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US-Medien: Das große Fressen

Von , New York

Washington will die Vorschriften gegen die Medienkonzentration dramatisch lockern. Davon profitieren vor allem der TV- und Zeitungsmagnat Rupert Murdoch und Konglomerate wie Viacom, Disney und AOL Time Warner, die ihre Monopole weiter ausbauen können. Medienwächter und selbst konservative Kongress-Republikaner sind entsetzt.

New York - Rupert Murdoch sendet auf allen Kanälen. Zumindest ist das die Version einer ganzseitigen Anzeige, die gestern in der "New York Times" erschien. Dort schimmerte die Miene des erzkonservativen Medienmoguls gleich durch vier identische Fernseh-Mattscheiben, stellvertretend für die vier großen, landesweiten US-Networks: CBS, NBC, ABC und Fox. "Dieser Mann", warnte eine fette Schlagzeile dazu, "will die Nachrichten in Amerika kontrollieren."

Jetzt schon kontrolliert Murdoch in den USA die Nachrichten auf seinem Haussender Fox, dessen Kabelschwester Fox News, sieben anderen Spezial-Kabelkanälen, 34 lokalen TV-Stationen und seinem politischen Presse-Sprachrohr, der knallig-rechten Boulevardpostille "New York Post". Bestätigen sich aber die Befürchtungen einer Gruppe von Medienwächtern, die für besagte Anzeige verantwortlich zeichnen, greift der Australier in den USA demnächst nach der totalen Macht - mit tatkräftiger Hilfe des Weißen Hauses.

Anlass des Aufruhrs sind die Pläne der staatlichen US-Kommunikationsbehörde FCC, die Monopolsperren gegen Medienkonzentration, 1996 unter Bill Clinton erlassen, entscheidend zu lockern und teilweise ganz aufzuheben. Dazu will die FCC unter Leitung ihres Vorsitzenden Michael Powell (Sohn von Außenminister Colin Powell) und mit stiller Billigung des Weißen Hauses am Montag über eine 200-Seiten-Vorlage abstimmen, getarnt unter dem Bürokratentitel "Zweijährige Regulierungsrevision". Die drei republikanischen FCC-Kommissare haben bereits ihre Zustimmung signalisiert; die zwei Minderheitsvertreter der Demokraten wollen wacker widersprechen.

Folgenschwerste Umwälzung der US-Medienlandschaft

Hinter dem Papier mit dem sperrigen Aktenzeichen 02-277/01-235/01-317/00-244 verbirgt sich die folgenschwerste Umwälzung der US-Medienlandschaft seit Jahrzehnten. Demnach darf ein Network fortan nach Belieben Lokalsender aufkaufen, bis es fast die Hälfte des US-Fernsehmarkts besitzt (derzeit liegt die Obergrenze bei 35 Prozent). Die "Duopol"-Regel, wonach Networks nicht mehr als zwei direkt konkurrierende Tochterstationen besitzen dürfen, wird ebenfalls aufgeweicht. Auch wird den Konzernen künftig erlaubt, im selben Regionalmarkt sowohl TV- und Radio- wie auch Print-Objekte zu besitzen.

Lobbyarbeit hatte Erfolg: Medien-Tycoon Murdoch
AP

Lobbyarbeit hatte Erfolg: Medien-Tycoon Murdoch

Gewinner wären nicht nur die TV-Konglomerate - Murdochs News Corp., Viacom (CBS), General Electric (NBC), Disney (ABC) und AOL Time Warner (WB Network) -, die sowieso bereits 75 Prozent aller US-Fernsehzuschauer erreichen. Auch traditionelle Pressehäuser, von denen viele in ihren Heimatstädten dank großzügiger FCC-"Ausnahmeregelungen" bereits auf ein News-Monopol zusteuern, könnten ihr Expansionstempo verschärfen.

Der Tribune-Verlag aus Chicago etwa: Bereits jetzt besitzt er in Chicago die "Chicago Tribune" und die TV-Station WGN, in New York die Tageszeitung "Newsday" und den Sender WPIX und in Los Angeles die "Los Angeles Times". In New York könnte Murdoch seiner "Post" (der "Bild"-Zeitung Manhattans, nur böser) die kränkelnde Rivalin "New York Daily News" einverleiben. Obwohl er eigentlich auf größere Beute schielt: Mit der Übernahme des Satellitennetzes von DirecTV für 6,6 Milliarden Dollar (welche der US-Kongress nur noch formell billigen muss) hätte er Zugang zu 11,3 Millionen neuen US-Haushalten - und gleichzeitig die elektronische Vertriebskontrolle über die Konkurrenz. Wenn ihm die ins Gehege kommt, kann er sie dann einfach abschalten.

Massiver Protest der Öffentlichkeit

Bei diesen Aussichten wird es selbst einem Murdoch-Konkurrenten der alten Garde mulmig. "Wir rasseln in eine Situation, die unserer Gesellschaft schaden wird", sagt CNN-Gründer Ted Turner, der sich von seinem Mutterhaus AOL Time Warner zusehends distanziert. "Fünf Konzerne, die kontrollieren, was wir lesen, sehen und hören - das ist ungesund." Frank Rich, Chef-Kulturkritiker der "New York Times", prophezeit eine "Konsolidierung der kulturellen Macht". Sein sonst so regierungstreuer Kollege William Safire erschaudert ebenfalls: Er wähnt "das große Medienfressen".

18.000 öffentliche Stellungnahmen gingen nach der Publikation der bislang offiziell geheimen Vorschriften bei der FCC ein. Über 95 Prozent davon waren kritisch. Gewerkschaftsführer und Verbrauchergruppen fordern zumindest eine Proforma-Anhörung. Fast 300 Akademiker haben Petitionen unterzeichnet, unterstützt von Rock-Stars wie Tom Petty und Patti Smith. Das Vorhaben der FCC, fasst Marvin Johnson, Justitiar der Bürgerrechtsorganisation ACLU, den allgemeinen Unmut zusammen, führe am Ende zur kompletten "Eliminierung der Meinungsvielfalt im Rundfunk, im Internet und in der Presse".

Selbst im Kongress stößt das FCC-Szenario auf Gegenwehr. Mehr als hundert Abgeordnete und Senatoren aus allen Fraktionen legten Protest ein. "Einen solchen Aufstand habe ich noch nie erlebt", sagt der frühere FCC-Kommissar James Quello.

Helfen wird es wenig. Zwar haben die Gegner jetzt Gesetzesvorlagen im Repräsentantenhaus und im Senat eingebracht, um eine Änderung der bestehenden Monopolsperren zu blockieren. Doch alle Eingaben müssen von den Handelsausschüssen der beiden Kongresskammern abgesegnet werden, und die sind fest in der Hand der FCC-Fraktion.

Lobbyarbeit hatte Erfolg

Damit erntet die Medienbranche endlich die Frucht ausdauernder Lobby-Arbeit. In den vergangenen acht Jahren, so hat das unabhängige Center for Public Integrity herausgefunden, finanzierten die betroffenen Konzerne (darunter Murdochs News Corp. und Viacom) den FCC-Bossen, damit ihnen die geneigt blieben, über 2500 "Dienstreisen". Allein FCC-Chef Powell jettete so 44-mal durch die Weltgeschichte.

Flankenschutz für die Monopolisierung kam unterdessen auch von unverhoffter Seite. In ihrem Wirtschaftaufmacher widmete sich die "New York Times", die Gralshüterin des freien Journalismus, am Montag in typischer Prosa den FCC-Plänen. Fazit: "Die Auswirkungen dürften weit milder sein, als manche voraussagen." Um das zu illustrieren, stellte die Zeitung die Medienkonzentration in zwei penibel gezeichneten Grafiken dar. Darauf fanden sich nahezu alle amerikanischen Verlagshäuser, die in Print- und elektronischen Medien zugleich engagiert sind.

Nur ein Unternehmen fehlte. Dabei ist es ein Verlag mit Jahreseinnahmen von 3,1 Milliarden Dollar und einem Stall aus 19 Zeitungen, acht TV-Stationen, zwei Radiosendern und 40 Websites - die New York Times Company.

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