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US-Hypothekenkrise: Betrug, Schwindel, fiese Tricks

Von , New York

Verdacht auf Immobilienbetrug und Insiderhandel: Die Hypothekenkrise hat in den USA eine beispiellose Verhaftungswelle ausgelöst. Unter den 406 Beschuldigten sind zwei prominente Ex-Fondsmanager - und ein Selbsthilfeguru aus Texas, der schnellen Reichtum predigt.

Eric Farrington kennt die Tricks, reich zu werden. Das zumindest schwört der Texaner in seinen "Motivationsseminaren": Für 299 Dollar lehrt er einem da "die Macht, Wohlstand zu erzeugen", das "wahre Geheimnis lebenslangen Erfolgs".

Festnahme: Matthew Tannin, Ex-Bear-Stearns-Manager, wird abgeführt
DPA

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Als lebenden Beweis bietet sich der 55-jährige "Selfmade-Millionär" selbst an: Mit "viel Gebet, Vorbereitung und persönlichem Risiko", so prahlt er auf seiner Website, habe er es vom Jeans-Verkäufer zu "einem der erfolgreichsten Immobilienmogule in Dallas" gebracht (und obendrein zum schwarzen Taekwondo-Gürtel).

Offenbar beruhte Farringtons Erfolg aber auch noch auf anderen, weniger legalen Talenten. Jedenfalls verhaftete das FBI den Selbsthilfeguru diese Woche wegen Hypothekenbetrugs: Er soll jahrelang die Preise von Immobilien künstlich aufgebläht haben, um so höhere Kredite zu erschwindeln und den Überschuss abzukassieren. Bei seiner ersten Vorführung vor Gericht kam dann peinlicherweise auch noch heraus, dass der "nächste Donald Trump" (Eigenwerbung) schon mal 15 Monate im Gefängnis saß - wegen Steuerfälschung.

Farrington ist nicht der Einzige, der der US-Bundespolizei ins Netz ging. Gestern verkündete FBI-Direktor Robert Mueller die Ergebnisse einer massiven, viermonatigen Fahndungsaktion namens "Operation Malicious Mortgage" - Operation böswillige Hypothek. In landesweiten Razzien, wie sie sonst der Mafia vorbehalten sind, setzte das FBI demnach seit März dieses Jahres 406 Personen wegen Immobilienbetrugs fest - allein 60 davon auf einen Schlag am Mittwoch.

Damit ist es offiziell: Die Hypothekenkrise hat in den USA eine ganz neue, beispiellose Kriminalitätswelle geschaffen. Die Zahl der diesbezüglichen Ermittlungsverfahren, die beim FBI anhängig sind, hat sich in den letzten drei Jahren auf derzeit mehr als 1400 verdreifacht. "Hypothekenbetrug stellt eine gewaltige Bedrohung für unsere Wirtschaft dar, für die Stabilität unseres Immobilienmarktes und für den Seelenfrieden von Millionen amerikanischer Hausbesitzer", sagte der an der FBI-Aktion beteiligte Staatsanwalt Mark Filip.

Die US-Immobilienkrise hat bisher Hunderttausende Betroffene um ihren Grund- und Hausbesitz gebracht und an der Wall Street fast 400 Milliarden Dollar an Verlusten und Abschreibungen verursacht. Etliche Konzernchefs verloren ihre Jobs, und die Investmentbank Bear Stearns ging unter.

So brisant ist die kriminelle Lage inzwischen, dass das FBI sie nun zur Chefsache erklärt hat. Im Tonfall eines Wildwest-Sheriffs gab Mueller eine letzte Warnung aus: "Wir werden euch finden, wir werden gegen euch ermitteln, und ihr werdet angeklagt werden." Wer glaube, mit windigen Tricks davonkommen zu können, möge wissen: "Du wirst im Gefängnis landen."

An der ausgedehnten Großrazzia beteiligten sich 46 der insgesamt 56 FBI-Filialen im Land, die US-Steuerbehörde IRS, der Zol, die Postermittlungsstelle und weitere Behörden. Mueller schätzte die Gesamtsumme der von den Betrügern verursachten Verluste auf mindestens eine Milliarde Dollar. 173 der Angeklagten seien bereits verurteilt und 60 Millionen Dollar sichergestellt worden.

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

Unter den Angeklagten befinden sich Immobilienagenten, Projektentwickler, Broker, Gutachter, Darlehensgeber, Anwälte und "Strohkäufer". Ihre Tricks sind demzufolge längst so vielfältig wie die Branche selbst: Kreditbetrug, Zwangsversteigerungsbetrug, Konkursbetrug, Insiderhandel, Bilanzfälschung, Wertpapierbetrug. Alle Aspekte der Hypothekenkrise haben also inzwischen auch einen zwielichtigen, kriminellen Unterbau.

Ein besonders dramatischer Fall von potentiellem Aktienbetrug kam gestern in Manhattan ans Licht. Da klagte die Staatsanwaltschaft zwei Ex-Fondsmanager von Bear Stearns an - die ersten derart hochrangigen Anklagen gegen Wall-Street. Ralph Cioffi und Mathew Tannin, deren Hedgefonds mit Subprime-Ramschkrediten spekuliert hatten, sollen ihre Investoren über die Risiken getäuscht haben, auch als das Ausmaß der Katastrophe bereits absehbar war. Die Fonds kollabierten im Frühsommer, bescherten Bear Stearns rund 1,4 Milliarden Verluste und waren der Anfang vom Ende des Traditionshauses.

Cioffi, der auch des Insiderhandels angeklagt wurde, soll zwei Millionen Dollar seines eigenen Geldes schnell noch in Sicherheit gebracht haben, während die Investoren weiter auf dem todgeweihten Fonds gesessen hätten. Die Anwälte der beiden beteuerten die Unschuld ihrer Mandanten. Die Justiz wolle diese "zwei anständigen Männer" nur zu "Sündenböcken" machen, sagte Cioffis Verteidiger Ed Little.

Auch 19 größere Unternehmen stehen nach FBI-Angaben im Fadenkreuz: Hypobanken, Investmentbanken, Hedgefonds, Ratingsagenturen, Wirtschaftsprüfungsfirmen. Die beliebtesten Betrugsregionen befänden sich in zehn US-Bundesstaaten: Kalifornien, Colorado, Florida, Georgia, Illinois, New York, Michigan, Minnesota, Ohio und Texas.

In Texas wartet nun auch der Angeklagte Eric Farrington auf sein Urteil. Sollte er schuldig gesprochen werden, drohen dem selbsternannten Motivationsredner 13,75 Millionen Dollar Geldstrafe - und 600 Jahre Haft. Noch pries seine Web-Seite gestern sein jüngstes Buch an (15,95 Dollar), trefflicher Titel: "Missgeschick schafft Gelegenheit." Für die kommenden Wochen hat Farrington neue Wohlstandsseminare angekündigt, unter anderem in Chicago, Atlanta und Dallas. Weitere Immobiliengeschäfte sind aber nicht geplant.

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