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US-Kreditkrise: Wie Fannie und Freddie Milliarden verzockten

Von , New York

Mit einer dramatischen Rettungsaktion hat die US-Regierung die Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac vor dem Kollaps bewahrt. Es ist ein einzigartiger Eingriff des Staates in die Privatwirtschaft - die Rechnung bezahlt der Steuerzahler.

New York - Immerhin, eine gute Nachricht gibt es: Die US- Hypothekenzinsen sind so niedrig wie lange nicht mehr. Knapp über sechs Prozent liegt der Durchschnittssatz bei 30 Jahren Laufzeit. "Meine Empfehlung", sagte der Hypothekenbroker Arnold Martin aus Georgia dem TV-Wirtschaftssender CNBC am gestrigen Montag: "Sobald Sie eine Immobilie gefunden haben, sollten sie diesen Zinssatz schnell festzurren."

Freddie-Mac-Zentrale: Spekulationen auf Kosten der Steuerzahler
Getty Images

Freddie-Mac-Zentrale: Spekulationen auf Kosten der Steuerzahler

Doch selbst dazu gehört heutzutage Mut. Denn ansonsten sieht es ziemlich düster aus in der amerikanischen Immobilien- und Finanzbranche. Eine Hiobsbotschaft jagt die andere, immer mehr Banken schlittern ins Unheil, und die Wall Street schwankt jeden Tag aufs Neue zwischen Hoffnung und Panik.

Das gilt auch fürs jüngste Kapitel dieses Dramas. In dessen Mittelpunkt stehen zwei ebenso gigantische wie obskure US-Unternehmen mit seltsamen Namen: Fannie Mae und Freddie Mac. Fannie und Freddie, wie sie meist nur genannt werden, sind die beiden größten Hypothekenfinanzierer der USA: Fast die Hälfte aller US-Hypotheken sind über sie abgesichert - insgesamt 5,2 Billionen Dollar.

Vorübergehende Beruhigung

Zwei wichtige Räder im Getriebe also - obwohl kaum einer so richtig weiß, wie sie funktionieren. Fest steht: Als Fannie und Freddie jetzt mit in den Teufelskreis der Finanzkrise gerieten, griff die Regierung ein. Mit einer einzigartigen Milliardenspritze und der Zusicherung, einen Kollaps der beiden Firmen zur Not auch durch eine Quasi-Verstaatlichung zu verhindern, versuchten Finanzministerium und Zentralbank, die Börsianer zu beruhigen.

Das gelang aber nur vorübergehend: Der Dow-Jones-Index legte am Montag zunächst gewaltig zu, schmierte dann aber im Lauf des Tages wieder ab und schloss 45 Punkte im Minus.

Denn die saftige Rechnung, so viel war klar, dürfte am Ende dem US-Steuerzahler präsentiert werden: Fannie und Freddie stehen vor weiteren Riesenverlusten - und die wird die Regierung nun aus der Staatskasse begleichen müssen. Das ist eine frappierende Entwicklung für ein Land, dem die private Marktwirtschaft heilig ist. "Ich verstehe nicht, woher diese Kerle die Dreistigkeit haben, sich unser Geld, unser Steuerzahlergeld zu nehmen", schimpfte Großinvestor Jim Rogers, der frühere Geschäftspartner des Hedgefondskönigs George Soros, am Montag auf Bloomberg TV.

Hinter der Saga von Fannie und Freddie steckt aber noch viel mehr. Sie wirft nicht nur die Frage auf, wie weit sich die US-Regierung in den Finanzmarkt einmischen soll, der sich im Moment von alleine wohl nicht mehr aufrichten kann. Auch offenbart sie die langjährige Komplizenschaft der maroden Kreditkolosse mit Washingtons Machthabern beider Parteien - eine Komplizenschaft, die die aktuelle Krise mit herbeigeführt, wenn nicht beschleunigt hat.

Produkt des "New Deals"

Fannie Mae, 1938 gegründet, war ein Produkt des "New Deals", jenes Pakets aus Wirtschafts- und Sozialreformen des damaligen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt. Der Name ist ein volkstümliches Kondensat seines Akronyms FNMA (Federal National Mortgage Association). Aufgabe: für einen florierenden US-Immobilienmarkt zu sorgen, jenen "American Dream" vom Eigenheim, indem es Hypotheken finanziert und so die Liquidität aufrechterhält. Dazu "bündelt" Fannie Mae die Kredite der Banken zu enorm komplexen Investitionsobjekten - jene Objekte, die die USA nun in den Krisensumpf gelockt haben.

Um diesen Hypotheken-Zweitmarkt auszuweiten, schuf der US-Kongress 1970 per Gesetz ein weiteres solches Unternehmen, die Federal Home Loan Mortgage Corporation (FHLMC) - Freddie Mac. Gemeinsam übernehmen und garantieren die Zwillinge seither jedes Finanzierungsrisiko der Kreditgeber.

Anders aber als die großen Wall-Street-Häuser wie Merrill Lynch, die ähnlich mit Hypotheken spekuliert haben, doch die Folgen überwiegend auf eigene Kosten ausbaden müssen, sind Fannie und Freddie Zwitterkonstrukte: Aktiengesellschaften - doch zugleich "von der Regierung gesponserte Unternehmen" (GSE), also Firmen unter ständiger Schirmherrschaft Washingtons. Will heißen: Gewinne kommen den Shareholdern zugute, Verluste aber trägt am Ende der Staat - sprich der Steuerzahler.

Anrüchige Symbiose

Es war ein unausgesprochenes, an der Wall Street allgemein so akzeptiertes Motto - eine einmalige, leicht anrüchige Symbiose zwischen Privatwirtschaft und Staat, die Kritiker seit langem vergeblich anprangern. Fannie und Freddie genossen bessere Kreditkonditionen als andere Firmen, bessere Steuersätze, laxere Aufsicht - und freie Bahn. Ungestraft blähten sie sich zu Monstern auf, ohne jemals echte Konsequenzen fürchten zu müssen. Denn immer bestand das stille Einverständnis, dass die Regierung die Löcher notfalls stopfen würde - ein Horrorszenario, das jetzt wahr wurde.

"Sie nutzten ihre privilegierte Position als Lieblingskinder der Regierung, um den privaten Markt zu dominieren, während die Steuerzahler für Verluste haftbar waren", sagte der Ökonom Martin Baily der "New York Times". "Das entspricht kaum einer freien Marktwirtschaft."

Dieses System wurde von einem engen Netzwerk zwischen Fannie, Freddie, Politik und Wall Street getragen. Die Firmen kneteten Washington mit ihren Lobbyisten weich. Pensionierte Politiker - und oft ihre Verwandten - fanden den Weg in die gut bezahlten Ränge von Fannie und Freddie, Republikaner wie Demokraten. Und die Wall Street sahnte derweil die Milliarden des langen Immobilienbooms und der Hypothekenspekulation ab.

Private Gewinne - sozialisierte Verluste

Beispiel: Von 1991 bis 1998 war James Johnson Vorstandschef von Fannie Mae. Johnson, ein demokratischer "Power Broker" mit allerbesten Beziehungen, war zuvor Wahlkampfberater und Assistent des früheren Vizepräsidenten Walter Mondale. Zuletzt spukte er durch die Schlagzeilen, als er die Suche Barack Obamas nach einem Vizekandidaten leiten sollte. Davon trat Johnson aber zurück, als herauskam, dass er privat begünstigte Hypotheken zugeschustert bekommen hatte - von Countrywide, der US-Hypothekenbank im Zentrum des Kreditsturms.

Die roten Zahlen, die Fannie und Freddie in der jüngsten Krise geschrieben haben, scheinen angesichts der Größe der Firmen zunächst noch tragbar: Seit Mitte 2007 verlor Fannie Mae rund 7,2 Milliarden Dollar und Freddie Mac rund 4,6 Milliarden Dollar. Dramatischer dagegen ist der gesamte Schuldenberg, den sie aufgehäuft haben - insgesamt mehr als 1,5 Billionen Dollar.

Hinzu kam nun der subjektive, von vielen anderen, atmosphärischen Faktoren gesteuerte Vertrauensverlust der Shareholder. Beide Aktien sind über die vergangenen zwölf Monate dramatisch abgestürzt: Fannie um 90 Prozent, Freddie vorübergehend sogar um 95 Prozent. So wurde es immer schwerer, Kapital für die Abfederung der Verluste aufzubringen.

Auswirkungen auf globale Finanzmärkte

Nicht nur US-Investoren sorgen sich. Fannie und Freddie bieten ihre Investmentprodukte auch auf den globalen Finanzmärkten an: Sie finden sich in Portfolios von Zentralbanken, Pensionsfonds und Hedgefonds in Europa, Russland, Asien, Südamerika. Ein Kollaps dieses Geschäfts hätte weitreichende Folgen.

Und so zog die US-Regierung am Wochenende die Notbremse. Sie bat den Kongress um eine Erhöhung der Kreditlinie für die beiden Firmen auf angeblich bis zu 300 Milliarden Dollar - und um die Befugnis, selbst Fannie- und Freddie-Aktien kaufen zu können, um ihnen "genügend Kapital" zu verschaffen. Zugleich öffnete die Federal Reserve Bank den Unternehmen ihr billiges "Diskontfenster", um kurzfristige Finanzierungsengpässe zu überbrücken.

Washington scheint keine Wahl zu haben. Doch schon warnen Kritiker vor einem solchen "Bailout": Dies belohne die Sünden der Firmen nur. Es komme, so Finanzexperte Todd Harrison, dem Motto gleich: "Gewinne privatisieren, Verluste verstaatlichen." Andere fragen, warum Firmen wie die untergegangene Investmentbank Bear Stearns keinen Zugriff auf solche "Rettungsreifen" gehabt hätten.

Es ist nicht ohne Ironie: In der Hochburg der freien Marktwirtschaft ist der Staat die letzte Hoffnung der Finanzbranche geworden. "Wenn du ein Sozialist bist", lästerte Michael Lind von der New America Foundation in der "New York Times", "dann solltest du dich freuen."

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