US-Automobilindustrie Chrysler-Insolvenz leitet Zeitenwende in Detroit ein

Der Schritt war unausweichlich geworden: Als erster der "großen Drei" der US-Autoindustrie hat Chrysler Insolvenz beantragt. Das umstrukturierte Unternehmen soll danach an die Gewerkschaften und Fiat gehen - ein Vorgang von historischer Tragweite. Der Ikone GM droht nun ein ähnliches Schicksal.

Von , New York


New York - Die Lage war ernst, der Präsident trotzdem gut gelaunt. "Hey Leute!", rief er den Reportern am Donnerstag im Weißen Haus zu, als er sie zum zweiten Mal binnen Stunden traf. "Ich weiß, ihr habt in letzter Zeit nicht genug von mir gesehen."

Chrysler-Mitarbeiter (in Warren, Michigan): Insolvenz ist nicht das Ende
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Chrysler-Mitarbeiter (in Warren, Michigan): Insolvenz ist nicht das Ende

Der Scherz sollte wohl die Dramatik der Stunde überspielen. Dabei war die Nachricht, die Obama verkündete, im Prinzip längst bekannt. Sein Team hatte die Reporter zuvor mit Hintergrundgesprächen und lancierten Zitaten gut eingestimmt. Die Botschaft an die Öffentlichkeit sollte klipp und klar sein - unmissverständlich. Ein Obama-Berater umschrieb das Szenario so: "Niemand wollte es, aber jeder musste sich darauf einstellen, und als es so kam, waren wir bereit."

Das besagte Szenario war die Insolvenz von Chrysler. An diesem Donnerstag lief die allerletzte Galgenfrist für den maroden Autokonzern ab: Entweder einigte er sich mit seinen Gläubigern - oder die Regierung, die ihn mit bisher 4,5 Milliarden Dollar am staatlichen Geldtropf hält, lässt ihn ins Konkursverfahren schlittern. Letzteres war das, was schließlich geschah.

Obama hatte die Nation schon am Vorabend vorbereitet. "Selbst wenn sie eine Form der Insolvenz durchlaufen müssten", sagte er bei seiner 100-Tage-Pressekonferenz, "wäre es eine sehr schnelle Art von Insolvenz." Sprich: Das Angstwort Insolvenz bedeutet keinesfalls das Ende. "Sie könnten weiter operieren und in einer viel stärkeren Position daraus hervorgehen."

Und so soll es nun sein. "Es ist ein Stützpfeiler unserer Industriewirtschaft", sagte Obama am Donnerstag, als er das Schicksal Chryslers offiziell besiegelte, "doch ehrlich gesagt ein Stützpfeiler, der geschwächt ist." Das gefürchtete Wort "Insolvenz" vermied er dabei bis ganz zum Schluss seiner 15-minütigen Rede: "Die Insolvenz ist kein Zeichen der Schwäche, sondern ein weiterer Schritt auf dem klar gezeichneten Weg zu einer Wiederbelebung."

Nicht mal eine Stunde nach Obamas Auftritt reichte Chrysler bei einem New Yorker Gericht offiziell den Konkursantrag ein. Als erster der vormals "großen Drei" Detroits leitet der Konzern damit - in einem historischen Moment für diese einst stolze, im US-Nationalgefühl tief verwurzelte Industrie - das geordnete Insolvenzverfahren ein. Danach soll die entschlackte Firma an die Gewerkschaften, den italienischen Autobauer Fiat und, als Minderheitspartner, die Regierungen der USA und Kanadas gehen.

Ist das das Ende Detroits? Oder der Beginn von "Detroit light" - einer Autostadt mit einer verbliebenen Kfz-Rumpfindustrie, doch ohne die frühere Allmacht und mit erheblicher Auslandskontrolle? Denn dasselbe Schicksal droht nun auch General Motors (GM): Das hat zwar noch einen Monat länger Zeit, steht aber vor einer ähnlich dramatischen Konsequenz - und hat bereits erste Schritte dazu eingeleitet.

Obama verklärte das Drama mit blumiger Rhetorik zu einer typisch amerikanischen Story vom Aufstieg aus der Asche, von Hoffnung nach dem Fall: "Einer der geschichtsträchtigsten Autobauer Amerikas", sagte er, bekomme durch die Insolvenz "eine zweite Chance".

"Chapter 11" heißt dieser in Detroit bisher nur mit apokalyptischem Schaudern quittierte Schritt, benannt nach einem Paragrafen des US-Konkursrechts. An dessen Ende steht selten die Liquidation, wie viele beim Wort "bankruptcy" gleich befürchten - diese liefe über "Chapter 7". Sondern ein verschlanktes, kleineres, doch nicht unbedingt unabhängiges Unternehmen. In diesem Fall ein Unternehmen, das zu 35 Prozent Fiat gehört.

Normalerweise können sich solche Abwicklungsverfahren jahrelang durch die Konkursgerichte quälen. Die Fluggesellschaft United Airlines zum Beispiel verbrachte mehr als drei Jahre im Insolvenz-Vakuum.

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