US-Arbeitsmarkt: Wachstum ohne Jobs

Im Vergleich zu Europa ist die US-Arbeitslosenquote niedrig - gleichwohl bietet der Arbeitsmarkt Anlass zur Sorge. Trotz robusten Wachstums steigt die Zahl der Jobs kaum an, in der Industrie fällt sie sogar. Der Volkswirt Willi Semmler erklärt die Gründe für den "Aufschwung ohne Arbeit".

New York - Als US-Präsident George W. Bush im letzten Wahlkampf im Jahr 2004 die Stärke der amerikanischen Job-Maschinerie anpries, quittierte ein Zuhörer das mit ironisch gemeinter Zustimmung. Bush hatte gerade die Wirtschaftspolitik seiner Regierung gelobt und gesagt, sie habe viele neue Jobs geschaffen. Da stand der Zuhörer auf und sagte: "Herr Präsident, sie haben vollkommen Recht. Ich habe zwei von diesen neuen Jobs."

Bush vor "Jobs"-Plakat (Archivbild): Die Maschine ist schon wieder ins Stottern geraten 
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Bush vor "Jobs"-Plakat (Archivbild): Die Maschine ist schon wieder ins Stottern geraten 

Mit diesen Sätzen spielte der Mann auf eines der Phänomene an, die den amerikanischen Arbeitsmarkt seit der letzten Rezession von 2001 prägen: Neue Jobs sind seither trotz Wachstumsraten von 3,0 bis 3,5 Prozent jährlich bei weitem nicht so zahlreich geschaffen worden wie in früheren Aufschwungphasen - dieser Tatbestand wird in den USA mit dem Schlagwort jobless growth beschrieben. Wenn doch neue Arbeitsplätze entstehen, dann sind sie - wie die des Bush-Kritikers - vielfach so unterbezahlt, dass einer allein für die Sicherung des Lebensunterhaltes kaum noch ausreicht.

Nachdem das Thema "Wachstum ohne Arbeitsplätze" schon im Wahlkampf 2004 heiß diskutiert wurde, kommt es nun neu auf die Tagesordnung der Notenbank Federal Reserve und der Politik. Denn die aktuellen Daten vom amerikanischen Arbeitsmarkt sehen nicht besonders rosig aus. So ist im Mai die Zahl der Beschäftigten nur um 75.000 gestiegen - erwartet worden war aber ein Wert von 180.000. Die Job-Daten für März und April mussten nachträglich nach unten revidiert werden.

In der Industrieproduktion ist die Zahl der Beschäftigten im Mai sogar um 14.000 gefallen. Immer noch gibt es offiziell sieben Millionen Arbeitslose, die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen ist mit 14 Prozent besonders hoch. Die amerikanische Job-Maschine ist also wieder ins Stottern geraten.

Vergleichbarer Trend in Europa

Zwar wird für dieses Jahr immer noch mit einem Wirtschaftswachstum von ungefähr 3,5 Prozent gerechnet. Das beschäftigte Arbeitsvolumen aber wächst schon nicht mehr. Und bereits in den letzten Jahren, als die US-Wirtschaft jährlich um jeweils mehr als drei Prozent zulegte, sank die Arbeitslosenrate nur sehr langsam. Jetzt verharrt sie bei 4,6 Prozent, ein deutlicher Rückgang erscheint nicht mehr wahrscheinlich.

Wie kann das sein?

Vordergründig ist die wieder schwieriger gewordene Situation auf dem US-Arbeitsmarkt natürlich durch Faktoren wie die gestiegenen Energiekosten und das rückgängige Verbrauchervertrauen bedingt. Auch der Anstieg der Zinsraten spielt eine wichtige Rolle. Seit 2004 hat die US-Notenbank Federal Reserve die kurzfristigen Zinsen 16 Mal erhöht, das letzte Mal auf 5,0 Prozent.

Wenn man sich den US-Arbeitsmarkt genauer ansieht, fällt indes auf, dass das Phänomen des jobless growth einem längerfristigen Trend folgt. Ähnliche Entwicklungen gibt es - wenn auch in geringerem Maße - auch in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Italien. Sie werden allgemein mit dem Okunschen Gesetz beschrieben.

Dessen Schöpfer, Arthur Okun, arbeitete als Wirtschaftswissenschaftler für die in Washington ansässige Forschungsreinrichtung Brookings Institution. Bereits im Jahr 1962 hielt er fest, dass moderne Volkswirtschaften im Durchschnitt um 2,5 bis 3,0 Prozent jährlich wachsen müssen, damit überhaupt ein Rückgang der Arbeitslosigkeit erfolgt. Bei hohen Steigerungen der Produktivität ist die Verminderung der Arbeitslosigkeit noch schwieriger zu erreichen. Langfristig gesehen ist eine Zunahme der Produktivität zwar gut - kurzfristig kann sie aber zu Beschäftigungsproblemen führen.

Mehr Produktivität, mehr Aufschwung, kaum mehr Jobs

In den neunziger Jahren hat die US-Volkswirtschaft höhere Zunahmen der Produktivität erreicht als die europäische. So bildete sich das Phänomen des jobless growth deutlich heraus. In einer neueren Studie des Schwartz Center for Economic Policy Analysis werden seine Hintergründe beleuchtet.

So zeigt sich, dass die Zahl der Beschäftigten in den 44 Monaten nach früheren Rezessionen noch ungefähr um zwölf Prozent zunahm. Nach der Rezession von 1991 war es aber nur noch ein Plus von sechs Prozent, nach der letzten Rezession sogar nur von zwei Prozent. Und das, obwohl der Anstieg der wirtschaftlichen Leistung nicht viel anders war als früher. Die Wirkungen des Aufschwungs schlagen also immer weniger auf den Arbeitsmarkt durch.

Job-Wachstum früher und heute im Vergleich
SPIEGEL ONLINE

Job-Wachstum früher und heute im Vergleich

Wirtschaftswissenschaftler haben eine Reihe von Erklärungsversuchen angeboten. Einer der wichtigsten Gründe für das Stottern der US-Jobmaschine scheint zu sein, dass bestimmte - vor allem schlechter gestellte Einkommensgruppen - immer weniger am Arbeitsmarkt partizipieren. Man geht davon aus, dass etwa zwei Prozent er Arbeitsuchenden aus dem Arbeitsmarkt gänzlich herausgefallen sind.

Andere Ökonomen, zum Beispiel Erica Groshen und Simon Potter von der Fed in New York, verweisen auf den Strukturwandel in der US-Volkswirtschaft. Sie argumentieren, dieser habe zu andauernden Jobverlusten geführt. So hätten viele Branchen Arbeitsplätze eingebüßt, aber nur wenige neue aufgebaut.

Notenbank-Chef Bernanke wird nervös

Zudem gab es, so eine dritte Erklärung, eine Umstellung in der Beschäftigungspolitik vieler Firmen. Sie bevorzugen nun die sogenannten just-in-time hirings - die temporäre Anstellung und die Teilzeitbeschäftigung haben an Bedeutung zugenommen. Überdies sind viele der neuen Jobs, die geschaffen wurden, solche mit niedrigem Lohn, die nur eine geringe Qualifikation erfordern.

Wenn man die herausgefallenen Arbeitsuchenden, die Teilzeitjobs und die schlechtbezahlten Stellen berücksichtigt (was in einigen Studien schon gemacht wurde), dann stellt sich die Lage auf dem US-Arbeitsmarkt noch problematischer dar als die offiziellen Arbeitslosenzahlen zeigen.

Inzwischen machen die Daten vom Arbeitsmarkt auch den Notenbank-Chef Ben Bernanke nervös. Bei der nächsten Sitzung des Federal Reserve Board am 29. Juni soll möglicherweise eine Pause in der bisherigen Politik beharrlicher Zinserhöhungen eingelegt werden. Und das, obwohl infolge der Ölverteuerung und der Dollar-Abwertung die Importkosten gewachsen und somit weitere Preisanstiege zu erwarten sind.

Die Finanzmärkte haben bereits antizipiert, dass erst einmal keine weitere Zinserhöhung ansteht. Die Rendite für zehnjährige Staatsschuldpapiere ist schon leicht gesunken - von 5,1 auf 5,05 Prozent.

Bernanke möchte die gefürchtete "harte Landung" der US-Wirtschaft vermeiden. Wenn es aber doch dazu kommen sollte - dann dürfte sich eine Prophezeiung von Robert Reich bewahrheiten, der unter Bill Clinton als Arbeitsminister amtierte. Sollte sich die Beschäftigungsentwicklung weiter verschlechtern, warnte Reich - dann wäre das soziale Netz der US-Wirtschaft zu schwach, um die neuen Arbeitslosen aufzufangen.

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