US-Finanzkrise Aasgeier über New York

Die Krise an der Wall Street droht ganz New York mitzureißen: Tausende verlieren ihre Jobs, Steuereinnahmen brechen weg, selbst der Immobilienmarkt beginnt zu wanken. Doch clevere Geschäftemacher wissen sich zu helfen - mit Euros.

Von , New York


New York - Ronnie Lowenstein ist eigentlich keine Pessimistin. New Yorks langjährige Stadtkämmerin hat schon viele Krisen kommen und gehen sehen. Auch die dräuende Rezession nahm sie neulich noch gelassen: Sie werde in New York "kurz und milde" sein. Die Millionenstadt, sagte sie, werde 2008 rund 2000 Arbeitsplätze einbüßen, die Steuereinnahmen würden leicht sinken, das Haushaltsloch werde 2,1 Milliarden Dollar betragen - ein "relativ maßvoller" Betrag.

Manhattan: Die Wall Street kränkelt, die Main Street leidet mit
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Manhattan: Die Wall Street kränkelt, die Main Street leidet mit

Das war am 4. März, als Lowenstein vor dem Stadtrat ihren Jahresbericht vorlegte. Nicht mal zwei Wochen später ging die traditionsreiche Wall-Street-Bank Bear Stearns unter, und mit ihr mindestens 7000 Jobs - fast das Vierfache dessen, was Lowenstein als Ernstfall fürs ganze Jahr prognostiziert hatte.

Die Kreditkrise an der Wall Street eskaliert viel schneller, als es selbst Experten vermutet hätten. "Keiner hat so etwas je erlebt", staunte Alan Fishman, der Chef der Hypothekengruppe Meridian Capital, in der "New York Times". "Wenn man vor zwei Wochen jemanden gefragt hätte, wie schlimm es sei, hätte er gesagt: Schlimm, aber es wird vorbeigehen. Jetzt müsste er sagen: Dies ist sehr ernst."

Ernst wird es vor allem für die Metropole rings um die Wall Street. "Die Bedeutung der Finanzindustrie für die New Yorker Wirtschaft kann nicht unterschätzt werden", sagt Budgetchefin Lowenstein in der aktuellen "Business Week", plötzlich gar nicht mehr so optimistisch. "Wenn der Finanzsektor einen Schnupfen hat, bekommt die kommunale Wirtschaft etwas noch viel Schlimmeres."

"Schlimmste Krise seit Zweitem Weltkrieg"

Und es ist ja längst mehr als ein Schnupfen. Ex-Notenbankchef Alan Greenspan hält die Krise schon jetzt für die "schlimmste seit Ende des Zweiten Weltkriegs".

Wie gefährdet New York City ist, zeigen diese Zahlen: Die Wall Street generiert fast ein Viertel aller Gehälter in der Großstadt - und 27 Prozent der Steuern. Das kleinste Beben im Finanzsektor pflanzt sich schnell auf andere Bereiche fort: Einzelhandel, Gastronomie, Immobilien, Dienstleistungen.

Die Wall Street kränkelt, die Main Street leidet mit. Dabei trifft es weniger die Top-Verdiener, die meist über weiche Finanzpolster verfügen. In der Regel sind es einfache Angestellte, die ihren Job verlieren.

Lowensteins Schatzamt wird so schnell von den Aktualitäten überholt, dass es seine letzten Prognosen schon wieder zum Altpapier geworfen und für Mai neue Zahlen angekündigt hat. "Was wir vor ein paar Wochen noch nicht erkannt haben", räumt Lowenstein ein, "ist das Ausmaß, mit dem die Hypothekenkrise so viele Akteure an der Wall Street trifft."

Überall mehren sich die düsteren Vorzeichen. So ermittelte die Consulting-Firma Challenger, Gray & Christmas, dass New York in den ersten zwei Monaten 2008 durch die Hypothekenkrise plötzlich bereits mehr als 12.700 Jobs verloren habe, unter anderem bei Investmentbanken wie Lehman Brothers und der größten US-Hypothekenbank Countrywide, die am tiefsten im Subprime-Debakel steckt.

Eine Hiobsbotschaft jagt die andere. Bear Stearns, das an JP Morgan verscherbelt werden soll, war einer der 25 größten Arbeitgeber New Yorks. Es hatte bisher rund 14.000 Angestellte, gut 8000 davon in der Stadt. Mindestens die Hälfte dürfte ihren Job verlieren. Manche sprechen sogar davon, dass am Ende alle rausfliegen.

Auch die Citigroup hat angekündigt, bis zum Monatsende 2000 Investmentbanker und Händler zu entlassen, die meisten in New York und London - über die 4200 zuvor vermeldeten Stellenkürzungen hinaus. Lehman Brothers, nach Bear Stearns der nächste potentielle Übernahmekandidat, hat dieses Jahr bereits 3600 Mitarbeiter geschasst und kürzlich weitere 1400 Entlassungen bekanntgegeben. Solche Verluste lassen sich nicht mehr durch Einstellungen in anderen Sparten wettmachen.

Die Stadt spürt das als erstes bei den Steuereinnahmen. Pro Milliarde Dollar an Bonus-Ausschüttungen - die beliebteste Variante des Wall-Street-Salärs - kassiert New York rund 20 Millionen Dollar an Steuern. Die 30 Milliarden Bonus-Dollar zum Jahreswechsel 2007/08 bedeuteten also rund 600 Millionen Dollar für die Stadtkasse. Mit diesem fiskalischen Segen dürfte nun plötzlich Schluss sein.

"Selbst ein milder Abschwung an der Wall Street führt bei den Steuern zu enormen Problemen", sagte Kathyrn Wylde, die Präsidentin der Wirtschaftslobbygruppe Partnership for New York City, neulich der "New York Times". "Und dies ist viel mehr als nur ein milder Abschwung." Die Folge: Der Haushalt müsse "bedeutend revidiert werden".

Die am nächsten betroffene Branche: Immobilien. Bisher hatte sich New York in diesem Bereich als relativ krisensicher erwiesen. Aber langsam gibt es auch hier erste Warnzeichen.

Als erstes trifft es den Investment-Handel mit Büro-Immobilien: Wo im Februar 2007 noch Deals im Wert von 10,3 Milliarden Dollar getätigt wurden, waren es elf Monate später, im Januar 2008, nur noch 612 Millionen Dollar. Seit Dezember, meldet der "New York Observer", sei im Bürohausmarkt keine einzige Milliardenadresse mehr verkauft worden.

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