US-Börsenmillionär Pleite im Protzklotz am Meer

Trotz lauter Proteste hat sich der Junk-Bond-Millionär Ira Rennert ein Mega-Anwesen in die Dünen von Long Island gesetzt. Jetzt droht er das Opfer seiner eigenen, skrupellosen Geschäftsmethoden zu werden - und darüber seine 185-Millionen-Dollar-Villa zu verlieren.

Von , New York


New York - Ira Rennert ist ein Spekulant vom alten Schlag. In den neunziger Jahren baute sich der Ex-Broker mit dem Verkauf von Ramschanleihen (Junk Bonds) ein Firmen-Imperium auf. Über sein Konsortium Renco hat er das Geld Tausender Investoren verfeuert, selbst aber ein Vermögen von mehr als 500 Millionen Dollar angehäuft. Das investierte er unter anderem in einen mehr als 100 Millionen Dollar teuren, über 10.000 Quadratmeter großen Villenpalast auf Long Island, dessen umstrittener Bau sieben Jahre dauerte und in dem Rennert, 71, eines Tages "Lebensabend und Einsamkeit" genießen will.

Doch jetzt droht der luxuriösen Einsiedelei des Multimillionärs das vorzeitige Ende - zumindest aber seinem "Versailles am Atlantik" ("New York Times"): Ein Insolvenzgericht, mit dem Konkurs der Renco-Tochter WCI Steel betreut, will heute über einen Antrag entscheiden, das Mega-Anwesen zu pfänden, um damit den bankrotten WCI-Pensionsplan zu finanzieren, von dem wiederum 2000 Angestellte abhängig sind. Und die Zeichen stehen auf Pfändung.

Mit dieser Wendung des Schicksals ist der öffentlichkeitsscheue Rennert plötzlich zum Tagesgespräch geworden. Und zwar nicht nur bei den darbenden WCI-Mitarbeitern, den jüngsten Opfern der "finanziellen Gymnastik" ("Forbes"), mit der Rennert seit jeher seine knallharten Geldgeschäfte macht. Sondern auch bei Rennerts kaum minder reichen Nachbarn in Sagaponack, das zum piekfeinen Southampton gehört. Die hatten seinen Protzklotz am Meer lange vergeblich zu verhindern versucht - mit Strafanzeigen, Gerichtsklagen, Drohbriefen und Einsatz des eigenen Geldes - und finden vielleicht nun doch noch auf unerwartetem Wege Genugtuung.

39 Badezimmer mit Parkhaus

Eine köstliche Parabel von Ungerechtigkeit und göttlicher Wiedergutmachung also? Oder aber, von Rennerts Warte aus gesehen, eine Geschichte von Undank und Missgunst einem gegenüber, der doch nur Gutes tut und für sich selbst nichts anderes will als "ein normales Leben"?

Wobei "normal" in diesem Zusammenhang natürlich relativ ist. Renco, ein Konglomerat aus Stahl-, Kohle- und Magnesiumbetrieben sowie eine der größten privaten US-Holdings, hat sich für Rennert lange als Füllhorn erwiesen.

Seine Geschäftsmethode ist ebenso einfach wie effektiv: Er kauft Unternehmen auf, bringt Junk Bonds auf den Markt, kassiert ab und entledigt sich der Betriebe dann wieder, alles nach den Buchstaben des Gesetzes. Seinen Clou landete er mit AM General, dem Hersteller des Humvee-Geländewagens der Armee - und des VIP-Trucks Hummer. Rennert kaufte AM 1992 für 133 Millionen Dollar und reichte es 2004 mehrheitlich an den Großinvestor Ron Perelman weiter - für eine Milliarde Dollar.

Sein privates Herzensstück jedoch ist "Fair Field", besagtes Chalet in den Hamptons, jener Society-Enklave rund zweieinhalb Autostunden östlich von Manhattan (oder knapp 20 Minuten mit dem Gulfstream-Jet). Das Bauland - damals ein Kartoffelacker, der direkt an Marsch, Dünen und Strand grenzte - hatte er 1997 über eine Renco-Tochterfirma für schlappe elf Millionen Dollar erstanden. Gegen den Protest der Anwohner ließ er darauf ein enormes, neobarockes Palais errichten, mit 29 Schlafzimmern, 39 Badezimmern, einem Kino (164 Plätze), zwei Kegelbahnen und einer industriellen Großküche. Plus fünf weitere Gebäude, darunter ein Parkhaus für 200 Autos, verstreut über eine englische Parklandschaft.

Latifundien als Altersversicherung

Rennerts Nachbarn, selbst nicht ohne, standen Kopf. Die Hamptons sind die Sommerfrische der reichen Baby-Boomer, wo man Steven Spielberg am Obststand trifft, Kim Basinger auf dem Trödelmarkt und Roy Schneider ("Der weiße Hai") bei Kmart. Man läuft gerne barfuß, versteckt seinen Besitz hinter Heckenrosen und importierten Zelkowe-Bonsais. Rennerts Koloss - der obendrein den Seeblick versperrt - passt da gar nicht hinein, und der Eigenbrötler selbst auch nicht: "Der schickt doch seinen Butler zum Einkaufen", ließ sich der Vorsitzende des Bürgervereins Sagaponack abfällig vernehmen.

Doch kein Gericht konnte verhindern, dass Rennert im Sommer 2004 in "Fair Field" einzog. Und als wolle er seine Gegner verspotten, lud er auch noch eine Reporterin der "New York Times" ein und führte sie über die Latifundien - seine "Altersversicherung".

Doch da hatte das Drama um WCI Steel längst begonnen. Die Stahlfabrik in Ohio, eine Tochter der Renco-Gruppe, meldete 2003 Konkurs an, an sich kein unübliches Ereignis im Dunstkreis Rennerts. Inzwischen neigt sich das Insolvenzverfahren dem Ende zu - doch leider mit einigen unvorhergesehenen Wendungen: Nach dem jüngsten Plan, der heute vor Gericht ansteht, fehlen dem neuorganisierten Unternehmen immer noch 117 Millionen Dollar, um seinen Pensionsfonds zu finanzieren. Rund 2000 Angestellten und Pensionären droht der Verlust ihrer Rente.

"Konkurs mit tiefen Tasche"

Woraufhin die Pension Benefit Guaranty Corporation (PBGC), die staatliche Rentenabsicherungsbehörde, am Freitag Klage gegen WCI einreichte, auch um sich selbst vor plötzlichen Kosten zu schützen. "Unsere Aktion soll die Arbeiter vom Verlust ihrer Bezüge und das Rentenversicherungsprogramm von unnötigen Ansprüchen bewahren", erklärte PBGC-Exekutivdirektor Bradley Belt.

Und da kommt nun "Fair Field" ins Spiel. Denn diese Insolvenz, so die Argumentation der staatlichen Kläger, sei ein "Konkurs mit tiefen Taschen": Renco verfüge doch über ausreichende Mittel, den WCI-Pensionsfonds abzudecken. (Allein "Fair Field" ist mittlerweile 185 Millionen Dollar wert.) "In jedem Fall, wo Werte vorhanden sind, die wir jagen können, um Pensionsschulden einzutreiben, werden wir das auch tun", drohte ein PBGC-Sprecher.

Womöglich muss Ira Rennert also seinen eigenen Ruhestand doch noch etwas verschieben, ironischerweise zugunsten des Ruhestands seiner Angestellten. Doch was soll's: Er hat ja noch eine zweistöckige Wohnung an Manhattans Park Avenue, die mit Antiquitäten und echten Impressionisten gefüllt ist, und eine palastartige Villa in Jerusalem.



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