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US-Immobilienkrise: Kredit-Karussell außer Kontrolle

Von Arne Gottschalck und Kai Lange

Die Hypothekenkrise in den USA scheint weit weg - doch sie geht auch deutsche Anleger an. Und das nicht nur, weil auch ein paar heimische Banken Geld an waghalsige amerikanische Finanziers geliehen haben. Die größte Gefahr für die Konjunktur ist eine andere.

Hamburg - Es ist schon ärgerlich. Da verdienen deutsche Unternehmen glänzend, sind vergleichsweise fair bewertet und bereiten Rekordausschüttungen vor. Weltbank und Wirtschaftsforschungsinstitute bescheinigten Deutschland just einen soliden Aufschwung und trauen der deutschen Konjunktur zu, wieder die Antriebsrolle in Europa zu übernehmen - und was passiert? Der deutsche Aktienindex rauscht in die Tiefe, weil ein paar Hypothekenanbieter in den USA mit zu hohem Risiko gespielt haben.

Käufer dringend gesucht - Makler-Zeichen vor Haus in Virginia: Die Mehrzahl der Kreditnehmer dürfte bei der nächsten Zinserhöhung in Schwierigkeiten geraten.
AFP

Käufer dringend gesucht - Makler-Zeichen vor Haus in Virginia: Die Mehrzahl der Kreditnehmer dürfte bei der nächsten Zinserhöhung in Schwierigkeiten geraten.

Müssen die Kurse von Siemens und BASF einknicken, weil Bill Smith aus Kentucky sein Haus ohne einen Dollar Eigenkapital gekauft hat? Warum muss der Kurs von BMW darunter leiden, dass Hypothekenanbieter wie New Century Chart zeigen allzu locker Kredite vergeben und weitergereicht haben? Anbieter von Subprime Loans, die Darlehen an Kunden mit schwacher Bonität vergeben, machen etwa 20 Prozent des US-amerikanischen Hypothekenmarkts aus: Dieser Sektor dürfte kaum groß genug sein, um die Weltbörsen in die Knie zu zwingen.

Auch die beteiligten Banken dürften eine Krise in diesem Sektor überstehen. Im Fall einer Insolvenz von New Century drohen zwar offene Verpflichtungen von rund acht Milliarden Dollar - doch Investmentbanken haben in den vergangenen Jahren am Handel mit Problemkrediten glänzend verdient und dürften auch den einen oder anderen Ausfall locker wegstecken, zumal ihnen ja noch die beliehenen Häuser zur Verwertung bleiben. Selbst wenn von Subprime Loans im Volumen von geschätzten 700 Milliarden Dollar knapp die Hälfte ausfallen sollte, werden die Banken das verdauen. Ärgerlich nur, dass damit auch ein für sie äußerst lukratives Kreditkarussell abrupt zum Stillstand käme.

Variable Zinsen als Gefahrenquelle

Die entscheidende Frage ist daher, ob die Schockwellen auf dem US-Immobiliensektor kräftig genug sind, um auch den privaten Konsum in den USA ins Wanken zu bringen. Dann hätte die US-Konjunktur, die zu zwei Dritteln von den nimmermüden US-Konsumenten gestützt wird, ein ernsthaftes Problem. Und dann hätten der Dow Jones Chart zeigen und natürlich auch der Dax Chart zeigen ein Problem.

Analysten der US-Banken Goldman Sachs Chart zeigen und Merrill Lynch Chart zeigen befürchten solche Dominoeffekte. Ein zentraler Risikofaktor liegt laut Goldman Sachs in den variabel verzinsten Krediten: Wurden im Jahr 2004 noch 19 Prozent solcher Kredite an Kreditnehmer ohne Eigenkapital vergeben, waren es im Jahr 2005 bereits 57 Prozent. Das bedeutet: Die Mehrzahl der Kreditnehmer dürfte bei der nächsten anstehenden Zinserhöhung in Schwierigkeiten geraten. Sie haben kein finanzielles Polster, aber eine hohe Zinslast zu stemmen.

"Die Beleihungsgrenze wurde oft mit 100 Prozent des Kaufpreises angesetzt", sagt Fondsmanager Michael Keppler. "Seitdem sind die kurzfristigen Zinsen von 1 auf 5,25 Prozent gestiegen – und mehr und mehr dieser Hypotheken werden Not leidend." Dies hat unangenehme Konsequenzen.

Mögliche Wachstumsrezession

Nach Branchenschätzungen betrifft dieses Problem rund acht Millionen Hauskäufer in den USA. Nach Einschätzung des Center for Responsible Lending dürften in den USA in naher Zukunft mehr als zwei Millionen Häuser gerichtlich beschlagnahmt und zwangsversteigert werden. Während Millionen Häuser auf diesem Weg zu günstigeren Preisen auf den Markt kommen werden, dürfte die Zahl der potentiellen Käufer abnehmen: Steigende Zinsen machen Finanzierungen unattraktiver, und viele Interessenten ohne Eigenkapital dürften Probleme haben, überhaupt noch ein entsprechendes Darlehen zu bekommen.

Immer noch ein hohes Niveau: Der Dax im Vergleich zu den Vorjahren
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"Es wurde umgeschuldet, Darlehen wurden zu günstigen Konditionen aufgenommen und auch an Personen vergeben, die sonst durch das Kreditraster fallen würden", sagt der Kölner Vermögensverwalter Markus Zschaber.

Die Banken, die mit billigem Geld der Notenbank das Spiel mit Krediten weiter angefacht haben, tragen eine Mitverantwortung an der aktuellen Situation.

Ein wachsendes Immobilienangebot trifft auf eine sinkende Nachfrage: Dies könnte einen Preisrutsch bei Immobilien von rund 10 Prozent zur Folge haben, schätzen die Analysten von Merrill Lynch. Allein dieser Prozess dürfte die USA einen halben Prozentpunkt Wachstum kosten. Merrill Lynch spricht zwar nicht von einer drohenden Rezession, aber immerhin von einer "Wachstumsrezession".

Schluss mit Powershopping

Ein möglicher rascher Verfall der Häuserpreise bringt nicht nur diejenigen US-Bürger in ernste Schwierigkeiten, die ihre Immobilie ohne Eigenkapital finanziert haben. Er belastet auch die große Zahl US-Bürger, die ihren Konsum in den vergangenen Jahren mithilfe stetig steigender Häuserpreise finanziert, also weitere Konsumentendarlehen auf ihre Häuser aufgenommen haben.

"Die Subventionierung des privaten Verbrauchs ist durch Beleihung nicht realisierter Buchgewinne aus dem Immobilienbereich unterfüttert worden", sagt Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. Greift die Krise auf diese Gruppe über, dürfte es mit dem Powershopping vorbei sein. "Erst ein Drittel der Krise ist nach unseren Einschätzungen bewältigt", so Hellmeyer. "Am Ende dieses Prozesses dürfte das die US-Wirtschaft nahe an eine Rezession führen."

Überdrehtes Kreditkarussell

Ein ungemütliches Szenario. Geradezu reflexartig verweist Merrill Lynch mal wieder auf einen Retter in der Not. Die US-Notenbank, die mit ihrer Niedrigzinspolitik erst die Grundlagen für den munteren Kredithandel gelegt hat, soll mit Zinssenkungen um 100 Basispunkte die US-Wirtschaft vor Schlimmerem bewahren. Die Zinswende, auf die viele Marktteilnehmer bereits warten, käme dann rascher als vermutet.

Die Risiken, die vom US-Immobilienmarkt ausgehen, sind also kaum zu begrenzen und daher nicht zu unterschätzen. Möglicherweise tragen ein weiterhin stabiler US-Arbeitsmarkt und Zinssenkungen der Notenbank dazu bei, dass sich die Situation beruhigt und der Immobilienmarkt in "gesundem Tempo" abkühlt.

Dax-Aktionäre können zwar weiterhin darauf verweisen, dass Deutschlands große Konzerne bestens verdienen und der deutsche Immobilienmarkt nicht ansatzweise mit der Situation in den USA vergleichbar ist. Sollte aus der Hypothekenkrise jedoch eine Konsumkrise in den USA werden, wird ihnen dieser Hinweis nichts nützen. Dann werden auch Aktionäre von Siemens Chart zeigen, BASF Chart zeigen und BMW Chart zeigen den Tribut dafür zahlen, dass US-Banken und Konsumenten das Kreditkarussell überdreht haben. Auch das ist Globalisierung.

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