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US-Finanzmisere: Die Krise wird zum Krimi

Von , New York

Die US-Kreditkrise entwickelt sich immer mehr zum Kriminalfall. Jetzt hat die Justiz Betrugsermittlungen aufgenommen. Im Fadenkreuz stehen nicht nur Einzeltäter, sondern auch große Investmentbanken. Sie sollen das Chaos absichtlich mitverursacht haben - um dann eiskalt zu profitieren.

New York - Die Geschichte der Wall Street ist immer schon auch eine Geschichte des Verbrechens gewesen. Eine Geschichte von Betrügern und bösen Buben, von Gaunern und Gangstern. Das liegt in der Natur des Geldes.

Wall Street in New York: Weitreichende Ermittlungswelle
AP

Wall Street in New York: Weitreichende Ermittlungswelle

Ihre Namen sind Legende: Spekulant Ivan Boesky erschwindelte sich einst 200 Millionen Dollar. "Junkbond-König" Michael Milken riss mit seinen Insidergeschäften die Börsenfirma Drexel in den Bankrott. Tyco-Chef Dennis Kozlowski stellte seinen Shareholdern einen 6000-Dollar-Duschvorhang in Rechnung. "Skandale", schrieb der geläuterte ehemalige Morgan-Stanley-Trader Frank Partnoy schon 1997 in seinem Enthüllungsbuch "F.i.a.s.c.o" (Untertitel: "Blut an den weißen Westen der Wall- Street-Broker"), "wird es so lange geben, wie es Banker gibt."

So ist es kein Wunder, dass auch in diesen aktuellen US-Krisenzeiten unweigerlich die Frage aufkam: Wer trägt denn wirklich Schuld an dem ganzen Schlamassel? Eine Antwort, die man in den USA dieser Tage immer lauter hört ist: kriminelle Elemente!

Die Krise wird zum Krimi. Die Börsenaufsicht SEC, die Regulierungsbehörde FINRA, die New York Stock Exchange (NYSE), sogar das FBI - ein ganzes Heer von Ermittlern ist inzwischen auf der Suche nach unkoscheren Ursachen der Unbill. Ihr Verdacht: Hinter dem Chaos, das Wall Street wie Main Street (die Verbraucher) zu immer neuen Panikschüben treibt, stecken nicht nur Gier, Dummheit und Maßlosigkeit - sondern auch klar illegale Machenschaften.

Gezielt gestreute Gerüchte, anonyme Falschmeldungen

Es ist die am weitesten reichende Ermittlungswelle an der Wall Street seit den Fondsskandalen von 2003. Gezielt gestreute Gerüchte, anonym lancierte Falschmeldungen, böswillige Spekulationen oder ganz einfach nur Schwindeleien: Deren Hintermänner schrecken offenbar vor nichts zurück, um die Misere anzufachen - und dann davon zu profitieren. Im Fadenkreuz der Fahnder stehen sowohl Einzeltäter - etwa skrupellose Trader - als auch große, namhafte Investmentbanken.

Am Dienstagabend beispielsweise, am Ende eines erneut atemlosen Tages, an dem sich die US-Börsen zwar ein Zwischenhoch abrangen, die Konjunkturaussichten aber immer düsterer wurden, kam heraus, dass das FBI Betrugsermittlungen gegen die kalifornische Bank IndyMac aufgenommen hat. Ausgerechnet IndyMac: Der Konzern war am Wochenende spektakulär kollabiert, als jüngstes Opfer der Finanzturbulenzen - der zweitgrößte Banken-Crash der US-Geschichte.

Während sich vor den IndyMac-Filialen in Kalifornien also zum dritten Tag in Folge wilde Szenen abspielten, als aufgebrachte Kunden versuchten, ihre Kontoeinlagen zu retten, durchforsteten FBI-Beamte die Bücher der Bank. CNN und die Nachrichtenagentur AP meldeten, es bestehe der Verdacht, dass IndyMac seinen Klienten dubiose Darlehen verkauft habe. Der Konzern, dessen Geschäfte von der staatlichen Einlagenversicherung (FDIC) übernommen wurden, war einer der führenden Hypothekenkreditgeber des Landes.

Insgesamt ermittelt das FBI nach eigenen Angaben derzeit wegen Betrugsverdacht im Zusammenhang mit der Hypothekenkrise gegen 21 US-Finanzkonzerne. Konkrete Namen nennt das FBI nicht, doch mehr als 400 Personen seien seit März unter anderem wegen Bilanzbetrugs und Insiderhandels angeklagt worden. FBI-Direktor Robert Mueller hat den Schaden für die Kunden der Institute kürzlich auf mehr als eine Milliarde Dollar beziffert.

SEC verschärft den Druck

Auch die Börsenaufsicht SEC zieht nun die Schrauben an. Als mitverantwortlich für die Probleme am Finanz- und Bankenmarkt hat sie anonyme Gerüchtetreiber und "Short Seller" identifiziert (Trader, die mit dem Kursverfall von Firmen ihr Geld machen) - sowie schwarze Schafe bei bekannten Wall-Street-Häusern.

"Was uns besonders besorgt", sagte SEC-Chef Christopher Cox, "ist das Potential für böswillig fabrizierte Falschinformationen." Diese gezielten Börsengerüchte - gestreut von interessierten Parteien - sollten die betroffenen Firmen destabilisieren, indem sie einen Run (einen Ansturm auf deren Aktien) auslösten, unkontrollierbare Panik verursachten und die Kurse damit künstlich in den Keller trieben.

Eine beliebte Methode sei dabei auch ein Börsentrick namens "Naked Short Selling" - der ungedeckte Leerverkauf von Aktienoptionen, die sich nicht im Besitz des Traders befinden. Diese kontroverse Praxis, mit der sich gut Kasse machen lässt, erklärte die SEC diese Woche kurzum für verboten: "Die Kommission sieht derzeit die beträchtliche Gefahr, dass es zu plötzlichen und exzessiven Fluktuationen von Aktienpreisen kommt." SEC-Direktorin Lori Richards warnte alle Akteure: "Die Trader wissen, dass Falschinformationen kursieren. Sie sollten es sich zweimal überlegen, ob sie sie weiterreichen wollen."

Zugleich richten die Ermittler ihr Augenmerk nun aber auch auf die bekanntesten Namen der Wall Street. Nach übereinstimmenden Informationen mehrerer US-Medien forderte die SEC schon vorige Woche eine Reihe von großen Investmentbanken sowie mehr als 50 Hedgefonds-Firmen diskret, aber unter klarer Strafandrohung auf, interne Akten, Dokumente und E-Mails herauszurücken. Der Verdacht gegen die Firmen: illegale Marktmanipulation.

Lehman kämpft gegen Gerüchte

Nach Angaben des Wirtschaftsdienstes Bloomberg haben unter anderem Goldman Sachs, Merrill Lynch und die US-Dependance der Deutschen Bank solche Strafandrohungen erhalten. Es werde geprüft, ob und was sie mit beharrlichen, negativen Kursgerüchten zu tun hätten, die ihren Rivalen Lehman Brothers und Bear Stearns das Leben verdorben hätten.

Lehman kämpft seit Monaten gegen Gerüchte, es stehe vor dem Aus. Sein Kurs hat daraufhin dieses Jahr rund 70 Prozent eingebüßt. Die Traditionsbank Bear Stearns war im März ganz implodiert, nachdem sich ähnliches Gerede zum fatalen Selbstläufer entwickelt hatte. Seither haben mehrere US-Magazine, allen voran "Fortune" und "Vanity Fair", den Untergang von Bear Stearns penibel rekonstruiert und sind dabei unabhängig zu dem Schluss gekommen, dass dabei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein konnte.

SEC-Chef Cox hat bestätigt, dass seine Börsenfahnder in beiden Fällen - Bear Stearns und Lehman - Untersuchungen eingeleitet hätten. Namen nannte er aber nicht. Goldman, Lehman und die Deutsche Bank nahmen zu den jüngsten Berichten keine Stellung.

Ein besonders pikantes Detail enthüllte das "Wall Street Journal" ("WSJ"). Demnach haben der ehemalige Bear-Stearns-Chef Alan Schwartz und Lehman-Boss Dick Fuld den CEO von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, wegen der Gerüchte persönlich zur Rede gestellt. Es gebe eine Menge Gerede, so Fuld, dass Goldman-Trader absichtlich negative Meldungen über Lehman gestreut hätten. Blankfein sei über diese Vorwürfe schockiert gewesen. Offiziell ließ Blankfein dem "WSJ" erklären, er könne sich an solche Gespräche nicht erinnern.

Ermittlungen stoßen nicht nur auf Gegenliebe

Unter den inkriminierten Hedgefonds befinden sich nach Recherchen des "WSJ" zwei der Top-Hedgefonds-Gruppen an der Wall Street: SAC Capital Advisors und die Citadel Investment Group. Gemeinsam verwalten sie rund 34 Milliarden Dollar an Investorengeldern.

Das weite Netz der Ermittlungen findet aber nicht nur Beifall. Schließlich sind Gerüchte seit jeher ein Teil des Börsenlebens - als Gespräche am Tresen, als Geflüster in der Firmenkantine, als Mundpropaganda, informiertes Hörensagen, Internet-Rumoren, als "Whisper Numbers".

"Jeder sagt, 'Short Seller' seien schuld, doch das stimmt nicht", zitierte Bloomberg den Wall-Street-Analysten Paul Miller. Die Kursverfälle zeugten vielmehr vom "fundamentalen Wandel darin, wie Investoren diese Unternehmen sehen". Joe Nocera, Wirtschaftskolumnist der "New York Times", warf der SEC vor, nach praktischen Sündenböcken zu suchen und die wahren Verantwortlichen zu schonen: "Die Probleme sind seit Jahren bekannt, doch niemand hat zugehört", sagte er dem TV-Kabelsender CNBC. "Jetzt schiebt jeder den 'Short Sellern' die Schuld zu. Es ist ein Witz."

Für keinen Witz dagegen hielten das die Anleger. Sie quittierten die Ermittlungswelle und die harten Worte der SEC am Dienstag, indem sie die Finanzwerte an der Wall Street steil in die Höhe trieben - eine Art Stoßseufzer der Börse. Der Dow-Jones-Bankindex legte fast 20 Prozent zu. Es war sein bester Tag überhaupt.

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