US-Geldpolitik: Bernanke bleibt die wichtigste Antwort schuldig

Der neue US-Notenbankchef Bernanke hat für seinen ersten Auftritt vor dem Kongress viel Lob aus der Finanzwelt erhalten. Dabei hat er über die Frage, wie er die Aufgaben der Notenbank versteht, gar nichts gesagt, schreibt der Geldpolitik-Experte Willi Semmler.

New York - Das erste Auftreten des neuen Zentralbankchefs Ben Bernanke vor dem amerikanischen Kongress am 15. Februar hat nicht nur in der amerikanischen Presse, sondern weltweit Aufmerksamkeit erregt. Die dreistündige Anhörung wurde direkt in die Börsenräume der Welt übertragen. Dabei waren es nicht nur Bernankes Aussagen zu konkreten geldpolitischen Entscheidungen, die mit großem Interesse erwartet worden waren, sondern auch erste Anzeichen eines möglichen Regimewechsels in der Geldpolitik.

Notenbankchef Bernanke im US-Kongress: Probleme in den kommenden Monaten absehbar
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Notenbankchef Bernanke im US-Kongress: Probleme in den kommenden Monaten absehbar

Die Finanzmärkte haben weitere leichte Zinssteigerungen bereits vorweggenommen. Angesichts einer Wachstumsrate von ungefähr 3,5 Prozent im Jahr 2005, einer Arbeitslosenrate von 4,75 bis 5 Prozent und einer langsam ansteigenden Kerninflationsrate von jetzt 1,9 Prozent - hierbei wird der Preisanstieg für Energie und Lebensmittel herausgerechnet - wird eine Erhöhung der kurzfristigen Zinsen um 0,25 Prozentpunkte auf 4,75 Prozent im März erwartet.

Nach dem Urteil der Märkte wird dann im Mai wohl noch eine kleine Erhöhung folgen. Bernanke deutete in der vergangenen Woche an, dass er diese Erwartungen erfüllen wird. Der neue Chairman der Federal Reserve muss eine entschlossene Haltung an der Zinsfront zeigen, er muss seinen Ruf ja erst noch aufbauen.

Die interessantere Frage lautete jedoch: Wird mit dem Übergang von Alan Greenspan zu Ben Bernanke ein Wechsel im geldpolitischen Konzept sichtbar? Wird sich Bernanke, im Gegensatz zu Greenspan, auf die reine Inflationssteuerung (inflation targeting) beschränken oder wird er auch, wie Greenspan, ein fine tuning der weiter definierten amerikanischen Wirtschaftspolitik anstreben? Wird er in die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik eingreifen, um Krisen zu managen? Wird er zum Beispiel zur Steuer- und Sozialversicherungsdebatte, den Haushaltsdefiziten und der Blase im Immobilienmarkt eigene Stellungnahmen abgeben und sich mit Mahnungen zu Wort melden?

Wie ein Amerikaner "Edelweiß" buchstabiert

Bernanke hat sich insofern gut geschlagen, als er sich in diesen Fragen sehr bedeckt gehalten hat. Welcher Definition von den Aufgaben der Notenbank er anhängt, blieb unklar. Die ersten großen Herausforderungen, die höchstwahrscheinlich nicht lange auf sich warten lassen, werden genauer zeigen, wo er geldpolitisch steht.

Als Bernanke 2003 auf dem Kongress der amerikanischen Ökonomen als Vizepräsident der Fed vorgestellt wurde, erinnerte sein Amtsvorgänger, Alan Blinder, das Publikum daran, dass Bernanke als Schüler einmal den nationalen Buchstabierwettbewerb gewonnen hatte. Blinder konnte es sich nicht verkneifen, Bernanke vor geladenem Publikum das deutsche Wort "Edelweiß" buchstabieren zu lassen, was dieser dann auch ohne Zögern und richtig tat. Bernanke hat ein außerordentliches Gedächtnis für Details, kann aber Problemlagen und Entscheidungen gleichzeitig klar und prägnant, ohne sybillinische Vieldeutigkeit, ausdrücken - ein Vorteil in der Kommunikation der Fed mit der Öffentlichkeit, meinen viele.

Als er noch Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Princeton war, trat Bernanke als einer der deutlichsten Verfechter des neuen Konzepts der Inflationssteuerung (inflation targeting) auf. Die Idee, die auf die Arbeiten des Stanford-Professors John Taylor zurückgeht, wird in der Akademikerwelt seit Mitte der neunziger Jahre groß gefeiert.

Sie besagt, dass die Zentralbanken nicht mehr primär die Geldmenge als Instrumentarium benutzen sollten, um die Inflation zu steuern, sondern die kurzfristige Zinsrate – in den USA die federal funds rate. Hierbei können dann Variablen wie der Inflationsraten der Arbeitslosenrate oder der output-Lücke entsprechende Gewichte zugeordnet werden.

Mögliche Krisenfelder

Inflationssteuerung, so wurde argumentiert, führe zur größeren Transparenz und Verantwortlichkeit der Geldpolitik. Wenn die Notenbank ein explizit beschriebenes Ziel für die Preissteigerung veröffentliche, würden die Wirtschaftsteilnehmer besser über die zu erwartende Zins- und Inflationsraten informiert. Als Folge könne die Unsicherheit auf den Märkten, insbesondere den Finanzmärkten, reduziert werden.

Die amerikanische Medien-, Finanz- und Wirtschaftsöffentlichkeit war deshalb stark daran interessiert zu hören, wie eng Bernanke in seiner praktischen Tätigkeit als Fed-Vorsitzender dieses Konzept auslegen würde. Die Fed ist schließlich nicht nur die einflussreichste Wirtschaftspolitikinstitution in den USA, sondern auch zum Schaltzentrum der Geld-, Währungs- und Finanzmarktpolitik der westlichen Welt geworden. Bernanke hatte sich als einfaches Fed-Mitglied bereits für die Veröffentlichung von Inflationszielen stark gemacht. Es wird interessant sein zu sehen, inwieweit er seine damaligen Ideen verändert oder umsetzt.

Alan Greenspan hatte seine Rolle als Chairman der Fed stets weiträumig ausgelegt. Er versucht nicht nur, die Finanzmarktkrise, die in den Jahren 1997/98 von Asien ausging, zu steuern. Er wagte sich auch mit Äußerungen über die amerikanische Handelsbilanzdefizite und zur Finanzmarktblase vor. Auch bei Kontroversen zwischen dem Präsidenten und dem Kongress zu Themen wie der Fiskalpolitik, der Steuersenkungen, und den Kosten des Gesundheitssystems mischt er sich ein. Hingegen lehnte er es ab, sich auf ein explizites Inflationsziel festzulegen - er argumentierte, dies könne der Fed Flexibilität rauben.

In den ersten Monaten der Amtszeit Bernankes sind größere Probleme vorauszusehen: Der weitere Anstieg der Ölpreise, die schwierige Energieversorgung der US-Wirtschaft, der Wettbewerb um Märkte und internationale Rohstoff mit China und Indien, das Outsourcing in Billiglohnländer, ein möglicher Kollaps der Immobilienpreise, der Anstieg der Binnen- und Außenverschuldung, die schwache soziale Absicherung der Amerikaner gegen wirtschaftliche Schocks - um nur einige zu nennen.

Wenn die Aussagen Ben Bernankes in den USA und weltweit so intensiv verfolgt werden, dann auch wegen dieser Themen.

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