SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

05. Juli 2008, 19:19 Uhr

Unternehmensumfrage

Ölpreisrekorde erschüttern Mittelstand

145 Dollar pro Barrel, und ein neuer Spitzenwert kommt bestimmt: Einer Umfrage zufolge lässt der steigende Ölpreis immer mehr deutsche Unternehmen um ihre Existenz fürchten. Fast jede befragte Firma will die gestiegenen Kosten in Form höherer Preise an die Kunden weitergeben.

Hamburg - Die Umfrage unter 4000 Unternehmen zeichnete ein pessimistisches Bild für den Mittelstand: 1,5 Prozent der Firmen gaben an, wegen der hohen Kostenbelastung bereits jetzt vor der Geschäftsschließung zu stehen. Hochgerechnet auf den gesamten Mittelstand in Deutschland entspreche das einer Zahl von 51.000 Unternehmen. Das sagte ein Sprecher der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die die Erhebung im Juni durchführte, der dpa.

Ölfässer in Hamburg: Die ersten Firmen stehen kurz vor der Insolvenz
DPA

Ölfässer in Hamburg: Die ersten Firmen stehen kurz vor der Insolvenz

Allein im Einzelhandel befürchteten demnach 15.000 Firmeninhaber, das Geschäft aufgeben zu müssen. Im Verkehrs- und Logistiksektor sowie im Baugewerbe rechnen nach Hochrechnung von Creditreform jeweils 5600 Unternehmen mit dem Aus.

Die Ölpreise waren in den vergangenen Tagen über die Marke von 145 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen. Daraufhin erreichten auch die Spritpreise in Deutschland Rekordmarken: Ein Liter Benzin kostete nach Angaben aus der Branche durchschnittlich 1,60 Euro, Diesel 1,56 Euro.

Fast jedes zweite der befragten Unternehmen will die gestiegene Kostenbelastung in Form höherer Preise an die Kundschaft weitergeben. Ebenfalls fast jedes zweite mittelständische Unternehmen suche nach günstigeren Lieferanten, um die enorme Kostenbelastung abzumildern, ergänzte Creditreform. Außerdem würden die höheren Kosten bei Energie und Rohstoffen Rationalisierungen in den Betrieben nach sich ziehen.

Tausenden Speditionen droht das Aus

Akuten Alarm schlägt die Verkehrsbranche. "Für das Transportgewebe ist die Dieselpreisbelastung katastrophal", sagte der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes Verkehrsgewerbe Niedersachsen, Bernward Franzky. Innerhalb eines Jahres habe es eine Mehrbelastung von 12.000 Euro pro Lastwagen gegeben. Dies könnten die Speditionen nicht ausgleichen. Dazu komme die geplante Erhöhung der Lkw-Maut, die im Schnitt von 13,5 auf 16,3 Cent pro Kilometer angehoben werden solle. "Das macht pro Lastwagen pro Jahr noch einmal eine Mehrbelastung von 9500 Euro."

Allein in Niedersachsen drohten wegen der Mehrbelastungen 300 Speditionen in die Insolvenz zu gehen, bundesweit seien es rund 3000, sagte Franzky. Dies wären vier Mal mehr als im vergangenen Jahr. Derzeit gebe es in Niedersachsen rund 5200 Speditionen, bundesweit rund 51.000. Die Speditionen hätten große Schwierigkeiten, die höheren Kosten an die Kunden weiterzugeben.

Auch aus anderen Branchen, zum Beispiel aus der Luftfahrt, heißt es, der harte Wettbewerb erlaube es kaum, die höheren Energiepreise an die Kundschaft durchzureichen. "Auf der Langstrecke holen wir etwa ein Drittel unserer Mehrkosten wieder rein. Doch innerhalb Europas ist dies nur in geringerem Ausmaß oder gar nicht möglich. Hier sind die Preise generell bereits stark unter Druck", sagte Swiss-Chef Christoph Franz der "Wirtschaftwoche". Die hohen Kerosinpreise sind im reinen Fluggeschäft inzwischen der größte Kostenfaktor vieler Fluggesellschaften. In den vergangenen Monaten hatten mehrere Airlines angekündigt, ihre Flotten wegen der Kostenentwicklung reduzieren zu wollen.

Internationale Energieagentur: Öl bleibt teuer

Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) trat Befürchtungen entgegen, die rasant steigenden Kosten für Energie und Rohstoffe könnten der deutschen Wirtschaft auf breiter Front schaden. Die Wirtschaft sei "stabil genug, das auszuhalten", sagte er der "Welt am Sonntag". Deutschland habe bereits zur Regierungszeit von SPD-Kanzler Helmut Schmidt (1974 bis 1982) damit begonnen, die Energieeffizienz stetig zu erhöhen. SPD-Fraktionschef Peter Struck rief zu einer Senkung des Energieverbrauchs auf.

Die Internationale Energieagentur (IAEA) dämpfte Erwartungen, dass Öl wieder billiger werden könnte. Zwar werde sich die Lage am Ölmarkt bis 2009/2010 zunächst entspannen, da neue Förderprojekte die Produktion aufnehmen, sagte der IAEA-Exekutivdirektor Nobuo Tanaka dem "Handelsblatt". Danach werde die Förderung aber sinken und gleichzeitig die Nachfrage steigen, vor allem in den Entwicklungsländern: "Bis 2013 bleibt die Lage am Markt sicher gespannt." Der IAEA-Direktor rief die Produzenten auf, mehr zu investieren. Aber auch die Verbraucher seien in der Pflicht, Energie zu sparen.

amz/dpa/ddp

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung