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US-Management-Ikone: Wirtschaftskrise erfasst Industriegiganten General Electric

Von , New York

Wird GE, Industrie-Ikone amerikanischer Unverwüstlichkeit, das nächste Opfer der Kreditkrise? Die Aktie des sechstgrößten US-Konzerns ist abgesackt, Analysten zeichnen eine triste Zukunft. GE-Chef Immelt dementiert auf allen Kanälen - vergeblich.

New York - Die guten, alten Zeiten sind vorbei, auch in Manhattan. Das zeigte sich neulich nicht zuletzt, als der Rainbow Room and Grill sein Ableben ankündigte. Der legendäre Art-Deco-Ballsaal mit Nobelrestaurant im 65. Stock des Rockefeller Centers - von Touristen als Muss umschwärmt, von Gourmets als Abzocke geschmäht - wird Anfang August dicht machen.

GE-Turbine für Boeings 777
AFP

GE-Turbine für Boeings 777

Grund: die Wirtschaftskrise. Die Gastro-Dynastie Cipriani, die den Rainbow Room betreibt, kann die sechs Millionen Dollar Jahrespacht nicht länger aufbringen. Im Rechtsstreit mit dem Gebäude-Eigner, dem Immobiliengiganten Tishman Speyer, verfügte ein Richter nun die Schließung des 1934 eröffneten Wahrzeichens, wo ein "Dinner for Two" leicht auf 600 Dollar kommen kann. Das kann und will sich heute keiner mehr leisten.

Aber auch zwölf Etagen unterhalb des Rainbow Rooms wächst die Rezessionssorge. Hier, im 53. Stock, hat Jeffrey Immelt sein Büro, der Vorstandschef des Industriekonglomerats General Electric (GE) Chart zeigen, dessen Initialen riesig-rot am Dach des Wolkenkratzers leuchten. Seit 1986 ist der sechstgrößte US-Konzern, der auf den Erfinder Thomas Edison zurückgeht, als Hauptpächter im Rockefeller Center ansässig.

"Es ist wie eine Pest"

Viel US-Historie also in "30 Rock", wie der mächtigste dieser Kollektion aus Skyscrapern dank seiner Adresse meist nur genannt wird - Historie, die jetzt von der Kreditkrise bedroht ist. Denn wie der Rainbow Room gerät nun auch der globale Multi GE, jene unverwüstliche Ikone amerikanischer Beständigkeit, in den Strudel der Misere.

Die Menetekel sind einem vertraut: Wachsende Schuldenlast, kollabierender Aktienkurs, dramatische Dividendenkürzung, heimliche Milliardenverluste, Trommelfeuer der Medien, Dementis der Konzernspitze. All das hat man schon mal gehört, stets mit elenden Folgen - bei Bear Stearns Chart zeigen (seither untergegangen), Lehman Brothers Chart zeigen (untergegangen), AIG Chart zeigen (am Regierungstropf), Merrill Lynch (verkauft), Citigroup Chart zeigen (am Regierungstropf).

Doch nun GE? Einer der unerschütterlichsten, vielseitigsten Mischkonzerne der Welt? Heimat von Glühbirnen und Flugzeugtriebwerken, Kühlschränken und Lokomotiven, Mikrowellen und des Medienimperiums NBC Universal?

"Es ist wie eine Pest", sagte Michael Lewitt, der Präsident der Investmentfirma Harch Capital Management, der "New York Times" über die grassierende Insolvenz der US-Wirtschaft. "Und nun ist sie auf GE gelandet." Finanzautor Jerry Useem fügte ein Stoßgebet hinzu: "Wenn GE in der Klemme steckt, dann helfe uns Gott."

Aktie büßt mehr als 70 Prozent ein

Dass GE Probleme hat, offenbarte sich spätestens am Montag, als Immelt zum dritten Mal in sechs Tagen an die Presse trat, um zu beteuern, dass GE keine anderen Probleme habe als alle anderen auch. "Die ganze verdammte Börse ist 50 Prozent runter, wir sind 75 Prozent runter, okay?", sagte er dem Wirtschaftsdienst Bloomberg. "Uns gefällt das nicht, aber es ist ja nicht so, dass es sonst jemandem gut geht." Dass er in diesem Zusammenhang das Wort "Armageddon" benutzte, war weniger geschickt.

In der Tat hat die GE-Aktie in einem Jahr mehr als 70 Prozent eingebüßt und fiel zeitweise sogar um fast 80 Prozent auf den tiefsten Stand seit 1991. Immelts Schwüre klingen dabei für viele nur noch leer: Im Januar hatte er noch versichert, dass er die Dividende nicht kürzen werde, vier Wochen später kürzte er sie dann doch, von 1,24 Dollar auf 40 Cents - zum ersten Mal überhaupt seit 1938, als sich die USA gerade aus der großen Depression lösten.

GE - dessen offizielle Zentrale in Connecticut liegt - galt lange als einer der solidesten Weltkonzerne, mit einem enormen Portfolio aus Firmen und Sparten. Es war 1896 eine der zwölf Originalfirmen im Dow-Jones-Index Chart zeigen und ist die einzige, die noch übrig ist. Die Namen seiner Tochterfirmen schrieben Legende: NCR, RCA, NBC. Die Marke GE gilt in der Marketingbranche als viertbeste Marke der Welt, nach Coca-Cola Chart zeigen, IBM Chart zeigen und Microsoft Chart zeigen.

Seit Anfang 2008 aber hat der weltgrößte Hersteller von Kraftwerksturbinen, Flugzeugtriebwerken und Röntgengeräten mehr als 260 Milliarden Dollar an Marktwert verloren - nicht zuletzt dank seines Engagements im Immobilien- und Kreditmarkt. Kein Wunder, das GE in der "Vertrauenskrise" ("Wall Street Journal") steckt: Viele Investoren, für die GE bisher ein Fels in der Brandung war, suchen zu Scharen das Weite - oft eine Ouvertüre für Schlimmeres.

Beruhigungsbriefrief an Aktionäre

Dabei geht es dem GE-Kerngeschäft gar nicht mal schlecht. Die Sorgen drehen sich vielmehr um die GE-Finanztochter GE Capital, die mit steigenden Kreditkosten und Ausfallraten kämpft. GE Capital ist weltweit vernetzt, mit Kunden in mehr als 35 Ländern, und ist einer der Top-Investoren in Geschäftsimmobilien wie Bürogebäude und Einkaufszentren - Sparten, die dem Konzern Ende 2008 allein rund vier Milliarden Dollar Verluste bescherten.

"GE Capital gilt zurzeit als sehr riskant", sagte Tim Backshall, Chefstratege der Researchfirma Credit Derivatives Research, dem "Wall Street Journal". Auch andere Analysten vermuten, dass GE Capital ironischerweise bald selbst Kapital brauchen oder von GE per Spin-off ganz abgetrennt werden könnte. Die Spekulationen heizten sich nur noch auf, als GE Capital Anleihen für acht Milliarden Dollar abstieß.

Die Agenturen Moody's und Standard & Poor haben das bisher perfekte AAA-Kreditrating von GE - jene magische Formel, die es GE erlaubt, sich billig Geld zu leihen - unter "Review". Es wird erwartet, dass sie GE herabstufen, was das Unternehmen vor zusätzliche Kapitalprobleme stellen würde.

Prompt schickte das GE-Management letzte Woche einen beruhigenden Brief an die Aktionäre: Behauptungen, GE gehe das Kapital aus, seien "inkorrekt" und "reine Spekulation". Man verfüge über 63 Milliarden Dollar Eigenkapital und 36 Milliarden Dollar Cash - ein Polster, von dem andere nur träumen können.

Die Analysten sind unbeeindruckt. Zu oft, so ist zu hören, habe GE ihnen Sand in die Augen gestreut, mit teils obskuren Bilanzen und "den üblichen Spielchen zum Quartalsende", so Joe Nocera, Wirtschaftskolumnist der "New York Times". Der Schleier werde jetzt weggerissen "und der Zauberer von Oz demaskiert".

Jeff Zucker ist weiterhin der "Lieblingskerl"

GE Capital stehe vor einem fundamentalen "Abwärtstrend", schrieben Nicholas Heymann und Matthew Kelley von Sterne Agee in einer Notiz an Investoren. Die befürchtete Konsequenz: "Eine ausgedehnte Periode anhaltend niedriger Umsätze, erschöpfter Verlustrückstellungen, niedriger Kreditfähigkeit, steigender Kreditkosten."

Immelt - der auf seinen Jahresbonus von bis zu zwölf Millionen Dollar verzichtet hat - macht fleißig die Runde durch die Redaktionsstuben. Derweil müht sich Finanzchef Keith Sherin, im Wirtschaftssender CNBC (der GE gehört) sowie bei Bloomberg, "Forbes" und der "New York Times" die Wogen zu glätten: "Bei GE gibt es keine Zeitbombe." Für Donnerstag kommender Woche hat GE Analysten und Investoren nach New York eingeladen, zu einer "Deep-Dive"-Tagung, auf der Sherin und GE-Capital-Chef Mike Neal die Lage näher erläutern würden.

Neben einer möglichen Abspaltung von GE Capital und einer Kapitalspritze durch die US-Regierung wird hier immer wieder auch eine Trennung von der Medientochter NBC Universal debattiert - und von GE sofort dementiert. NBC-Chef Jeff Zucker, betonte Immelt erst im Februar, sei weiterhin sein "Lieblingskerl".

Ein NBC-Spin-off wäre eine wirklich ironische Lösung: "30 Rock", eine NBC-Sitcom mit Star-Komödiantin Tina Fey, macht sich wöchentlich über die große Konzernmutter lustig. Alec Baldwin spielt darin den kruden, dummen, geldgierigen GE-Manager Jack Donaghy, den "Vizepräsidenten für Ostküsten-Fernsehen und Mikrowellenherd-Programmierung". Die größte Qualität eines GE-Mitarbeiters, erklärte der in einer Folge, sei "das Talent, folgen zu können".

Immelt behauptet, er könne über so etwas laut lachen. Die dazugehörigen Clips auf der Video-Website YouTube ließ GE inzwischen jedoch wieder entfernen - "aus Copyright-Gründen".

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