aus dem Ausland – zieht es an die Seeufer: an die Goldküste (Milchbaron Theo Müller), an den Zugersee (Ikea-Chef Ingvar Kamprad), an den Genfersee (Michael Schumacher), aber auch an die der Goldküste gegenüberliegende „Pfnüselküste“ des Zürichsees." aus: http://www.bauwelt.de/sixcms/media.php/829/10799408_9dcd810da1.pdf
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