US-Krise Finanzwelt bangt um Versicherungsgigant AIG

Die US-Finanzbranche will eine zweite Schockwelle wie nach der Lehman-Brothers-Insolvenz verhindern. Jetzt arbeiten Experten mit Hochdruck daran, eine Pleite von AIG, der zweitgrößten Versicherung der Welt, abzuwenden. Das Unternehmen steckt in einer tiefen Krise.

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Hamburg - American International Group, AIG, ein Name und eine Abkürzung, die Bankern und Finanzexperten in aller Welt Respekt abnötigten: am höchsten bewerteter Versicherer der Welt, Bilanzsummen von über einer Billion Dollar, Rekordgewinne, in mehr als 100 Ländern im Geschäft, über 100.000 Mitarbeiter. Vor Beginn der Kreditkrise hätte niemand geglaubt, wie tief ein solches Unternehmen sinken kann.

AIG-Turm in Hongkong mit Riesenbildschirm: Der Versicherer ist die weltweite Nummer zwei
REUTERS

AIG-Turm in Hongkong mit Riesenbildschirm: Der Versicherer ist die weltweite Nummer zwei

AIG Chart zeigen ist heute immerhin noch die Nummer zwei der Versicherungskonzerne, hinter Axa Chart zeigen. Doch der Konzern taumelt. Am Wochenende wurde bekannt, dass das Unternehmen dringend 40 Milliarden Dollar benötigt. AIG-Chef Robert Willumstad, erst seit Juni auf dem Posten, blieb der demütigende Schritt nicht erspart, die US-Notenbank um einen Überbrückungskredit in dieser Höhe zu bitten. Damit sollte verhindert werden, dass Ratingagenturen das Unternehmen herabstufen - der Aktienkurs war bereits am gestrigen Montag um 60,8 Prozent auf nur noch 4,76 Dollar gestürzt und sollte nicht noch weiter einbrechen.

Doch der 62-Jährige erhielt die Finanzspritze nicht - und die Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch stuften am späten Montagabend AIG um mindestens zwei Stufen herab. Zudem kursieren Gerüchte um einen Notverkauf des Unternehmens. Damit wächst der Druck auf AIG, eine Lösung noch möglichst am heutigen Dienstag zu finden.

Analysten sind sich einig: Eine AIG-Pleite würde eine Schockwelle von vergleichbarem Ausmaß aussenden wie die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers Chart zeigen am Montag. Weltweit waren zum Wochenauftakt die Aktienkurse eingebrochen, Experten sprachen von einem "Schwarzen Montag" und einem "Tsunami", der über die Märkte gefegt sei.

Ein zweites derartiges Beben soll unter allen Umständen vermieden werden. Die US-Zentralbank bat die beiden Großbanken Goldman Sachs Chart zeigen und J. P. Morgan Chase Insidern zufolge, eine Möglichkeit zu finden, AIG durch einen kurzfristigen Kredit am Leben zu erhalten. Eine Summe von 75 Milliarden Dollar sei im Gespräch. Aus anderen Kreisen hieß es, die Investmentbank Morgan Stanley Chart zeigen sei damit beauftragt worden, "alle Optionen für AIG" zu prüfen.

Am Finanzmarkt verspekuliert

AIG hatte schon im vergangenen Monat erklärt, eine Zurückstufung der Kreditwürdigkeit um eine Stufe würde erfordern, neue Sicherheiten im Volumen von 13,3 Milliarden Dollar beizubringen - ein niedrigeres Rating verteuert die Kreditaufnahme. Damit würde die Handlungsfähigkeit des Unternehmens erneut drastisch eingeengt.

Auch der New Yorker Gouverneur sprang dem Versicherer zur Seite: David Paterson teilte mit, dass AIG ausnahmsweise auf Einlagen von Tochterunternehmen zurückgreifen dürfe, um an Kapital zu kommen. Paterson erklärte, er habe dazu die zuständige Aufsichtsbehörde des Staates New York ersucht, AIG zu erlauben, sich selbst ein Überbrückungsdarlehen zu gewähren. Paterson will außerdem mit der US-Aufsichtsbehörde über weitere Kredite an den Versicherungskonzern sprechen.

AIG leidet wie viele andere Versicherer unter der Verschlechterung der Kreditbedingungen im Zuge der Hypothekenkrise. Sorge bereitet Anlegern vor allem, dass die riskanten sogenannten "strukturierten" Finanzmarktprodukte, die AIG versichert hat, sich immer mehr als faul herausstellen könnten. Moody's begründete die Herabstufung mit der "anhaltenden Verschlechterung des US-Immobilienmarktes und den daraus folgenden Auswirkungen" auf AIG.

Bilanzskandal brachte 2005 erste Kratzer

Nicht nur der Börsenwert, auch der Umsatz ist dem Konzern dramatisch weggebrochen. So erwirtschaftete AIG in der ersten Jahreshälfte 2008 einen Umsatz von knapp 34 Milliarden Dollar, 45 Prozent weniger als im Vorjahr (knapp 62 Milliarden Dollar). Im Juni entließ das Unternehmen Vorstandschef Martin Sullivan. Der hatte noch Ende 2007, Monate nach Beginn der Immobilienkrise in den USA, behauptet, die AIG-Verluste seien "überschaubar". Aktionäre warfen ihm jedoch nach zwei milliardenschweren Quartalsverlusten einen "atemberaubenden Ausfall der Risikokontrolle" vor - das Vertrauen der Eigner war dahin. Inzwischen ermittelt auch die US-Börsenaufsicht SEC gegen den Konzern.

Erste Kratzer hatte das Image des einstigen Vorzeigeunternehmens 2005 erhalten, als der damalige Chef Maurice Greenberg gehen musste - wegen eines Skandals um unsaubere Bilanzen. Greenberg hatte AIG in vier Jahrzehnten mit aufgebaut, seit seiner Entlassung machte er gegen seine Nachfolger Stimmung.

Der jetzige AIG-Chef Willumstad hat sich für den Fall, dass das Unternehmen die Krise überlebt, viel vorgenommen. Das komplette Geschäft, in erster Linie Versicherungen, aber auch Vermögensverwaltung und Flugzeugleasing, soll neu bewertet werden. Ein AIG-Sprecher sagte, Sparten wie die weltgrößte Flugzeugleasing-Tochter ILFC sollten verkauft werden.

Mit Material von Reuters und AP



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