Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Urteil gegen Arbeitgeber: Frau gewinnt Diskriminierungsprozess mit Hilfe der Mathematik

85 Prozent Frauen im Unternehmen, aber 0 Prozent Frauen auf der Chefebene: Mit dieser simplen Rechnung hat eine Gema-Angestellte jetzt einen Diskriminierungsprozess gewonnen. Ihr Arbeitgeber soll zahlen, urteilte das Gericht in erster Instanz - eine Premiere in Deutschland.

Berlin - So ein Urteil hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Das Landesarbeitsgericht Berlin hat die Musikrechte-Verwertungsgesellschaft Gema verurteilt, weil sie eine Angestellte bei der Neubesetzung eines Direktorenpostens nicht berücksichtigt hat - höchstwahrscheinlich aus Diskriminierung. Das Spektakuläre: die Begründung. Die Klägerin habe den statistischen Nachweis darüber erbracht, dass es kein Zufall sei, dass die Gema-Führung komplett mit Männern besetzt ist. Das Unternehmen sei den Gegenbeweis schuldig geblieben.

Gema-Gebäude in München: Mathematisches Gutachten als entscheidendes Indiz
DDP

Gema-Gebäude in München: Mathematisches Gutachten als entscheidendes Indiz

Es soll nun 20.000 Euro Schadenersatz, den Verdienstausfalls in Höhe von 28.214,66 Euro und die Gehaltsdifferenz zahlen. Beide Seiten wollen gegen das Urteil vor dem Bundesarbeitsgericht Revision einlegen - das Unternehmen offenbar aus generellen Gründen, die Klägerin, weil sie mindestens 90.000 Euro Schadensersatz gefordert hat.

Die Gema hatte 2006 den Posten des Personaldirektors ohne jede Ausschreibung an einen Mann vergeben, der bis dahin die Personalabteilung des Unternehmens in München geleitet hatte. Dagegen klagte die Abteilungsleiterin der Personalabteilung in Berlin auf der Basis des damals neu erlassenen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). Die heute 47-Jährige fühlte sich bei der Beförderung übergangen, weil sie sich als gleichrangig qualifiziert ansah und zudem länger als der Konkurrent im Unternehmen gearbeitet hatte.

16 männliche Direktoren trotz Frauenanteil von 85 Prozent

Als ein Indiz für die Diskriminierung ließ die Klägerin ein mathematisches Gutachten anfertigen. Dieses ergab eine Wahrscheinlichkeit von unter einem Prozent für die Annahme, dass bei der Gema aus reinem Zufall alle 16 Direktorenposten mit Männern besetzt sind, während der Frauenanteil im Unternehmen bei rund 85 Prozent liegt. Der Vorsitzende Richter Joachim Klueß sagte, die Klägerin habe damit den statistischen Nachweis erbracht, dass sie offenbar aufgrund einer Diskriminierung nicht befördert wurde. Außerdem seien bei der Gema auch in der zweiten Führungsebene mit Ausnahme einer einzigen Frau nur Männer anzutreffen.

Da es für den umstrittenen Direktorenposten kein Ausschreibungsverfahren gegeben habe, habe die Gema in diesem Fall den Vorwurf der Diskriminierung nicht widerlegen können, sagte Klueß. Das Unternehmen hatte dagegen angeführt, die Betriebswirtin habe im Gegensatz zu dem beförderten Konkurrenten keinen Hochschulabschluss in Betriebswirtschaftslehre gehabt. Dieser sei nach gängiger Übereinkunft im Unternehmen aber für den Posten erforderlich gewesen. Der Richter ließ dies nicht als Gegenbeweis gelten. Die 47-Jährige hatte ihren Abschluss auf einer Hotelfachschule gemacht.

Es war das erste Mal, dass in Deutschland eine Klägerin aufgrund einer statistischen Wahrscheinlichkeitsberechnung Recht bekam. In den USA sind diese Analysen ein gängiges Mittel, um Diskriminierungen zu belegen.

Der Anwalt der Klägerin, Hans-Georg Kluge, begründete den Gang in die Revision damit, die Schadenersatzleistung sei zu niedrig angesetzt: "Das zahlt die Gema aus ihrer Portokasse." Es dürfe nicht Schule machen, "dass die Arbeitgeber so billig davonkommen".

Die Rechtsvertreter der Gema waren nach dem Urteil nicht für eine Stellungnahme zu sprechen.

sam/AFP

Diesen Artikel...
Forum - Diskriminierung am Arbeitsplatz - Was sind Ihre Erfahrungen?
insgesamt 443 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Günther_Glamsch 26.11.2008
Zitat von sysop85% Frauen im Unternehmen, aber 0% Frauen auf der Chefebene: Mit dieser simplen Rechnung hat eine Gema-Angestellte jetzt einen Prozess gegen ihren Arbeitgeber gewonnen. Es ist eine Premiere in Deutschland - was sind Ihre Erfahrungen mit Diskriminierung im Job?
Ich habe eine weibliche Vorgesetzte und empfinde das als angenehm. Wenn man sich nicht allzu dämlich anstellt, kann man sie leicht um den Finger wickeln. Ein paar nicht übertriebene Komplimente reichen da schon und zaubern ein Lächeln in ihr Gesicht. Ihr Vorgänger war ein gestandenes Mannsbild. War auch ganz nett, aber mit Komplimenten allein kam man da nicht weiter.
2.
werner51, 26.11.2008
Zitat von sysop85% Frauen im Unternehmen, aber 0% Frauen auf der Chefebene: Mit dieser simplen Rechnung hat eine Gema-Angestellte jetzt einen Prozess gegen ihren Arbeitgeber gewonnen. Es ist eine Premiere in Deutschland - was sind Ihre Erfahrungen mit Diskriminierung im Job?
Kein Problem hier. Frauen sind (mindestens) so gut wie Männer. Und wenn ich - bei vergleichbarer Qualifikation - die Wahl habe, dann achte ich schon darauf, daß auch Führungspositionen in etwa pari besetzt werden. Bevorzugung einer Frau nur weil sie eine Frau ist, die lehne ich allerdings ab. Das AGG wäre in diesem Fall zu Gunsten der Männer anwendbar.
3. tja
torgum, 26.11.2008
Das Problem mit einigen Damen in den Führungspositionen ist, dass sie das Gleichbehandeln nicht als Gleich behandeln, sondern es dann gleich übertreiben müssen. Das führt dann auch schonmal soweit, dass Kollegen ausgebremst werden, um nicht in die Situation zu kommen, dass er vielleicht mal mehr drauf haben könnte, als sie... letzteres ist mir passiert ....zum Glück ist das nun vorbei...
4. Gleiches Recht auch für Männer!!!!
Wallenstein, 26.11.2008
Alle reden von Gleichberechtigung für Frauen. Wie sieht es denn unterhalb der Chefebene aus? Anscheinend werden dort der Frauen bevorzugt - im Fall der Gema stehen dort 85% in Lohn und Brot. Ich bin sehr für Gleichberechtigung, aber bitte dann auf allen Ebenen und nicht nur über die Chefetage diskutieren. Es gibt mehr arbeitslose Männer als Frauen, und der Weg in den Chefsessel fängt bekanntlich in unteren Ebenen an. Mehr Männer in die unteren Ebenen. Mehr Frauen in die oberen Ebenen. Das ist Gleichberechtigung. Meine Erfahrung ist, dass Frauen grundsätzlich bessere Berufsmöglichkeiten haben, nicht zu letzt, weil sie für gleiche Arbeit weniger Geld bekommen. Schon aus diesem Grund bin ich für gesetzliche Gleichstellung bei der Lohnzahlung, dann nämlich rentiert es sich für Arbeitgeber nicht mehr Männer außerhalb der Chefetagen als Menschen zweiter Klasse zu behandeln.
5. Vorurteil und Realität
Frank2000, 26.11.2008
Bis auf marginale Ausnahmen sind Frauen schon längst vollkommen gleichberechtigt in Deutschland. Der jetzige Krieg, der von eingen Frauen mit Hilfe der Gerichte gefochten wird, geht um etwas anderes: um die "Verfraulichung" der Gesellschaft. In meiner Branche (Software) können Frauen beliebig hoch kommen, da hier permanenter Mangel an qualifizierten und hochqualifizierten Kräften besteht. Wenn es dann aber hart auf hart kommt, machen die FRAUEN einen Rückzieher und nicht etwa die Arbeitgeber. Das Prestige und das hohe Einkommen eines Posten möchte frau schon gerne mitnehmen. Aber den Druck, die langen Arbeitszeiten, die Verantwortung... sprich die HÄRTE des Jobs will man nicht haben. Statt dessen wird jetzt ein anderer Weg beschritten: man ist zwar sachlich den Mitbewerbern unterlegen, klagt sich aber durch die Gerichte. das hat gleich zwei Vorteile: a) frau bekommt Kohle, ohne dafür zu arbeiten b) als ungenannter Masterplan im Hintergrund verfolgt frau noch das Ziel, die sozialen Faktoren bestimmter Führungsposten verändern zu wollen. So im Sinne von: Personalchefin möcht´ ich schon gern sein, aber Entlassungen wird es bei mir nicht geben - statt dessen gibt´s dann Mediationsrunden und autogenes Training. Mal sehen, ob frau damit durchkommt, ich bezweifle es ja eher... Der Vollständigkeit halber muss man einen weiteren Grund nennen, warum Frauen seltener auf Führungsposten sitzen: wegen der schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich selbst habe Elternzeit genommen, um die Karriere meiner Frau nicht zu schädigen - aber das ist sicher noch nicht selbstverständlich. Die tatsächliche Gestaltung des Familienlebens wird von vielen, sehr persönlichen Faktoren bestimmt. Im Endeffekt hat das aber nicht der Arbeitgeber zu verantworten. Um es überspitzt auf den Punkt zu bringen: 50% Teilzeit mit davon 80% Telearbeit disqualifizieren eine Mitarbeiterin für höhere Posten. Da kann sie fachlich noch so gut sein. MfG Frank
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: