Zwei Jahre nach Lehman-Crash Das Gespenst zockt wieder

Lehman lebt weiter: Zwei Jahre nach der epochalen Pleite des Finanzgiganten versuchen Börsenakrobaten, die Reste der Investmentbank zu versilbern - zum Wohle der Gläubiger. Dabei setzen die letzten Lehmänner auf jene Methoden, die die Krise ausgelöst haben.

SPIEGEL ONLINE

Aus New York berichtet


Silber und blau glitzert die Fassade des Time & Life-Building an der New Yorker Avenue of the Americas, unweit des Time Square. In dem Wolkenkratzer, zwischen der 35. und der 46. Etage, residiert der traurige Rest einer Wall-Street-Legende, deren Niedergang vor genau zwei Jahren die schlimmste Phase der Finanzkrise einläutete und von der sich die Wirtschaft bis heute nicht restlos erholt hat.

Dort oben über den Straßenschluchten macht der Rest Lehman Brothers seine Geschäfte. Ehemals ein Dickschiff des globalen Geldgeschäfts ist der Finanzkonzern jetzt eine Art Gespenst.

Die früher viertgrößte Investmentbank der Welt beschäftigte einst 26.000 Menschen in ihrem globalen Geflecht aus Beteiligungsfirmen und Besitzverwaltungen. Doch Lehman verspekulierte sich. Mit riskanten Immobilienanleihen. Mit komplexen Kreditausfallversicherungen. Mit der Annahme, die Gläubiger würden nicht merken, dass das Geldhaus zu viele Schulden angehäuft hat.

Doch das taten sie. Sie zogen massenhaft Geld ab und verkauften in Scharen ihre Lehman-Aktien. Am 15. September 2008 kollabierte der Finanzkoloss und hinterließ einen Schuldenberg von mehr als 600 Milliarden Dollar. Es war die größte Unternehmenspleite der US-Geschichte, sie schickte Schockwellen um die Welt. Sie erreichten die Wall Street, den Weltfinanzmarkt und schließlich die Weltkonjunktur. Zuletzt kollabierten beinahe ganze Staaten.

Lehman ist lebendig

Inzwischen geht es mit der Konjunktur wieder langsam aufwärts. Politiker und Experten schreiben dicke Bücher über die Finanzkrise, in denen sie die Ursachen analysieren. Jüngst war es der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der sich an die hektischen Tage der Rettung erinnerte, als das globale Finanzsystem vor dem Kollaps stand. "Es war ein Erdbeben", erinnert sich der SPD-Politiker.

Kommende Woche nun kommt Oliver Stones "Wall Street 2" in die US-Kinos. Dessen Hauptfigur Gordon Gekko, seit den achtziger Jahren der Archetyp des gierigen Zockers, wird darin zum Gutmenschen geläutert. Die Botschaft lautet: Die Finanzkrise 2008 ist vorüber, die Protagonisten haben sich geändert - und Lehman Brothers, die Bank, mit deren Crash das Unheil seinen Höhepunkt fand, ist nur noch ein Kapitel im Geschichtsbuch.

Doch Lehman ist lebendig. Und die Geschäfte, die dort im Time & Life-Building gemacht werden, sind noch genauso riskant wie einst.

Auf den Märkten haben die Zocker wieder die Oberhand gewonnen - und auch bei Lehman. Über 600 Menschen arbeiten derzeit noch für das Unternehmen. Einige davon sind ehemalige Mitarbeiter der Investmentbank, die übrigen meist Angestellte von Alvarez & Marsal. Jener Sanierungsberatung, die Lehman 2008 als Abwickler beauftragte.

Viele Lehman-Mitarbeiter machen 2010 noch dasselbe wie 2008. Manche spekulieren noch immer mit genau jenen riskanten Finanzpapieren, die die Bank seinerzeit in die Pleite trieben. Insgesamt verwaltet das Team unter Kanzleichef Bryan Marsal Positionen im Wert von rund 50 Milliarden Dollar.

"Wert der Anlagen maximieren"

Marsal soll nur Abwickler sein, ein professioneller Leichenfledderer, der den Rest von Lehman kontrolliert beseitigt. Der Manager, der zwischendurch als neuer General-Motors-Chef im Gespräch war, interpretiert seine Rolle so: "Unser Ziel ist es, den Wert der Anlagen zu maximieren."

Alvarez & Marsal schätzt, dass gegen Lehman berechtigte Forderungen in Höhe von gut 260 Milliarden Dollar bestehen. Hätte man alles nach einem Jahr verkauft, hätten die Gläubiger sieben Prozent zurückbekommen. Aktuell liegt der Wert bei rund 15 Prozent.

Organisiert werden alle Aktivitäten über die Firma Lamco: eine Vermögensverwaltung, die den Gläubigern gehört und die mit deren Segen alles versucht, um aus den Lehman-Überresten so viel Geld wie möglich zu holen. Mal investiert Lamco Hunderte Millionen in Immobilien. Mal kauft sie neue Derivate, um sich gegen Risiken aus alten Lehman-Verträgen abzusichern.

Forderungen gegen Konkurrenten

Und dann wieder versucht Marsals Kanzlei, aus alten Lehman-Wettbewerbern Milliarden herauszupressen. Die japanische Holding Nomura Chart zeigen etwa soll zahlen, weil sie nach Darstellung der Kanzlei das Europa- und Asiengeschäft von Lehman unter Preis übernommen hat.

Von der britischen Bank Barclays Chart zeigen, die nach der Pleite binnen Tagen Lehmans Amerika-Geschäft schluckte, will Lehman laut "Financial Times Deutschland" stolze elf Milliarden Dollar. Barclays soll sich nach Darstellung der Anwälte mehr Vermögenswerte gesichert haben als rechtens war und Lehman-Managern neue Jobs versprochen haben, um den Kaufspreis gewisser Sparten zu drücken. Barclays weist die Vorwürfe zurück.

Bislang lassen die Gläubiger - unter anderem die Deutsche Bank Chart zeigen, Goldman Sachs Chart zeigen und arabische Fonds - Marsal gewähren, da sie hoffen, möglichst viel ihrer Forderungen erstattet zu bekommen.

Doch bislang hat vor allem Marsal selbst profitiert. Laut "Los Angeles Times" hat seine Kanzlei inzwischen gut 326 Millionen Dollar für die Verwaltung des Lehman-Erbes eingestrichen.

Marsal indes hat schon neue Pläne für die Bank. Der Name Lehman soll verschwinden, denn er gehört Barclays. Gleichzeitig soll Lamco die Lehman-Reste künftig nicht mehr nur verwalten sondern übernehmen, um damit weiterzuzocken. Bis Sommer 2011 sollen die Gläubiger über diesen Plan abstimmen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
frubi 15.09.2010
1. .
Zitat von sysopLehman lebt weiter: Zwei Jahren nach der epochalen Pleite des Finanzgiganten versuchen Börsenakrobaten, die Reste der Investmentbank zu versilbern - zum Wohle der Gläubiger. Dabei setzen die letzten Lehmänner auf jene Methoden, die die Krise ausgelöst haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,717564,00.html
Es war doch bereits nach kurzer Zeit abzusehen, dass sich diese Branche nicht ändern wird. Das ganze politische Geplänkel im Anschluss war nichts weiteres als ein schlechtes Schauspiel. Die Schlussfolgerung für die Banker ist allerdings das schlimmste an der ganzen Sache. Die wissen jetzt, dass sich Staaten/Steuerzahler erpressen lassen. Eine Wiederholungstat ist daher nicht ausgeschlossen.
onzapintada 15.09.2010
2. Lehman: Entscheidung der US-Regierung war richtig
Zitat von sysopLehman lebt weiter: Zwei Jahren nach der epochalen Pleite des Finanzgiganten versuchen Börsenakrobaten, die Reste der Investmentbank zu versilbern - zum Wohle der Gläubiger. Dabei setzen die letzten Lehmänner auf jene Methoden, die die Krise ausgelöst haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,717564,00.html
Als Resumee kann man daraus nur lernen, dass die Entscheidung der US-Regierung, Lehman nicht freizukaufen, richtig war. Die Kosten wären sonst noch unkalkulierbarer und noch mehr aus dem Ruder gelaufen. Deutschland, vertreten durch Bürgschaftspeer und die Bankenrettungskanzlerette, hat dagegen gezeigt, wie man es nicht macht: Drei Gründe, warum Bankenrettungen die schlechteste Option sind:
Michael KaiRo 15.09.2010
3. The show must go on!
Und was interessiert mich der Pöbel dort unten? So oder ähnlich sind doch die Gedanken der Bankster. Solange wir uns das alles gefallen lassen, sind wir alle es selber schuld! Statt unseren Politikern und Regiereden die Hölle heiß zu machen, blicken wir staunenden Auges auf die Schlange. P.S.: Bis jetzt konnte mir kein Mensch erklären, warum die Banken allen voran die HRE systemrelevant sein sollen. Außer, dass diese ganzen Banken systemrelevant fürs Establishment und vor allem den Superreichen sind. Denn nur die hätten im Falle eines Bankencrashs Federn gelassen (bis 50.000 € sind Bankeinlagen ja eh garantiert). Die Wirtschaft tangiert es ebenso nicht (dank Basel II und III wird vielen normalen Industriefirmen jetzt schon die Kredite verweigert), denn das Bankensystem hat sich vom gesamten Wirtschaftskreislauf eh schon meilenweit entfernt.
mmueller60 15.09.2010
4. x
Zitat von Michael KaiRoUnd was interessiert mich der Pöbel dort unten? So oder ähnlich sind doch die Gedanken der Bankster. Solange wir uns das alles gefallen lassen, sind wir alle es selber schuld! Statt unseren Politikern und Regiereden die Hölle heiß zu machen, blicken wir staunenden Auges auf die Schlange. P.S.: Bis jetzt konnte mir kein Mensch erklären, warum die Banken allen voran die HRE systemrelevant sein sollen. Außer, dass diese ganzen Banken systemrelevant fürs Establishment und vor allem den Superreichen sind. Denn nur die hätten im Falle eines Bankencrashs Federn gelassen (bis 50.000 € sind Bankeinlagen ja eh garantiert). Die Wirtschaft tangiert es ebenso nicht (dank Basel II und III wird vielen normalen Industriefirmen jetzt schon die Kredite verweigert), denn das Bankensystem hat sich vom gesamten Wirtschaftskreislauf eh schon meilenweit entfernt.
Eine "Garantie" ist immer nur so viel Wert wie die Solvenz des Garantiegebers. Wenn die Firma, deren Gebrauchtwagengarantie Ihnen vom Ihrem Autohändler vermittelt wurde, pleite geht, ist Ihre Garantie dahin, obwohl Sie doch eine abgeschlossen hatten! Genauso mit dem Einlagensicherungsfonds - wenn es aufgrund eines echten Finanzkollaps, wie er ja nun verhindert wurde, Forderungen an diesen Fonds in "systemischer Höhe" (so nenn ich's mal) gibt, dann ist der Pleite bzw. kann nur eine winzige Erstattungsquote an jeden Garantienehmer anbieten. Bin zu faul zum googlen, ich glaube das Gesamtvolumen des Einlagensicherungsfonds beläuft sich auf 6 Milliarden Euro - das taugt nur, wenn eine einzelne Privatkundenbank pleite ist, sonst ist die Summe lachhaft. Daß man mit über 50k noch nicht zu den Superreichen gehört, den Hinweis spare ich mir hier lieber im Spiegel-Online-Forum aka. Hartz-IV-Tummelplatz.
cobobka 15.09.2010
5. ARD - 23:30 Zocken bis der Staat hilft
Aus der Programmankündigung: Reißt uns die Finanzindustrie in den Abgrund? Risikoverliebte Banker pokern schon wieder hoch Im September 2008 hieß es im Bundestag noch, die in den USA durch Immobilienspekulationen und Bankenpleiten ausgelöste Finanzmarktkrise sei vorrangig "ein amerikanisches Problem". Kurz darauf war klar, dass deutsche Banken, vor allem Landesbanken, durch fahrlässiges Zocken Milliardenverluste eingefahren hatten. Und obwohl die Folgen nicht abgearbeitet sind, horten die Geldinstitute wieder riskante Staatsanleihen in ihren Depots. Politiker, bankrotte Hausherren und ausgestiegene Topbanker wie Larry McDonald von der 2008 zusammengebrochenen US-Bank Lehman Brothers erläutern, inwiefern ein neuer Kollaps droht. - Kritische Politdoku von Wiltrud Kremer und Brigitte Schalk zur skandalösen Sendezeit.(Zitat Ende)
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