US-Diät-Wahn: Sauf dich schlank

Von , New York

Die amerikanische Lebensmittelindustrie versucht, mit immer neuen Tricks aus der jüngsten Diät-Welle Profit zu schlagen und sich gleichzeitig vor Verbraucherklagen zu schützen. Doch oft sind die Schlankheitsversprechungen nur Mogelpackungen.

Bier-Fan: Auf dem Weg zum Superbody
DPA

Bier-Fan: Auf dem Weg zum Superbody

New York - Wer es jetzt noch nicht weiß, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Schließlich wird es einem inzwischen, zumindest hier in New York, in jeder U-Bahn eingebläut, an jeder Straßenecke, im Fernsehen, im Radio und in der Zeitung.

Die Heilsbotschaft ist so simpel wie revolutionär: Vergiss die ganzen Diäten, das elende Joggen, das Sportstudio. Alles nicht mehr nötig. Wer fit sein will, muss nur noch ein Motto beherzigen:

Bier macht schlank.

Das jedenfalls ist die frohe Kunde, mit der das "Fitness-Bier" Michelob Ultra der US-Brauerei Anheuser-Busch landesweit um eine neue Trinkergeneration buhlt: "Verzichte auf die Kohlehydrate, nicht den Geschmack." Dazu tollen, auf Plakaten und in TV-Spots, halbnackte Pin-Up-Girls und Bodybuilder durch güldenes Licht, Pullen in der Hand. Doch statt Bierbäuchen haben sie stahlharte "Six-Pack-Abs". Sauf dir ein Sechserpack an - mit einem Sechserpack!

Anschwellende Hüftmaße

Michelob Ultra: Sixpacks machen Sixpacks

Michelob Ultra: Sixpacks machen Sixpacks

"Fitness-Biere" wie Michelob Ultra - 96 Kalorien, 2,6 Gramm Kohlehydrate pro Flasche - sind das jüngste Symptom der endlosen US-Schizophrenie zwischen Fettsucht und Hungerwahn. Sie kommen auf einer neuen Diätwelle dahergeschwappt, rechtzeitig zur Badehosensaison. Begleitet wird das Ganze von der alarmierenden Meldung der American Obesity Association, dass 64,5 Prozent (127 Millionen) der Amerikaner übergewichtig sind, davon fast die Hälfte (60 Millionen) fettsüchtig. Tendenz steigend.

Rekordzahlen, die diesen neuesten Slim-Trend zu mehr machen als nur einem weiteren Spleen eines von äußerlicher Schönheit und der Illusion von Perfektion besessenen Landes. Diesmal geht es um mehr als Eitelkeit. Es geht, so schreibt die US-Gesundheitsbehörde CDC in einem Bericht zu Fettsucht, um eine "nationale Epidemie".

Mit anderen Worten: um ein Milliardengeschäft.

Und das hat auch die US-Nahrungsmittelindustrie gemerkt. Allein im ersten Quartal 2003 warf die Branche zwölf brandneue "Niedrigzucker"-Produkte auf den Markt (im gesamten letzten Jahr waren es 16). Hinzu kamen sieben neue "Low-Calorie"-Marken - das Siebenfache des ganzen Vorjahrs.

Dicker Amerikaner: Nationale Epidemie
AP

Dicker Amerikaner: Nationale Epidemie

Derweil peilen auch Anbieter von Schlankheitsprogrammen wie Weight Watchers, parallel zu den anschwellenden Hüftmaßen ihrer korpulenten Kundschaft, historischen Marken an. So will die Diät-Industrie nach Branchenschätzungen in diesem Jahr sage und schreibe 40 Milliarden Dollar für Werbung ausgeben - mehr als je zuvor in ihrer Geschichte.

So schnell wie möglich in die Regale

Der jüngste PR-Krieg gegen die Fettröllchen kann keinen überraschen. Das dramatische Anwachsen des US-Durchschnittsgewichts, die schlagzeilenträchtigen Schadensersatzklagen fetter Kunden gegen Fast-Food-Konzerne, eine laustarke Medien-Debatte um Sinn und Unsinn gewisser Diäten (neu angefacht durch den Tod des Schlankheits-Gurus Robert Atkins im April): Im Land der Dicken ist dick sein plötzlich out. Oder, mitunter, ein Fall für den Zivilrichter.

"Viele unserer Konsumenten werden immer gesundheitsbewusster", formuliert eine Sprecherin der Supermarktkette Wal-Mart das etwas blumiger. "Sie suchen nach leichten Alternativen."

Also sucht auch Wal-Mart, ansonsten eher ein Symbol des fettleibigen Middle Americas (wo die größte US-Konzentration von Übergewicht zu Buche schlägt). Und hebt ab diesen Monat exklusiv den Diätsaft Mott's Hawaiian Punch Lite ins Sortiment: 60 Prozent weniger Zucker und Kalorien.

Ein solches Produkt gelte heutzutage als "major consumer news item", sagt Marktforscher Burt Flickinger. Sprich: das Brandheißeste, womit sich Geld verdienen lässt. Und so etwas müsse jetzt eben "so schnell wie möglich in die Regale."

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