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US-Bankenchaos: FBI fehlen Agenten zur Jagd auf Finanzbetrüger

Schon 2004 hat das FBI das erste Mal vor der drohenden Hypothekenkrise gewarnt. Doch in Washington blitzte die US-Bundespolizei mit ihrer Bitte um mehr Mittel und Agenten ab - Priorität hatte die Terrorbekämpfung.

New York - Ein klassischer Fall von hätte, wenn und aber: Wenn die amerikanische Bundespolizei mehr Agenten gehabt hätte, wären die schlimmsten Finanzjongleure möglicherweise früher aufgeflogen. Aber es kam bekanntlich anders.

FBI-Agent im Einsatz: Volle Kraft auf Terrorabwehr
AP

FBI-Agent im Einsatz: Volle Kraft auf Terrorabwehr

Wie die "New York Times" am Sonntag meldete, hat das Federal Bureau of Investigation (FBI) schon 2004 das erste Mal in Washington vorgesprochen und vor der drohenden Krise am Hypothekenmarkt gewarnt. Das Blatt zitiert mit Chris Swecker einen hochrangigen Beamten des FBI, der damals prophezeite, faule und betrügerische Hypothekendeals könnten sich zu einer "Epidemie" auswachsen, wenn sie nicht bekämpft würden. Aber die Abwehr dieser Gefahr musste zurückgestellt werden - wegen Personalmangel.

Die Ursache dafür: die Terrorattacken vom 11. September 2001. Danach wurden die Prioritäten beim FBI neu verteilt. 1800 Agenten - ein Drittel der gesamten Manpower - wurden von der regulären Verbrechensbekämpfung abgezogen, die Ermittlungen im Namen der nationalen Sicherheit und Terrorabwehr verstärkt. Früheres wie amtierendes FBI-Führungspersonal ist sich laut "New York Times" einig in der Bewertung dieser Umschichtungen: Die Bekämpfung von "white collar crime", also der Wirtschaftskriminalität, habe bei der Bundespolizei damit praktisch brachgelegen.

Statistiken des FBI, des Justizministeriums und unabhängiger Wissenschaftler sprechen Bände:

  • 625 Agenten wurden laut FBI seit 2001 aus der Verfolgung von Wirtschaftskriminalität abgezogen - eine Kürzung um 36 Prozent.
  • die Zahl der Ermittlungen in regulären Kriminalfällen - von Gewaltverbrechen über Drogendelikte bis zur Wirtschaftskriminalität - ging nach FBI Angaben in den vergangenen sieben Jahren insgesamt um 26 Prozent zurück - von 11.029 auf 8187 Fälle.
  • die Zahl der vor Gericht gebrachten Fälle von Finanzbetrug - das sind die Zahlen aus dem Justizministerium - gingen im Zeitraum von 2000 bis 2007 um 48 Prozent zurück; die Ermittlungen wegen Versicherungsbetrug fielen sogar um 75 Prozent.
  • Forscher der Syracuse University beobachten einen Rückgang der FBI-Ermittlungen gegen Wirtschaftskriminelle um 50 Prozent.

Beim FBI war man sich der Lücke im System bewusst - und hat jedes Jahr wieder in Washington eine Aufstockung der Mittel angemahnt. 1100 zusätzliche Agenten für Ermittlungen außerhalb der Terrorabwehr wurden beantragt, doch stattdessen wurden nach Recherchen der "New York Times" weitere 132 Agenten abgezogen. Eine Erhöhung des Budgets? 800 Millionen Dollar hielt das FBI für notwendig - aber es bekam in den vergangenen sieben Jahren gerade einmal 50 Millionen mehr. Im Budgetjahr 2007 wurden dann tatsächlich Mittel für Neueinstellungen bewilligt: Die Bundespolizei bekam einen neuen Agenten für die Jagd auf "normale" Verbrecher.

Während sich auf dem Hypothekenmarkt in den USA eine Krise von globalen Dimensionen zusammenbraute, konnte das FBI gerade einmal 15 Agenten für die nötigen Ermittlungen abstellen. Ohne diese Kürzungen, sagen FBI-Spitzenbeamte, wären die großen Anstrengungen in der Terrorabwehr nicht zu leisten gewesen. Joseph Ford, bis zu seiner Pensionierung in diesem Jahr oberster Hüter der FBI-Finanzen, sagte im Interview mit der "New York Times" lapidar: "Wir hatten eben nur eine begrenzte Zahl von Agenten zur Verfügung, um der Gefahr zu begegnen, die wir auf dem Hypothekenmarkt ausgemacht hatten."

Erst mit dem Beinahe-Crash der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac wendete sich das Blatt. Jetzt soll das FBI plötzlich doch Hunderte von Agenten in die Schlacht gegen Finanzbetrüger werfen.

Wobei sich die Insider im Justizministerium laut "New York Times" bereits Zweifel anmelden, ob selbst diese späte Aufstockung der Ressourcen überhaupt reichen wird. Denn schon jetzt hat sich das FBI - neben seinen Ermittlungen in der Lehman-Brothers-Pleite und dem Beinahe-Untergang des Versicherers American International Group - 1500 neue Fälle vorgenommen, die im Zuge der Hypothekenkrise ans Licht gekommen sind.

Woher die Agenten für diese Nachforschungen kommen sollen, weiß niemand.

oka

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