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26. November 2008, 18:18 Uhr

Urteil gegen Arbeitgeber

Frau gewinnt Diskriminierungsprozess mit Hilfe der Mathematik

85 Prozent Frauen im Unternehmen, aber 0 Prozent Frauen auf der Chefebene: Mit dieser simplen Rechnung hat eine Gema-Angestellte jetzt einen Diskriminierungsprozess gewonnen. Ihr Arbeitgeber soll zahlen, urteilte das Gericht in erster Instanz - eine Premiere in Deutschland.

Berlin - So ein Urteil hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Das Landesarbeitsgericht Berlin hat die Musikrechte-Verwertungsgesellschaft Gema verurteilt, weil sie eine Angestellte bei der Neubesetzung eines Direktorenpostens nicht berücksichtigt hat - höchstwahrscheinlich aus Diskriminierung. Das Spektakuläre: die Begründung. Die Klägerin habe den statistischen Nachweis darüber erbracht, dass es kein Zufall sei, dass die Gema-Führung komplett mit Männern besetzt ist. Das Unternehmen sei den Gegenbeweis schuldig geblieben.

Gema-Gebäude in München: Mathematisches Gutachten als entscheidendes Indiz
DDP

Gema-Gebäude in München: Mathematisches Gutachten als entscheidendes Indiz

Es soll nun 20.000 Euro Schadenersatz, den Verdienstausfalls in Höhe von 28.214,66 Euro und die Gehaltsdifferenz zahlen. Beide Seiten wollen gegen das Urteil vor dem Bundesarbeitsgericht Revision einlegen - das Unternehmen offenbar aus generellen Gründen, die Klägerin, weil sie mindestens 90.000 Euro Schadensersatz gefordert hat.

Die Gema hatte 2006 den Posten des Personaldirektors ohne jede Ausschreibung an einen Mann vergeben, der bis dahin die Personalabteilung des Unternehmens in München geleitet hatte. Dagegen klagte die Abteilungsleiterin der Personalabteilung in Berlin auf der Basis des damals neu erlassenen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). Die heute 47-Jährige fühlte sich bei der Beförderung übergangen, weil sie sich als gleichrangig qualifiziert ansah und zudem länger als der Konkurrent im Unternehmen gearbeitet hatte.

16 männliche Direktoren trotz Frauenanteil von 85 Prozent

Als ein Indiz für die Diskriminierung ließ die Klägerin ein mathematisches Gutachten anfertigen. Dieses ergab eine Wahrscheinlichkeit von unter einem Prozent für die Annahme, dass bei der Gema aus reinem Zufall alle 16 Direktorenposten mit Männern besetzt sind, während der Frauenanteil im Unternehmen bei rund 85 Prozent liegt. Der Vorsitzende Richter Joachim Klueß sagte, die Klägerin habe damit den statistischen Nachweis erbracht, dass sie offenbar aufgrund einer Diskriminierung nicht befördert wurde. Außerdem seien bei der Gema auch in der zweiten Führungsebene mit Ausnahme einer einzigen Frau nur Männer anzutreffen.

Da es für den umstrittenen Direktorenposten kein Ausschreibungsverfahren gegeben habe, habe die Gema in diesem Fall den Vorwurf der Diskriminierung nicht widerlegen können, sagte Klueß. Das Unternehmen hatte dagegen angeführt, die Betriebswirtin habe im Gegensatz zu dem beförderten Konkurrenten keinen Hochschulabschluss in Betriebswirtschaftslehre gehabt. Dieser sei nach gängiger Übereinkunft im Unternehmen aber für den Posten erforderlich gewesen. Der Richter ließ dies nicht als Gegenbeweis gelten. Die 47-Jährige hatte ihren Abschluss auf einer Hotelfachschule gemacht.

Es war das erste Mal, dass in Deutschland eine Klägerin aufgrund einer statistischen Wahrscheinlichkeitsberechnung Recht bekam. In den USA sind diese Analysen ein gängiges Mittel, um Diskriminierungen zu belegen.

Der Anwalt der Klägerin, Hans-Georg Kluge, begründete den Gang in die Revision damit, die Schadenersatzleistung sei zu niedrig angesetzt: "Das zahlt die Gema aus ihrer Portokasse." Es dürfe nicht Schule machen, "dass die Arbeitgeber so billig davonkommen".

Die Rechtsvertreter der Gema waren nach dem Urteil nicht für eine Stellungnahme zu sprechen.

sam/AFP

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