US-Datensammler Big Brother Inc., die Gewinnmaschine

Er ist kaum bekannt, aber obszön profitabel: Der US-Konzern ChoicePoint sammelt persönliche Daten von Abermillionen Bürgern, verkauft sie an das FBI, das US-Justizministerium und diverse Großkonzerne. Vor der Skandalwahl im Jahr 2000 half er, Floridas Wählerliste zu "reinigen". Nun hat er halb Südamerika gegen sich aufgebracht.

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ChoicePoint-Website, Anlaufstelle für Patrioten und Paranoiker: "Böse Dinge passieren auch guten Menschen"

ChoicePoint-Website, Anlaufstelle für Patrioten und Paranoiker: "Böse Dinge passieren auch guten Menschen"

Alpharetta - Zumindest in Mexiko ist der Name ChoicePoint neuerdings den meisten Menschen ein Begriff. Leitartikler zetern in ihren Zeitungsspalten, in Radiosendungen schimpfen Hörer über die Arroganz der Amerikaner. Innenminister Santiago Creel wittert gar einen "kriminellen Akt" - und verspricht strenge Ermittlungen gegen die Helfer des US-Konzerns.

Die Nation zürnt, weil ChoicePoint für 250.000 US-Dollar das komplette mexikanische Wählerregister mit Daten von fast 60 Millionen Bürgern erworben hat. Die Regierung wusste allem Anschein nach von nichts, der Deal lief heimlich über private Mittler. ChoicePoint verkaufte die Informationen dann für weitaus respektablere Summen an das US-Justizministerium und andere offizielle US-Stellen weiter. Die Datensätze sollen neben Namen und Adressen auch Steuer- und Passnummern und Informationen über Blutgruppen enthalten.

Der Konzern aus Alpharetta im US-Staat Georgia ist damit in den wohl größten Fall von Datenhandel in der Geschichte Lateinamerikas verwickelt. Denn zusätzlich hat ChoicePoint in den vergangenen 18 Monaten klammheimlich Daten vieler Millionen Bürger aus Argentinien, Brasilien, Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Nicaragua und Venezuela nach Washington verkauft. Die Gringos im Norden dürften über so manchen illegalen Einwanderer bald mehr wissen, als ihm recht ist.

Jeden Tag bis zu 40.000 neue Datensätze

Die spektakulären Deals werfen ein Schlaglicht auf eine Branche, die davon lebt, Geheimnisse zu lüften, selbst aber gern geheimnisvoll bleibt: Datensammler und -vermarkter mit synthetischen Namen wie PeopleWise oder eben ChoicePoint. In Zeiten der Angst vor Terroristen, kriminellen Elementen, Bilanzfälschern und vorsichtshalber auch dem eigenen Nachbarn, blüht das Geschäft. ChoicePoint benötigte zuletzt über 100 Terabyte Speicher, um seine Datenfülle zu verwalten, mehr als 4000 Mitarbeiter verteilen sich auf 40 Standorte in den gesamten USA. Die ChoicePoint-Aktie, Anfang 2000 noch 20 Dollar wert, kostet inzwischen 35.

In der Regel interessiert sich der Boom-Konzern indes nicht für Bananenbauern aus Costa Rica, sondern für die 290 Millionen Bewohner seines Heimatmarktes USA. Vorzugsweise für solche, die mal eine Versicherungsrechnung nicht bezahlten, Autounfälle verursachten oder sich Schwerwiegenderes zuschulden kommen ließen. Zwei von fünf amerikanischen Top-Konzernen haben bei ChoicePoint schon Informationen gekauft, zum Beispiel über Kunden, Mitarbeiter oder Möchtegern-Mitarbeiter. Manch einer verlor seinen Job, weil - ChoicePoint sei dank - auf einmal diese Sache mit den Bullen und dem Joint in der Uni-Zeit wieder ans Tageslicht kam.



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