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US-Finanzkrise: "Die Welt, wie wir sie kennen, geht unter"

Von , New York

Panik ist an der Wall Street das Wort der Stunde: Jetzt kämpft auch noch Morgan Stanley ums Überleben. Als mögliche Retter werden die Geschäftsbank Wachovia und die chinesische Bank Citic gehandelt. Angesichts der Krise entschied sich Präsident Bush dazu, einen Inlandsbesuch abzusagen.

Eigentlich stand Humor auf dem Programm. Die Schauspielerin Christy Carlson Romano sollte am Mittwochabend die Schlussglocke auf dem Parkett der New York Stock Exchange (NYSE) läuten, anlässlich ihrer neuen Broadway-Doppelrolle im Jux-Musical "Avenue Q". Dort steht sie demnächst als "romantische Kindergartenassistentin" und "schlampige Nightclub-Sängerin" zugleich auf der Bühne.

US-Wall Street: Anleger kehren dem Aktienmarkt in Scharen den Rücken
REUTERS

US-Wall Street: Anleger kehren dem Aktienmarkt in Scharen den Rücken

Derlei Abwechslung hätte den Aktienhändlern sicher gutgetan. Doch daraus wurde nichts: Statt Carlson Romano erschien ein Vertreter der New York Stock Exchange im grimmig-grauen Anzug auf dem Balkon, drückte wortlos den Knopf, der die Glocke aktiviert, und verschwand wieder. Kein Winken, kein Applaus, kein Jubel wie sonst.

Schluss mit lustig: Zum Jubeln war hier am Mittwoch niemandem zumute. Im Gegenteil: Die Hiobsbotschaften an der Wall Street überschlugen sich abermals rasant, alle US-Indizes stürzten erneut ab - nach kurzer, trügerischer Verschnaufpause am Dienstag. In wildem Zickzackkurs verlor der Dow Jones rund 450 Punkte - fast so viel wie am Montag, dem katastrophalsten US-Börsentag seit 2001.

Anleger kehren dem Aktienmarkt in Scharen den Rücken, um sich in sichere Gefilde zu flüchten. Der Goldpreis verbuchte seinen höchsten Tagesanstieg überhaupt.

Panik ist das Wort der Stunde

Sichtlich gerädert verließen die Trader den NYSE-Tempel, stumm an TV-Teams vorbeihastend. Über das Leuchtband am NYSE-Eingang flimmerten die desaströsen Schlusskurse. American Express Chart zeigen: minus 8,4 Prozent. Citigroup Chart zeigen: minus 10,9 Prozent. JPMorgan Chase: minus 12,2 Prozent. Amerikanische Ikonen, geprügelt wie streunende Hunde. Selbst Apple Chart zeigen büßte ein.

"Ich weiß nicht, was ich dazu noch sagen soll", stammelte ein Broker, der sich mit ein paar Kollegen im nahen Straßencafé "Beckett's" mit Weißwein und Bier tröstete. Er hatte Sakko und Krawatte abgeworfen, doch auf seiner Stirn schimmerte trotz der Abendbrise immer noch ein Schweißfilm. Seine Worte umschrieben die Sprachlosigkeit einer Branche.

Dabei bahnte sich nach Börsenschluss sogar noch Übleres an. Da wurde bekannt, dass auch die viertgrößte US-Bank Washington Mutual Chart zeigen Schritte eingeleitet hatte, sich zu verkaufen. Einem Bericht des "Wall Street Journals" zeigen sowohl Wells Fargo wie auch die Großbank Citigroup Interesse an einer Übernahme der angeschlagenen US-Sparkasse.

Und dann der Knaller, der das Börsengeschehen am Donnerstag beherrschen wird: Die Wall-Street-Institution Morgan Stanley Chart zeigen - eine von zwei verbliebenen US-Investmentbanken - kämpft nach massiven Wertverlusten ums Überleben. Sie nahm Medienberichten zufolge Gespräche über einen Notverkauf oder eine Fusion auf. Unter den Interessenten, so wird gemunkelt, sind die Geschäftsbank Wachovia Chart zeigen - und die chinesische Bank Citic.

China? "Leute", flehte der Ökonom Larry Kudlow, ein Moderator des Wirtschaftssenders CNBC, seine Zuschauer am Abend laut an, "gebt unser großartiges Land nicht verloren!"

"Die Welt, wie wir sie kennen, geht unter"

In der Tat scheint es, als brächen da die Grundfesten des US-Kapitalismus zusammen. Das seit 1864 zweigeteilte US-Bankensystem - Geschäftsbanken hier, Investmentbanken dort - ist seit dieser Woche im Umbruch. Bear Stearns Chart zeigen, Lehman Brothers Chart zeigen, Merrill Lynch Chart zeigen: Die großen Namen der Wall Street - über Nacht verschwunden. Übrig sind nur Goldman Sachs Chart zeigen und Morgan Stanley Chart zeigen. Noch. Doch auch sie wurden, trotz passabler Quartalsergebnisse, von mysteriösen Kurseinbrüchen malträtiert und rüsteten sich zumindest im Fall Morgan Stanley fürs Ende.

"Nichts wird mehr so sein wie früher", sagte der Broker James Allroy, der bei Starbucks Chart zeigen an der Wall Street über einem Chai Latte grübelte. "Die Welt, wie wir sie kennen, geht unter."

Manche beschworen schon Erinnerungen an die große Depression herauf, jenes nationale Trauma, an dem bis heute alles hier gemessen wird. "Dies", sagte Finanzjongleur Donald Trump auf CNN, "ist die schlimmste Zeit seit 1929." Das "Wall Street Journal" stimmte ihm zu: "Wir befinden uns mitten in der größten finanziellen Umwälzung seit der Depression."

Doch was ist hier wirklich los? Selbst Experten können sich bisher nicht auf eine schlüssige Erklärung einigen. Ist dies der Anfang vom Ende? Oder ein schmerzhafter, doch normaler Zyklus, der die Exzesse der vergangenen Jahre ausgleicht? Sind die Ratingagenturen schuld, die die Kreditwürdigkeit der Finanzkonzerne so lange überbewertet haben? Oder stecken Kursmanipulation durch dubiose Shortseller dahinter, die schon bei der letzten Börsenkrise im Juli als Strippenzieher verdächtigt wurden?

Fest steht: Die Zeiten der ungezügelten Marktwirtschaft in den USA sind vorerst vorbei. Die Fast-Verstaatlichung der weltgrößten US-Versicherung AIG Chart zeigen, mit einer 85-Milliarden-Dollar-Geldspritze auf Kosten der Steuerzahler, war ein atemberaubender Schritt: Die Summe ist dreimal so hoch wie die, mit der die US-Notenbank im März den Verkauf von Bear Stearns an JPMorgan Chase garantiert hatte.

"Korruption und Gier"

Das wirklich Atemberaubende daran aber: Dieser Rettungsanker - den Washington zuvor nur den beiden Hypothekengiganten Fannie Mae Chart zeigen und Freddie Mac Chart zeigen gegönnt hatte - wird ausgerechnet von einer Regierung ausgeworfen, deren Partei sich sonst gegen jede Einmischung des Staates wehrt und sich das sogar ins Wahlprogramm geschrieben hat.

"Ich fürchte, die Regierung hat den Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt", sagte der Finanzhistoriker Ron Chernow der "New York Times". "Wir haben die Ironie einer Regierung der freien Marktwirtschaft, die Dinge tut, die die meisten linksliberalen, demokratischen Regierungen in ihren wildesten Träumen nicht zu tun gewagt hätten."

Bush sagt Inlandsreise ab

Die Lage scheint so ernst, dass George W. Bush kurzfristig zwei für Donnerstag geplante Inlandsreisen absagte. Der US-Präsident werde in Washington bleiben, um mit seinen Beratern die "Herausforderungen an den Finanzmärkten" zu diskutieren, erklärte sein Sprecher Tony Fratto. Bush wolle die Märkte "stabilisieren und stärken". Ursprünglich wollte Bush am Donnerstag an Veranstaltungen in Florida und Alabama teilnehmen.

Von den Präsidentschaftskandidaten kam derweil wenig Hilfreiches, nur die üblichen populistischen Parolen: Beide forderten schwammig mehr "Regulierung" und "Reform" - das stets mit Klatschmärschen begrüßte Top-Schlagwort.

Am meisten wand sich der Republikaner John McCain. Am Montag noch hatte er die "Grundlagen unserer Wirtschaft" als "stark" bezeichnet und eine Übernahme von AIG durch die Fed strikt abgelehnt. Doch jetzt versprach er plötzlich weitere staatliche Schritte, "um die Art wilder Spekulationen zu verhindern, die unsere Märkte gefährden können". McCains Erklärung für die Krise: "Korruption und Gier."

Broker erwarten das nächste dunkle Kapitel

Doch auch Demokrat Barack Obama beließ es bei Oberflächlichkeiten. "Wir sind Amerikaner", sagte er in einem Zwei-Minuten-Video. "Wir haben uns schon oft harten Herausforderungen gestellt. Und wir werden es erneut können."

Was sollen sie auch sagen - US-Präsidenten haben ja sowieso kaum Einfluss auf Börse und Wirtschaft. Und so erwartet die Wall Street heute das nächste Kapitel. Über dem Financial District lag am Mittwochabend eine fast spürbare Mischung aus Spannung und Melancholie. Die beliebte Trader-Bar "Bull Run" war halbleer, in Nobelrestaurants wie "Cipriani", "Mangia" und "Bobby Van's" waren viele Tische frei.

Am Seiteneingang der Goldman-Sachs-Zentrale in der Pearl Street warteten die Limousinenchauffeure auf ihre Kunden, die oben in den Büros noch über den Büchern hockten. "Wenn die untergehen", sagte Rashid Amal, der für den Fahrdienst Excelsior arbeitet, "dann bin auch ich meinen Job bald los."

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