US-Bankmanager Wie sich die Milliarden-Vernichter rausreden

Selten zuvor war der US-Kongress mit einer solchen Riege der Reichen konfrontiert: Manager amerikanischer Banken haben im Parlament ihren Kurs während der Kreditkrise verteidigt. Sie haben versagt, trotzdem kassiert - und finden das gerecht.

Von , New York


New York - Die Herren stehen wir Zinnsoldaten nebeneinander und heben die Hand zum Eid. Gemeinsam verdienten sie in den vergangenen fünf Jahren fast eine halbe Milliarde Dollar. Die Großkonzerne unter ihrer Regie setzten allein im letzten Halbjahr mehr als 20 Milliarden Dollar in den Sand. Dieser Widerspruch, der die Exzesse der US-Kreditkrise wohl besser versinnbildlicht als jede Statistik, war am vergangenen Freitag im Kontrollausschuss des Repräsentantenhauses zu bestaunen.

Ausschuss-Zeugen (von links): Ex-Citigroup-Chef Prince, Citigroup-Aufseher Parsons, Ex-Merrill-Lynch-Chef O'Neal, Merrill-Lynch-Manager Finnegan, Countrywide-Gründer Mozilo
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Ausschuss-Zeugen (von links): Ex-Citigroup-Chef Prince, Citigroup-Aufseher Parsons, Ex-Merrill-Lynch-Chef O'Neal, Merrill-Lynch-Manager Finnegan, Countrywide-Gründer Mozilo

Bei den Herren handelte es sich um die Ex-Vorstandsvorsitzenden der Finanzhäuser Merrill Lynch Chart zeigenund Citigroup Chart zeigen, Stanley O'Neal und Chuck Prince, sowie den Noch-Chef der größten US-Hypothekenbank Countrywide Financial Chart zeigen, Angelo Mozilo.

Es war das erste Mal überhaupt, dass die drei Top-Akteure der Finanzkrise seit deren Beginn in einem Raum waren. Der Ausschuss hatte sie vorgeladen, um die "zwei unterschiedlichen, wirtschaftlichen Realitäten in unserem Land" auszuleuchten, wie es der Demokrat Henry Waxman sagte, der Vorsitzende des Gremiums: Die Konzerne taumelten ins Verderben - während ihre Bosse dafür sogar noch belohnt wurden.

"Die meisten Amerikaner leben in einer Welt, in der Versagen reale wirtschaftliche Konsequenzen hat", schimpfte Waxman zum Auftakt der Sitzung, in der die Manager mehrere Stunden lang in die Zange genommen wurden. "Doch die Spitzenmanager unserer Nation scheinen nach anderen Regeln zu leben."

Der Sturz des "American Dream Builders"

Diese Sonderregeln offenbarte die Anhörung nun auf besonders deutliche Weise - mit den Worten der hochkarätigen Abzocker selbst. Es waren Ausreden, Ausflüchte, Rechtfertigungen. Und sie klangen wie Hohn in einem Land, das unaufhaltsam in eine Rezession rutscht.

Dass US-Spitzenmanager überbezahlt sind, ist eigentlich ja nichts Neues. "Business Week" spricht von der "Ära der Steroide" - in Anspielung auf die aufsehenerregenden Anhörungen zum Doping im US-Baseball, die kürzlich vor demselben Ausschuss stattfanden.

Doch was genau sich dabei hinter den Fassaden der Finanztürme abspielt, welches elitäre Denken dem zu Grunde liegt, das wurde hier spektakulär klar: Die "Master of the Universe", wie Tom Wolfe sie schon 1987 in seinem Wall-Street-Schlüsselroman "Fegefeuer der Eitelkeiten" titulierte, leben, denken und handeln in einer völlig eigenen Kunstwelt.

Zum Beispiel der 69-jährige Countrywide-Chef Mozilo. Der dauergebräunte, weißhaarige Metzgersohn, den sie einst den "American Dream Builder" nannten, war der einzige der Vorgeladenen, der seinen Job noch hat. Wenn auch nicht mehr lange: Countrywide ist so angeschlagen, dass es nun von Bank of America geschluckt wird. Sobald die im Januar beschlossene Übernahme perfekt ist, muss Mozilo abtreten.

22 Millionen Dollar als Notdürftigstes

Allein 2007 machte Countrywide 1,6 Milliarden Dollar Miese. Die Aktie verlor 80 Prozent ihres Wertes. Nach verschiedenen Berichten vom Wochenende nahm darüber hinaus nun auch das FBI Betrugsermittlungen gegen Countrywide auf. Die internen Firmenakten, die Countrywide dem Ausschuss zähneknirschend vorlegte, zeigen aber eine ganz andere Seite der Münze.

Zur gleichen Zeit bekam Mozilo von seinem Verwaltungsrat ein Grundgehalt von 1,9 Millionen Dollar zugesprochen, plus 20 Millionen Dollar in Aktienoptionen. Insgesamt hat er als Vorstandschef seit 1998 rund 250 Millionen Dollar eingestrichen. Allein im vorigen Jahr, als die Kreditkrise richtig losbrach, stieß er Aktien im Wert von 121 Millionen Dollar ab.

Mozilos versuchte, diese Diskrepanz vor dem Ausschuss als klassisches Beispiel des "amerikanischen Traums" zu porträtieren. Er habe Countrywide zusammen mit seinem Partner David Loeb "in der Küche seiner New Yorker Wohnung" gegründet, sagte er. "Wir hatten einen gemeinsamen Traum." Er habe der Company sein "ganzes Leben gewidmet".

Die Unsummen, die er dafür bekam, seien an seiner Leistung orientiert gewesen: "Wenn es unserer Firma gut ging, ging es mir gut." Jede Kritik sei "gröblich übertrieben". So habe er 2007 keinen Bonus erhalten und verzichte bei der Übernahme durch Bank of America auch "freiwillig" auf eine Abfindung. Oder anders herum: Die fast 22 Millionen Dollar, die ihm jetzt dennoch gezahlt wurden, sind nur das Notdürftigste.

"Glück, harte Arbeit und Chancen"

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

Wie sehr Mozilo freilich nach jeder weiteren Extraleistung gierte, enthüllte ein internes Memo, das der Ausschuss auftrieb. Da drohte Mozilo in einer Email im Oktober 2006, den Konzern zu verlassen und 36 Millionen Dollar Abfindung einzufordern, wenn ihm das Board nicht sofort genügend "Respekt und Anerkennung" zolle - sowie gewisse Sonderwünsche erfülle. Etwa "Reisen mit dem Privatflugzeug auf Kosten der Company".

Mit dem Memo konfrontiert, demonstrierte Mozilo Betretenheit: "Ich bitte um Entschuldigung. Ich bedauere diese Worte." Dafür, trotzdem weiter abkassiert zu haben, während seine Kunden ins Elend gestürzt wurden, entschuldigte er sich aber nicht.

Eine ähnliche Haltung zeigte Ex-Merrill-Lynch-Chef O'Neal. Sein Brokerhaus verlor im letzten Jahr zehn Milliarden Dollar, der Aktienwert schrumpfte auf fast die Hälfte. O'Neal - der in seinen sechs Jahren als CEO mehr als 163 Millionen Dollar verdiente - musste im Oktober abtreten, handelte sich dazu jedoch eine clevere Lösung aus: Er wurde offiziell nicht gefeuert, sondern durfte freiwillig "in den Ruhestand treten", was ihm Anspruch auf ein Pensionspaket im Wert von 161 Millionen Dollar sichert.

Auch O'Neal spielte das herunter, und präsentierte sich lieber als Beispiel des "American Dreams": "Mein Großvater, James O'Neal, wurde 1891 als Sklave geboren." Alles, was er erreicht habe, "war das Resultat jener einzigartigen Kombination aus Glück, harter Arbeit und Chancen, wie es sie nur in diesem Land gibt."

Der "große Reibach"

O'Neal führte noch ein anderes, häufig genutztes Argument an: Die anderen machten es ja genauso. "Die Finanzindustrie zahlt seit langem schon hohe Entlohnungen." Sein Gehalt stehe also "im Einklang mit dem Besoldungsniveau der Industrie".

Ach ja, und übrigens: Für das Subprime-Kreditdesaster sei er sowieso nicht persönlich verantwortlich: "Ich habe die täglichen Aspekte des Merrill-Geschäfts mit hypothekarisch gesicherten Wertpapieren nicht gemanagt."

Dass diese Vorstandsherren nicht die geringste Reue zeigen, merkte der Ausschuss auch an Chuck Prince, dem Ex-Chef der Citigroup. Wie Merrill Lynch verlor die größte US-Bank 2007 rund zehn Milliarden Dollar und fast die Hälfte ihres Aktienwerts. Prince dagegen bekam zum Abgang im November - ebenfalls als freiwilliger "Ruhestand" getarnt - 10,4 Millionen Dollar Bonus und 28 Millionen Dollar Aktienoptionen. Sowie weiter laufende Leistungen im Wert von 1,5 Millionen Dollar pro Jahr für die nächsten fünf Jahre. Inklusive Büro, Sekretärin und Chauffeur.

Prince nannte das nur "fair". Unter seiner Ägide habe Citigroup schließlich "etliche nennenswerte Erfolge" erzielt. Auch habe er "hart gearbeitet", um die Interessen des Managements mit denen der Shareholder "in Einklang zu bringen". Und dann sagte er etwas, was nahelegte, dass er seinen goldenen Fallschirm sogar eher als Schmerzensgeld betrachtet: "Es ist nie leicht, von einer Firma zurückzutreten, der man seine ganze Karriere gewidmet hat."

Am Ende der Sitzung blieb ein schaler Nachgeschmack - und das Gefühl, dass sich wenig ändern wird. "1980 verdienten Vorstandschef 40-mal so viel wie ein Durchschnittsarbeiter", sagte Waxman. "Heute bekommen sie 600-mal so viel." Zehn Prozent aller US-Konzerngewinne fließen inzwischen allein den CEOs zu - selbst wenn sie ihre Unternehmen ins Unheil stürzten.

Es ist eine alte Weisheit, an die kürzlich auch "Fortune"-Kolumnist Allan Sloan erinnerte: Die entthronten Chefs müssten eine Weile lang schlechte Presse erdulden, würden letztlich aber "den großen Reibach machen". Fazit: "Selbst wenn du an der Wall Street in Flammen aufgehst, darfst du das Geld noch behalten."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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erz815 10.03.2008
1. Wahlreklame für DIE LINKE
Solange Fehlentwicklungen wie diese nicht von den etablierten Parteien unterbunden werden, wird es immer mehr Leute geben, die sich bei ihrem Wahlverhalten umorientieren. Freiheit oder Sozialismus... WESSEN Freiheit?? Also rechtzeitig handeln statt hinterher über unguenstige Wahlergebnisse jammern.
harrybr 10.03.2008
2. Marktwirtschaft
Wo sind die Marktkräfte die solche Auswüchse korrigieren? Stimmt denn die ganze Theorie nicht mehr, die vom Ausgleich der Kräfte?
Yu~, 10.03.2008
3. Marktkräfte?
Zitat von harrybrWo sind die Marktkräfte die solche Auswüchse korrigieren? Stimmt denn die ganze Theorie nicht mehr, die vom Ausgleich der Kräfte?
Hat diese Theorie denn jemals gestimmt, oder war es nicht vielmehr ein Trugbild, das uns von den Profiteuren dieses Systems von vorneherein nur vorgegaukelt wurde? Die Marktkräfte werden wahrscheinlich erst dann (wenn überhaupt) zum Tragen kommen, wenn unsere Taschen restlos geleert sind (sprich: es nichts mehr zum Ausbeuten gibt), aber bis dahin werden wir schon lange im Elend versunken sein, oder uns vorher noch rechtzeitig vom Volke aus mit Gewalt dieser Vorstandsverbrecher entledigt haben.
printi 10.03.2008
4. pervers!
Zitat von sysopSelten zuvor war der US-Kongress mit einer solchen Riege der Reichen konfrontiert: Manager amerikanischer Banken haben im Parlament ihren Kurs während der Kreditkrise verteidigt. Sie haben versagt, trotzdem kassiert - und finden das gerecht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,540463,00.html
Dieses System gehört auf die Müllhalde der Geschichte!
Miracolix 10.03.2008
5. Wieso rausreden?
Die Herren müssen sich doch nicht herausreden - sie haben ihr bestes getan und ihr Geld redlich verdient. Nicht diese Clowns, sondern das System, in dem sie arbeiten, das kapitalistische Marktsystem, ist die Krankheit. Die Ökonomen, die als Mietmäuler der ganzen Welt erzählen, das müsse alles wissenschafltich so sein, sind die Träger der Seuche und verbreiten sie immer noch emsig. Der Markt, das wissen die Ökonomen und lehren es auf den ersten 15 Seiten jeden Lehrbuchs zur Einführung, kann nur unter Voraussetzungen funktionieren, die man in der Realität nicht vorfindet. Nachdem sie das gesagt haben, blättern sie um und haben ihre einzige wirklich treffende Erkenntnis im selben Augenblick wieder vergessen. Fortan ist alles, was geschieht, der unvermeidliche Wille des Marktes - und da wird man doch nicht wanken, wenn der Markt zufällig die Plünderung des eigenen Untenehmens und seiner Shareholder gestattet.
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