US-Nobelpreisträger Krugman Der größte Triumph des Katastrophen-Orakels

Er sagte die Dotcomkrise voraus und warnte früh vor George W. Bushs Politik: Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman ist mehr als ein Ökonom von Weltrang. Der "New York Times"-Kolumnist ist Professor und Popstar in einem - er kann Prognosen genauso gut wie pointierte Thesen.

Von , New York


New York - Am Tag seiner Ehrung hatte Paul Krugman wie immer seine reguläre Montagskolumne in der "New York Times". Sie handelte von Gordon Browns Vorreiterrolle bei der Bändigung der weltweiten Bankenkrise. Des britische Premier, schreibt Krugman in seinem provokanten Stil, habe womöglich "das globale Finanzsystem gerettet" und die diskreditierte US-Regierung unter Präsident George W. Bush übertrumpft.

Ökonom Krugman: Kritik an Bush, als das noch nicht modern war
AFP

Ökonom Krugman: Kritik an Bush, als das noch nicht modern war

Krugman war schon Bushs Kritiker, bevor das als schick galt. Vor allem aber ist Krugman ein Experte, der es (wie an diesem Montag) durchaus innerhalb eines einzigen Textabsatzes schafft, die komplexen Mechanismen einer globalen Finanzkrise griffig zu erklären. Krugman ist ein Star der Ökonomenszene.

Wer daran noch zweifelte, hat es jetzt offiziell - der Mann erhält in diesem Jahr den Wirtschaftsnobelpreis. Das hat die Königlich-schwedische Akademie der Wissenschaften an diesem Montag entschieden. Zum neunten Mal in Folge geht der Titel in die USA.

Krugman bekommt ihn nicht explizit für seine polarisierenden "New York Times"-Kolumnen am Montag und Freitag, und auch nicht explizit für seinen lockeren Politblog "Das Gewissen eines Linksliberalen". Vielmehr ehrten die Preisrichter den Professor Krugman, der an der Eliteuniversität Princeton wegweisende Forschung zu Freihandel und Globalisierung betreibt.

Krugmans "Neue Handelstheorie" und seine Entwicklung einer "Neuen Wirtschaftsgeografie" erschienen dem Komitee besonders preiswürdig. Beide Ansätze sind eng miteinander verwoben - wie so vieles im globalen Handelsnetz, das Krugman besser als viele Kollegen zu entwirren versteht und das er in seinen Kolumnen so verständlich erklärt.

"Selten, wenn überhaupt war ein Wirtschaftsnobelpreisträger so bekannt, bevor er den Preis bekam", schrieb Harvard-Ökonom Edward Glaeser in einer ersten Laudatio für die "New York Times". Allerdings hätten bisher wohl die wenigsten Leser von Krugmans "enormen Leistungen" in der akademischen Szene gewusst. Dort sei er "eine wahrhaft bahnbrechende Figur".

"Früh vor Wettbewerb ohne Regeln und Vernunft gewarnt"

Die mit 1,4 Millionen Dollar dotierte Auszeichnung gilt als Signal voll aktueller politischer Bedeutung. Denn Krugman hat in seinen Kolumnen sowohl die Krise der Ära Bush als auch die weltweite Finanzkatastrophe früh vorhergesagt. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach von einer Würdigung zum richtigen Zeitpunkt: "Wie kein Zweiter hat Krugman früh vor den Risiken eines Wettbewerbs ohne Regeln und Vernunft gewarnt."

Krugman selbst reagierte auf die Nachricht von der Verleihung cool: "Für Wirtschaftswissenschaftler ist das eine Bestätigung, aber keine News", sagte er seiner Zeitung. "Für Leser der Kolumne: Vielleicht werden sie nun ein bisschen sorgfältiger lesen, wenn ich ökonomisch bin, und ein bisschen mehr Toleranz haben, wenn ich langweilig bin." Dann setzte er eine dieser typischen Krugman-Bemerkungen drauf. "Um absolut und komplett ehrlich zu sein, dachte ich mir, dass dieser Tag eines Tages kommen würde."

Genau dieser Mangel an Bescheidenheit ist es, den seine Fans so lieben - und der seine Gegner nervt.

Gegner gibt es nicht nur auf konservativer Seite. Der Autor James Fallows ("Atlantic Monthly"), beileibe kein Rechter, beschuldigte Krugman einmal der "unnötigen Rage". Und Jeffrey Garten, der als Handelsminister unter Bill Clinton oft in Krugmans Fadenkreuz geriet, bezeichnete ihn als "jemanden mit einem massiven Komplex". Krugmans öffentliche Persona ist die eines "bitteren Kritikers" ("Washington Post").

Krugman kritisiert, was andere loben

Diese medienwirksame Streitbarkeit, die Auflagen steigert und Bücher verkauft (20 bisher, die meisten davon Bestseller), kaschiert allerdings, dass Krugmans ökonomische Theorien heute weitweit als Standard anerkannt sind. Schon 1979 und 1980 verfasste er zwei wegweisende Arbeiten, in denen er der Frage nachging, warum Toyota Autos in Deutschland verkauft und Mercedes- Benz Autos in Japan. Daraus entwickelte er die "New Trade Theory", die die herkömmlichen Erklärungsmodelle für den internationalen Handelsfluss ablöste, die noch aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert stammten.

Die alten Theorien besagten, dass alle Länder verschieden sind und folglich mit verschiedenen Waren handeln: Einige exportieren Agrarprodukte, andere Industriegüter. Krugman erläuterte nun, warum der Welthandel von wenigen Staaten beherrscht wird, die sich nicht nur gleichen, sondern auch mit ähnlichen Produkten handeln.

Das Nobelkomitee nannte als Beispiel Schweden, das Autos sowohl importiert wie auch exportiert: "Diese Art von Handel ermöglicht Spezialisierung und Massenproduktion, die wiederum zu niedrigeren Preisen und größerer Warenvielfalt führt." So habe Krugman auch einleuchtend erklärt, weshalb heutzutage "ein wachsender Anteil der Weltbevölkerung in Städten wohnt".

Es war eine Leistung, die die älteste US-Ökonomenvereinigung AEA schon 1991 mit der "John Bates Clark"-Medaille würdigte, einem der renommiertesten Wirtschaftspreise des Landes. Dessen Empfänger bekamen später oft auch den Nobelpreis.

Krugman war damals 38. Jetzt, 17 Jahre später, kommt auch er endgültig in den Pantheon der Wirtschaftsweisen. Er rückt in eine Reihe mit Eli Heckscher, Bertil Ohlin und Paul Samuelson - deren Thesen er damals hinfällig machte.

Krugman erklärte die immer komplizierteren Handelsabläufe in einer immer interaktiveren Welt besser als jene verstaubten Theorien, die auf eine prä-digitale Zeit zugeschnitten waren. "Sie waren Meisterwerke", schrieb Glaeser in seiner ersten Würdigung über Krugmans Thesen. "Seine Modelle kombinierten Realismus, Eleganz und Geschmeidigkeit und boten so die Grundlage für Tausende nachfolgender Arbeiten." Mehr als 200 davon hat Krugman selbst verfasst.



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