US-Hilfspaket "Dies wird die Krise nicht beenden"

Die Freude über das Wall-Street-Rettungspaket ist verfrüht: Die Sanierung des US-Bankensystems ist nur der erste Schritt. Viele Ökonomen erwarten, dass die Finanzkrise trotz der 700-Milliarden-Dollar-Spritze weitergehen wird.

Von , New York


New York - Am Ende half nur eine Zwangsklausur. Wochenlang war die Wall Street unaufhaltsam abwärts getrudelt. Banken machten Pleite. Anleger gerieten in Panik. Schließlich sperrte der mächtigste und reichste Banker des Landes seine Top-Kollegen in die prächtige Bibliothek seines Anwesen an der Madison Avenue. Sie würden, drohte er, den Raum nur mit einer Lösung wieder verlassen.

Präsident George W. Bush und Finanzminister Henry Paulson am Freitag in Washington: Viele Experten halten die Bankensanierung nur für den ersten Schritt
AP

Präsident George W. Bush und Finanzminister Henry Paulson am Freitag in Washington: Viele Experten halten die Bankensanierung nur für den ersten Schritt

Das Krisentreffen ging bis ins Morgengrauen. Die Finanziers saßen in Plüschsofas, unter Madonnen-Figuren und Wandteppichen aus Brokat. Ihr Gastgeber erzwang, abwechselnd Hustenbonbons und Havanna-Zigarren im Mund, ein sündteures Rettungspaket für die Wall Street, das alle Teilnehmer mit einem goldenen Füllfederhalter unterschrieben.

So geht die Mär vom Ende der Börsenpanik 1907, angeblich im Alleingang herbeigeführt von der Bankerlegende J.P. Morgan. In Wahrheit brauchte die Kreditkrise damals viele Wochen, um sich auszupendeln. Eine Krise, die ähnlich wie die heutige begonnen hatte: windiges Wachstum, irrationales Risiko - und Investmentvehikel, die keiner mehr verstand.

Auch diesmal wird es dauern

Die Story von den Bankern in der Bibliothek ist ein beliebtes Beispiel dafür, wie einfach alles früher war. Aber auch eine Warnung: Finanz- und Wirtschaftskrisen haben ihr Eigenleben - und daran ändert selbst die cleverste Lösung nicht.

So auch jetzt, beim 700-Milliarden-Dollar-Hilfspaket für Wall Street und Wirtschaft, welches das US-Repräsentantenhaus gestern nach turbulentem Hin und Her endlich absegnete. Bei all den selbstzufriedenen Reden und dem Plenarapplaus hinterher bleibt es eine kontroverse und unberechenbare Maßnahme. Denn alle Experten sind sich einig, dass dies nur der erste Schritt ist. Dass viele weitere Schritte nötig sind - und dass es noch lange weiterkriseln wird. Nicht nur in der Finanzwelt, sondern vor allem in der gesamten Wirtschaft.

Und das trotz der massiven "Sweetener" (Versüßungen), die dem Gesetz bei seiner Odyssee durch den Kongress noch hinzugefügt wurden. Darunter 150 Milliarden Dollar Steuervergünstigungen und eine Erhöhung der Staatsgarantien für Bankeinlagen von 100.000 auf 250.000 Dollar: So wucherte das Paket von zweieinhalb Seiten (erster Entwurf) über 110 Seiten (erste Vorlage) auf 451 Seiten (Endfassung). Alles schön und gut, resümierte der Kolumnist Paul Krugman in der "New York Times": "Dies wird die Krise nicht beenden."

"Staatliche Bankensanierung ist nur der Anfang", weiß auch der Ökonom Lawrence Summers, der als US-Finanzminister unter Bill Clinton selbst Mitverantwortung trug für den langen Vorlauf des Debakels. In einem Essay für die "Washington Post" und die "Financial Times" schrieb Summers, den Vereinigten Staaten stünden weitere, "enorm wichtige taktische Fragen" bevor, "wenn die Chance zur Schadensbegrenzung maximiert werden soll".

Viele Fragen bleiben offen

Das Paket "könnte uns im November durch die Wahlen bringen", sagte der Ökonom Simon Johnson vom Massachusetts Institute of Technology der "New York Times" zwar. Doch danach? Wann wird sich die Lage verbessern?

"Das wird noch eine Weile dauern", fürchtete Joseph Patterson, der Chef der Finanzfirma Patterson Capital, in der "Business Week". Er verwies auf die eingefrorenen Kreditmärkte, auf denen sich Banken, Institutionen und Konzerne untereinander Geld leihen: "Jeder hat sich verbunkert, um Kapital zu halten."

Vielmehr zeigten jüngsten Daten der Federal Reserve diese Woche, dass sich die Situation sogar noch verschärft hat und langsam auch auf Europa ausdehnt. Das gestrige Rettungspaket spricht nur ein paar, aber nicht alle der dafür verantwortlichen Faktoren an.

Der Plan selbst lässt auch sonst viele Fragen offen. Finanzminister Henry Paulson und Präsident George W. Bush tun zwar so, als sei das Milliardenprogramm eine Wunderwaffe. Inzwischen haben aber die meisten gemerkt: Diese Krise ist zu komplex, als dass eine gigantische Finanzspritze sie lösen könnte.

Das US-Finanzsystem wird trotz des Milliardendopings nicht mehr wiederzuerkennen sein. Das Bankensterben wird andauern - nur jetzt etwas kontrollierter, unter Aufsicht des Staates. Aktuelles Opfer: Die Wachovia-Bank, die sich nun für 15,4 Milliarden Dollar an Wells Fargo verkauft. Damit dieser schmerzliche Prozess nicht ganz aus dem Ruder läuft, sind weitere staatliche Schritte nötig.

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