Unternehmer Der Padre mit der Pumpgun

Almosen fürs Überleben, Zuschüsse für Särge – lange versuchte Padre Bertram vergeblich den Kreislauf des Elends im Armenhaus Ecuadors zu durchbrechen. Nun hat er für seine Bauern ein Erfolgsmodell geschaffen. In der Halbwüste baut er Aloe Vera an und produziert daraus in der Schweiz Kosmetika.

Von Alexander Schwabe


Padre Bertram Wick: "An etwas anderes als ans Überleben ist nicht zu denken"

Padre Bertram Wick: "An etwas anderes als ans Überleben ist nicht zu denken"

Guayaquil - Wenn man die Sekretärin des Bischofs von Guayaquil auf die Schönheitscreme des Padre anspricht, gerät sie ins Schwärmen. "Es ist eine Wundersalbe", jubiliert die Katholikin. Seit sie ihre Füße mit der Aloe-Vera-Paste einreibt, sind ihre Risse und Krusten verheilt.

Die heilende Creme hat eine Reise um die halbe Welt und zurück hinter sich. Geerntet und extrahiert wird das kaktusartige Liliengewächs in Ecuador, zu Creme, Gel, Lotion oder Shampoo verarbeitet und vertrieben in St. Gallen. Der Mann der die Fäden zieht: Priester Bertram Wick, 48, dem es in der Ödnis der Halbinsel Santa Elena am Pazifik gelungen ist, zum Kosmetiklieferanten zu werden und armen Bauern eine Lebensgrundlage zu schaffen.

Banküberfall in La Libertad - die Härte des Lebens

Der Ostschweizer war 1991 nach Ecuador ausgezogen, um das Evangelium zu predigen - konfrontiert wurde er mit den Gesetzen der Armut. Die Menschen in seiner Pfarre waren am täglichen Brot mehr interessiert als an der Vergebung der Schuld. "Ich fragte mich oft, wovon die Leute leben", sagt Wick, "angesichts der Armut war mir klar, dass es wenig bringt, christliche Werte zu predigen, wenn die Lebensumstände so prekär sind, dass an etwas anderes als ans Überleben nicht zu denken ist".

Lehmige, sandige Böden: Aloe-Vera-Anbau in Colonche

Lehmige, sandige Böden: Aloe-Vera-Anbau in Colonche

Missliche Erfahrungen hat Wick am eigenen Leib gemacht. Nachdem ihm fünf bewaffnete Männer vor einer Bank in La Libertad mit ihren Revolvern eins übergebraten hatten, um ihm 2000 Dollar Lohngelder abzuknöpfen, hatte er die Härte des Lebens in Ecuador buchstäblich kennengelernt. Als es zudem zu mehreren Raubüberfällen auf seine rund 40 Kilometer entfernte Pfarre kam, kaufte er eine Pumpgun. Zur Übung schießt er auf wilde Kakteen. "Die knacken einfach um, wenn man ins Zentrum trifft."

Ernte gut, Erlös mickrig

Der Padre nahm den Überlebenskampf auf - für sich und seine Bauern. Er zermarterte sich den Kopf darüber, wie er ihnen ein langfristiges Auskommen schaffen konnte. Erst versuchte er auf den teils sandigen, teils lehmigen Böden Weintrauben anzubauen. Ein Fehlschlag. Dann Kohl, Broccoli, Rosenkohl. Vergebens. Schädlinge fraßen das Grünzeug. Der Sohn eines Bauern probierte es mit Maracujas und Tomaten, mit Gurken und Melonen. Das klappte - doch es zahlte sich nicht aus. Peperoni gedieh. Die Ernte war gut, doch der Erlös mickrig: 2,50 Dollar für einen 30-Kilo-Sack. Ein Hundertstel des Preises, der in den Läden Europas bezahlt wird. "Da kam mir die Galle hoch", sagt Wick.

Bewässerungsversuche: Auf der Halbinsel Santa Elena am Pazifik ist das Wasser knapp

Bewässerungsversuche: Auf der Halbinsel Santa Elena am Pazifik ist das Wasser knapp

Als 1997 das Wetterphänomen "El Niño" ("das Christkind") kam, verschärfte sich das soziale Elend. Die Passatstürme brachten eine Unmenge Regen in die Wüstengegend. Staudämme barsten, Fluten rissen Häuser mit sich, die 20 Dörfer der 1000 Quadratkilometer großen Pfarrei Colonche waren wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Wick kümmerte sich um Menschen, die alles verloren hatten und gezwungen waren, selbst für Särge um Zuschüsse zu bitten.

El Niño und der Dollar

Den Campesinos spielte nicht nur das Klima übel mit. Die Schäden El Niños waren noch nicht behoben, als im Januar 2000 der Dollar als offizielles Zahlungsmittel in Ecuador eingeführt wurde. Dies brachte zwar ein höheres Wirtschaftswachstum und verringerte die Inflation um gut 25 Prozentpunkte binnen zweier Jahre auf nunmehr rund zehn Prozent.

Karte Ecuador
GMS

Karte Ecuador

Doch die Preise für Agrarprodukte wurden durch Importe aus Kolumbien und Peru drastisch gedrückt. 25 Kilogramm Zwiebeln kosten nur noch einen Dollar, 40 Kilo Zitronen fünf Dollar, 20 Kilo Tomaten sind für zwei bis drei Dollar zu haben.

Die purzelnden Preise machten die Bauern ratlos. Worauf sollten sie nun setzen? Genug Land war da im dünn besiedelten Ecuador. Doch woher Kredite nehmen, um simple Geräte zu kaufen oder um Wasser für die Felder zu bezahlen? Ein Bewässerungssystem für zehn Hektar kostet 30.000 Dollar. Weitab der Wirtschaftszentren mangelt es zudem an Vertriebswegen und Vermarktungs-Knowhow.

Nach all den Rückschlägen schien die Lage hoffnungslos. Doch zuweilen sind die Wege des Herrn unergründlich. Ein Zufall spielte dem Gottesmann die Lösung zu. Während der Schulferien hatte er gut fünf Dutzend Schüler am Hals, die in seiner Pfarrei an einem Stipendienprogramm teilnahmen. Aus ergotherapeutischen Gründen, so Wick ("Ich musste irgendwelche Arbeit erfinden"), wies er die Studenten an, ein paar Hundert Aloe-Vera-Pflanzen, die sich bei einem Nachbarn auf einem winzigen Stück Erde als Unkraut vermehrt hatten, auszugraben und umzupflanzen. Und siehe da, die Pflanz-Aktion wurde zum Ausgangspunkt eines Erfolgsmodells.

Vorbild Nofretete und Cleopatra

Wick stellte fest, dass die Aloe Vera prächtig gedieh und - außer einem Pilz - keine natürlichen Feinde hatte. Die Pflanze, die schon Nofretete und Cleopatra zur Pflege der Haut nutzten, wuchs auch in Dürreperioden. Und umherstreunende Ziegen - "die schlimmsten Räuber" -, Esel und Schweine verschmähten die bitteren Blätter. Teure Umzäunungen konnte man sich sparen.

Ernte in Colonche: Arbeitsplätze durch Aloe Vera

Ernte in Colonche: Arbeitsplätze durch Aloe Vera

Die Symbolpflanze der Unsterblichkeit trägt inzwischen zum Überleben einiger Bauern bei. Die Arbeiter ziehen morgens um 6.30 Uhr aufs Feld. Sie schneiden den untersten Blätterkranz von den Stauden. Sobald vier bis fünf Tonnen zusammen sind, transportiert ein Lkw die Ernte zur Zentrierfabrik nach Guayaquil, der größten Hafenstadt Ecuadors. Eine Tochterfirma der holländischen Passina, dem Weltmarktführer für die Herstellung und den Verkauf tropischer Säfte und Konzentrate, presst das wertvolle Aloin aus den Blättern, kauft den Saft für einen Dollar pro Liter auf und verschifft ihn nach Europa.

Skepsis und Unterstützung in der Kirche

Dort, so Wick, muss er "den eigenen Saft" für das Fünffache zurückkaufen. "Ich habe keine Alternative", ärgert sich der Priester. Um die Heil bringende Tunke selbst herzustellen, müsste er rund 1,5 Millionen Dollar in eine eigene Fabrik investieren. "Da schlaf ich nicht mehr ruhig", fürchtet er. Doch der Bischof von Guayaquil hat Gefallen an Wicks Einsatz gefunden: Er prüft bereits, ob er dem umtriebigen Pater eine Produktionsstätte finanzieren soll.

Der Vorgänger des Bischofs, Mitglied des konservativen Opus-Dei-Ordens, sah Wicks Wirken skeptischer. Ein Pfarrer solle nicht Unternehmer spielen und sich mit der "Aloe-Mafia" einlassen - wie Wick die US-Firmen nennt, die rund 80 Prozent des Aloe-Marktes kontrollieren, auf dem seinen Angaben zufolge weltweit jährlich mehr als 50 Milliarden Dollar umgesetzt werden.

Markt in Ecuador: Die Preise purzeln
GMS

Markt in Ecuador: Die Preise purzeln

Pater Wick aber hielt an seinem Ansatz fest. Er verfolgt das Anliegen von Befreiungstheologen wie Leonardo Boff, Jon Sobrino, Dom Helder Camara oder Gustavo Gutiérrez, die in Rom nicht sehr geschätzt sind. Ihnen genügt es nicht, den Leuten allein das Evangelium zu bringen und sie im Übrigen im Elend sitzen zu lassen. Sie fordern, die Verkündigung müsse begleitet sein vom Kampf für eine gerechtere Politik - was ihnen bei den Oberen im Vatikan den Vorwurf eingebracht hat, sie predigten den Kommunismus.

Kosmetika statt Skiwachs-Mischungen

So etwas wie eine kommunistische Zelle hat sich unterdessen in der Schweiz gebildet. Dort unterstützt ein Kollektiv von Angehörigen und Freunden des Paters das Projekt in Ecuador gratis. Ein Chemiker, von Beruf ein Skiwachs-Spezialist, stimmt in seiner Freizeit die Rezepturen ab. Ein Grafiker hat sich der Vermarktung angenommen. Und Wicks Schwester lagert Unmengen von Shampoo, Duschgel, Flüssigseife, Tages-, Nacht- und Handcreme, Body Lotion und Hydro Repair Gel der "colonche line by Padre Wick" in ihrem Luftschutzkeller. Per Direktvertrieb haben die Schweizer seit Ende August rund 80 Prozent der 10.000 Artikel verkauft und dabei schätzungsweise 70.000 Franken Umsatz gemacht.

Freude an Kosmetik: Pater Wick und Schüler in Ecuador

Freude an Kosmetik: Pater Wick und Schüler in Ecuador

Wick will mit seiner Fairtrade-Aktion ohne Groß- und Zwischenhandel erreichen, dass statt einem mindestens fünf Prozent des Verkaufspreises den Erzeuger erreichen. Der Erlös geht in die Löhne und in die Sozialarbeit der Gemeinde. In Colonche hat die Aloe-Produktion bereits 60 Leuten Arbeit verschafft: 40 Feldarbeitern und 20 Lehrern, deren Schule von den Gewinnen mitfinanziert wird. Ziel ist es, mindestens 100 Familien in Lohn und Brot zu bringen. Ein Arbeiter soll am Monatsende 150 Dollar mit nach Hause nehmen (das Durchschnittseinkommen liegt bei 134 Dollar).

Noch aber steht das Projekt auf wackeligen Beinen. Immer wieder kommt es zu herben Rückschlägen für die Aloe-Vera-Pflanzer: Gerade ging eine ganze Ernte verloren, berichtet Wick. Vier Monate lang lagen die Blätter herum, weil dem Hersteller des Extrakts in Guayaquil Filter fehlten, um dem Saft Zellulosestoffe zu entnehmen. Die Ware verdarb. Der Verlust: 30.000 Dollar.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.