US-Elektroschrott in Indien Die Trümmerjungen der digitalen Revolution

Sie werden als Gebrauchtwaren oder Spenden etikettiert - so werden tonnenweise Computerabfälle aus den USA und Europa illegal nach Indien verkauft. Billigarbeitskräfte zerlegen und verbrennen den Elektromüll, um wertvolle Metalle herauszulösen. Und bezahlen dafür mit ihrer Gesundheit.

Von Sascha Zastiral, Neu-Delhi


Neu-Delhi - Das IT-Zeitalter ist an Silampur vorbeigezogen, in den staubigen Gassen des Armenviertels von Delhi landen nur die Abfälle der digitalen Revolution. Das allerdings gleich in Massen. Computergehäuse und kaputte Monitore stapeln sich vor unzähligen kleinen Werkstätten. In den zur Straße offenen Arbeitsräumen sitzen Männer unter Deckenventilatoren, brechen Dioden und Chips aus Festplatten, trennen Kunststoffe von Metallteilen und lösen kleine Akkus aus den Teilen.

In einem Nebengässchen verbrennen Arbeiter Festplatten, die sie zu Haufen aufgeschichtet haben. So gelangen sie an das kostbare Kupfer, das darin enthalten ist. Das Metall werden sie anschließend aus der Asche fischen. Der Geruch von verbranntem Plastik vermischt sich mit der modrigen Luft, die in den dreckigen Straßen hängt. Silampur ist das Zentrum des Computer-Recyclings der indischen Hauptstadt.

Der Großteil des Elektromülls stammt aus den USA, die ihren gefährlichen Hightech-Schrott in Entwicklungsländern wie Indien entsorgen. Viele Teile kommen auch aus Europa. Der Handel ist ein gutes Geschäft, bei dem die Exporteure gleich doppelt verdienen. Für die Abnahme eines defekten Computers etwa in den USA verlangen sie schon rund sieben Euro. "Die Verbraucher in den USA denken, sie würden eine Umweltgebühr entrichten", sagt Jim Puckett vom Basel Action Network in Seattle, das gegen den internationalen Elektroabfallhandel kämpft. Doch statt die Rechner fachgerecht zu entsorgen, verkaufen die Schrottkäufer die Abfälle nach Indien. Dort zahlen Importeure für jedes Kilo Elektroschrott noch einmal ein paar Cent. Aus den Resten lassen sich wertvolle Rohstoffe herauslösen.

Das Gift haftet an den Kleidern - und wird so weitergetragen

Die Arbeiter, die dafür zuständig sind, bekommen dafür weniger als einen Euro am Tag. So wie der zwölfjährige Mohammed. Seit einem Jahr arbeitet er in Silampur. Damals starb sein Vater plötzlich, der ebenfalls Computerschrott zerlegt hatte. Eine Mutter hat Mohammed auch nicht mehr. Deshalb muss er sich selbst versorgen. In der Werkstatt, in der er arbeitet, schläft er auch. In einem 15 Quadratmeter großen Raum, der bis an die Decke vollgestellt ist mit ausrangierten Computerbauteilen. "Mir geht es gut", sagt der blasse kleine Junge und dreht den Kopf zur Seite. Er ahnt wohl, was er seinem Körper antut. Dauernd hat er Husten und Fieber.

Die Palette der gefährlichen Inhaltsstoffe von Elektronikschrott reicht von Arsen, Kobalt, Selen bis zum Brandhemmer Antimontrioxid. Schalter enthalten oft hochgefährliches Quecksilber. Ein großes Problem stellt auch Blei dar: Ein alter Röhrenmonitor kann bis zu zwei Kilo der giftigen Substanz enthalten.

Durch die Verbrennung des PC-Mülls etwa werden zahlreiche Schwermetalle freigesetzt, wie T.K. Joshi erklärt. Der Umweltmediziner sitzt in seinem Büro an der Maulana-Azad-Medizinhochschule im Zentrum von Neu-Delhi. An der Wand hängt in einem Rahmen der "Research Integrity Award", den ihm eine australische Forschungsgesellschaft für seinen Kampf gegen Indiens mächtige Asbestlobby verliehen hat. "Die Giftstoffe lagern sich in den Nieren und im Gehirn ab", sagt Joshi. So werde die Blutproduktion gehemmt, außerdem werde das Wachstum bei Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt.

Viele der Arbeiter schädigen unfreiwillig auch Menschen, die gar nicht direkt mit dem Elektroschrott in Berührung kommen. "Sie bekommen von ihren Arbeitgebern keine Arbeitskleidung zur Verfügung gestellt. Also gehen sie in der Kleidung nach Hause, die sie bei der Arbeit tragen. Daran haften die Giftstoffe. Auf diese Weise vergifteten sie ihre ganzen Familien." Viele Arbeiter verletzten sich auch beim Umgang mit Säuren, die sie einsetzen, um an manche der kostbaren Metalle in den Platinen zu gelangen.

Der Handel ist verboten - aber schwer zu kontrollieren

Der internationale Handel der gefährlichen Abfälle ist eigentlich verboten. Die Baseler Konvention von 1999 untersagt die Ein- und Ausfuhr von giftigen Abfällen. Daher müsste Indien, das die Konvention ratifiziert hat, Container mit Elektroschrott aus dem Westen in ihre Ursprungsländer zurückschicken. Auch alle EU-Staaten haben das Abkommen unterschrieben. Nur die USA weigern sich noch.

Doch die Kontrolle ist sowieso schwierig. "Der Elektronikabfall kommt durch bewusst falsche Etikettierung ins Land", sagt Priti Mahesh von Toxics Link. Die Organisation mit Sitz in Neu-Delhi kämpft seit zwölf Jahren gegen die PC-Entsorgung in Indien. Die defekten Computer würden als "neu" deklariert, als "Gebrauchtware zum Weiterverkauf" oder, besonders perfide, als Spenden an Hilfsorganisationen und Schulen geschickt, sagt Mahesh. Rund 200.000 Tonnen an Elektronikabfällen seien auf diese Weise im vergangenen Jahr nach Indien verschifft worden. "Mitarbeiter des Zolls haben uns erzählt, dass sie gar nicht die Kapazitäten haben, um die Tausende von Containern zu überprüfen, die täglich in den indischen Häfen ankommen."

"Das ist ein klassischer Fall von Kostenverlagerung auf einer globalen Basis", sagt Puckett vom Basel Action Network in Seattle. "Damit werden die USA das ernstzunehmende und kostenintensive Problem des Elektronikschrotts los."

Auch Mediziner Joshi kann nicht viel tun. Nur selten etwa gelingt es ihm, einen Blick in Silampurs Recycling-Werkstätten zu werfen. Der Arzt ist wegen seiner Kampagnen gegen die gesundheitsschädigende Arbeitsweise in dem Viertel kein gerngesehener Gast. Bei einem seiner Besuche aber, erzählt er, habe ihm einer der Arbeiter gesagt: "Natürlich wissen wir, dass diese Arbeit gefährlich ist. Aber wir haben keine Wahl. Entweder wir arbeiten und vergiften uns dabei, oder wir sterben an Hunger."



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