US-Einwanderungsdebatte: Silicon Valley kämpft um ausländische Talente

Von , New York

Die geplante US-Einwanderungsreform verhindert nicht nur illegale Immigration einfacher Arbeiter, sondern macht auch IT-Spezialisten den Zuzug schwer. Das könnte dem Silicon Valley das Rückgrat brechen. Die Firmenchefs machen mobil - allen voran Microsoft-Gründer Bill Gates.

New York - Google-Mitbegründer Sergey Brin war sechs, als seine Eltern 1979 aus der Sowjetunion in die USA flüchteten. Sein Vater Michael, ein Mathematiker, und seine Mutter Eugenia litten als Juden in Moskau unter antisemitischer Diskriminierung. So gingen sie erst nach Wien. Dann landeten sie in Paris. Schließlich fand Michael Brin eine Stelle an der University of Maryland. Den Sohn meldeten sie an einer Montessori-Schule an.

Indische Computerspezialisten in den USA: Ohne Einwanderer droht die Tech-Branche ihre internationale Führungsposition zu verlieren.
AP

Indische Computerspezialisten in den USA: Ohne Einwanderer droht die Tech-Branche ihre internationale Führungsposition zu verlieren.

Damit begann eine der spektakulärsten Erfolgsstorys der US-Wirtschaftsgeschichte. Denn 1998 gründeten Brin und sein Studienfreund Larry Page das Silicon-Valley-Phänomen Google Chart zeigen. Heute zählt der Immigrantensohn Brin, 33, mit einem Privatvermögen von fast 17 Milliarden Dollar zu den zehn reichsten Amerikanern.

"Wir haben Sergeys Eltern die Tür geöffnet", preist Googles Personalchef Laszlo Bock die Einwanderungspolitik der USA. Gleiches gelte für zahllose weitere Google-Mitarbeiter: "Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass wir ohne diese Angestellten nicht in der Lage wären, künftige revolutionäre Produkte zu entwickeln."

Bock pilgerte jüngst nach Washington, um diese Wertschätzung auch vor den Kongressabgeordneten kund zu tun - verbunden mit einer deutlichen Warnung: Sollten die USA ihre Einwanderungsgesetze wie geplant ändern, orakelte Bock vor dem Immigrations-Unterausschuss des Repräsentantenhauses, "dann werden die Wissenschafts-, Ingenieurs- und Tech-Branchen alle Hoffnung verlieren, ihre internationale Führungsposition zu halten".

"Schreckliche Notlage"

Die geplante Einwanderungsreform ist eines der explosivsten Themen dieser Tage in den USA. Es ist die tiefgreifendste Reform seit 1986 - und sie hat ein kaum lösbares Dilemma: Wie lässt sich der Zustrom illegaler Immigranten eindämmen, ohne rund zwölf Millionen Menschen auszuweisen und damit die US-Wirtschaft, für die deren Arbeitskraft lebenswichtig ist, nachhaltig zu schädigen? Bis heute beißen sich beide Parteien daran die Zähne aus.

Ein Kompromisspaket von Demokraten und Republikanern fiel Anfang Juni im Senat unerwartet durch. Den Konservativen war es nicht drakonisch genug, den Linksliberalen dagegen zu harsch. Heute will der Senat einen neuen Versuch starten. Sogar Präsident George W. Bush, der die Einwanderungsfrage zu seiner wichtigsten innenpolitischen Aufgabe erklärt hat, hat sich eingeschaltet - und den rechten Flügel seiner eigenen Partei kritisiert.

Die populistische Debatte, geschürt vom Talk-Radio und Aktivisten auf beiden Seiten, kreist dabei gerne nur um klassische Angstklischees, etwa die hohe Kriminalität in Grenzregionen oder der geplante, 1,2 Milliarden Dollar teure, 1125 Kilometer lange Stahlzaun zu Mexiko. Ein anderer, nicht minder wichtiger Aspekt im Kleingedruckten der Einwanderungsreform blieb dabei bisher unbeachtet: die neuen Visabestimmungen für hochqualifizierte Fachkräfte - etwa in der High-Tech-Branche.

Genau wegen dieser Bestimmungen schlägt das Silicon Valley jetzt Alarm. Microsoft Chart zeigen-Gründer Bill Gates und sein CEO Steven Ballmer haben persönlich interveniert. Google hat ein Dutzend Lobbyisten in Washington mobilisiert. Der Branchenverband Information Technology Association of America (ITAA) spricht von einer "schrecklichen Notlage" und übt Druck auf den Kongress aus. "Hier geht es längst um mehr als ungelernte, relativ ungebildete Individuen, die Ernte einfahren oder auf Baustellen arbeiten", sagt der republikanische Senator John Cornyn.

"Der Status Quo ist ein Desaster"

Die fragliche Passage der Reform befasst sich mit dem sogenannten H-1B-Visum. Dieses auf maximal sechs Jahre befristete Visum, gültig für Spezialkräfte aller Berufssparten, ermöglicht es den Vorreitern des neuen Dotcom-Booms, auch geschulte IT-Experten aus dem Ausland anzuheuern. Die Zahl der H-1B-Visa ist auf 65.000 pro Jahr beschränkt. Bis zu 20.000 weitere können durch Ausnahmeregeln einreisen - nach Angaben der betroffenen Firmen bei Weitem nicht genug, um den Aufschwung im Silicon Valley zu tragen.

Wie brisant die Lage ist, zeigt der jährliche Ansturm auf die Visa. Allein in den ersten zwei Tagen des Bewerbungszeitraums 2007 bewarben sich auf die 65.000 Plätze 133.000 Antragsteller. Allein acht Prozent aller Google-Angestellten sind mit befristeten H-1B-Visa in den USA. Nach deren Ablauf müssen sie wieder zurück, so sie sich keine Green Card gesichert haben.

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