US-Ökonom James Galbraith "Es wird höchste Zeit, die Banker für die Allgemeinheit arbeiten zu lassen"

Was darf die Rettung einer Bank kosten? Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert der renommierte US-Ökonom James Galbraith die Insolvenz von Kriseninstituten - und mehr Kontrolle durch den Staat: Denn von den Finanzmanagern sei keine Hilfe bei der Rettung des Wirtschaftssystems zu erwarten.


SPIEGEL ONLINE: Professor Galbraith, Sie kritisieren die Praxis, angeschlagene Banken mit Steuergeldern zu stützen, und fordern, sie stattdessen für insolvent zu erklären. Warum?

Hypo Real Estate in München: "Die Anreize sind pervertiert"
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Hypo Real Estate in München: "Die Anreize sind pervertiert"

Galbraith: Banken, die mit Hunderten von Milliarden Dollar gestützt werden müssen, sind faktisch insolvent. Was wir benötigen, ist ein realistisches Bild von den Verlusten, die diese Geldhäuser tatsächlich gemacht haben. Aber solange das alte Management weiter an der Spitze einer solchen Bank steht, hat es keinerlei Anreiz, bei der Wahrheitsfindung mitzuhelfen. Das ist das eine Problem, vor dem wir stehen.

SPIEGEL ONLINE: Und das andere?

Galbraith: Eine zahlungsunfähige Bank hat keinerlei Veranlassung mehr, seriöse Bankgeschäfte zu betreiben. Die Anreize sind pervertiert. Das alte Management wird eher zocken und weitere Kapitalverluste anhäufen, einfach weil die Aussicht besteht, dass die Bank ohnehin bald geschlossen wird. Nehmen wir einmal an, die Lage der Bank ist völlig hoffnungslos, oder der Vorstand ist durch und durch korrupt. Dann besteht der größte Anreiz in dieser Situation darin, die Bank zu plündern und so viel Geld mitzunehmen wie möglich, bevor das wahre Ausmaß der Schäden ans Tageslicht kommt. Dazu streichen die Manager noch in dieser Situation Boni und Dividenden ein.

SPIEGEL ONLINE: Werden wir bereits Zeugen solchen Verhaltens?

Galbraith: Die Anreize dafür sind eindeutig gegeben. Wenn eine Bank so große Verluste macht, dass ihr Eigenkapital aufgezehrt wird, dann ist eine Aufsicht dringend geboten. Das muss nicht heißen, dass die Bank geschlossen wird. In den USA geht man für gewöhnlich so vor, dass die Bank am Freitagabend schließt und Montagmorgen unter einem neuen Namen wiedereröffnet, mit einer neuen Führungsmannschaft und mit einer Kommission, die die Bücher überprüft. Sie wird versuchen, die gesunden Geschäfte und Privatkredite von den hoffnungslosen Fällen zu trennen.

SPIEGEL ONLINE: Und bei den hoffnungslosen Fällen...?

Galbraith: Da erzwingt sie Abschreibungen auf den Wert der Aktien und nachrangigen Verbindlichkeiten. Das führt dazu, dass die Anteilseigner die Verluste tragen - wie es ja auch sein soll. Dann zerlegen sie die Bank in solche Einzelteile, die Aussicht haben, bald wieder lebensfähig zu werden. Das Ganze ist ein Verfahren der Neuorganisation und Rekapitalisierung.

SPIEGEL ONLINE: Der Austausch des Managements wie etwa bei der Hypo Real Estate ist wahrscheinlich der wichtigste Schritt.

Galbraith: Ein Vorstandswechsel ist ganz entscheidend, denn erstens steht die alte Geschäftsführung in der Verantwortung, ganz gleich, ob sie eine Schuld an der Krise hat oder nicht. Und zweitens braucht man für den Umbau der Bank eine Führungsriege, die diesen Kurs im öffentlichen Interesse durchziehen will. Das ist das gleiche Prinzip wie bei der Marine: Wenn ein Schiff aufläuft, wird der Kapitän ausgetauscht, unabhängig davon, ob er den Unfall verursacht hat. Niemand käme auf die Idee, die Überprüfung des Vorfalls denen zu überlassen, die überprüft werden sollen.

SPIEGEL ONLINE: Was Sie vorschlagen, trifft zwei Personengruppen hart: den alten Vorstand und die Aktionäre der Bank.

Galbraith: Warum sorgen Sie sich? Die Anteilseigner haben bereits den größten Teil ihres Kapitals verloren. Die Citigroup-Aktie Chart zeigen zum Beispiel wurde noch vor einem Jahr zu 55 Dollar gehandelt, heute liegt sie bei deutlich unter drei Dollar. Das ist ein Verlust von rund 95 Prozent. Die übrigen 5 Prozent stehen überhaupt nur deshalb in den Büchern, weil an den Märkten mit einer Rettung durch die Regierung gerechnet wird. Selbst diese läppische Marktkapitalisierung ist also nur eine rein theoretische Größe. Jedem ist klar, dass die Bank faktisch insolvent ist. Man sollte sich auch fragen, wer denn die verbliebenen Aktionäre sind. Wer hält überhaupt noch Anteile bei diesem Wert? Die meisten dieser Teilhaber sind wahrscheinlich eingestiegen, als die Citi-Aktie noch fünf oder vier Dollar wert war. Es ist ganz klar, dass sie auf eine staatliche Bankenrettung spekulieren. Das ist nichts Verwerfliches, aber sie haben keinerlei Anspruch auf öffentliche Unterstützung.

SPIEGEL ONLINE: Und die Manager?

Galbraith: Der Bankvorstand hat seine Posten im Auftrag der Aktionäre. Die haben ihm immense Befugnisse eingeräumt und würden sich freuen, wenn es dem Unternehmen gut geht. Ist das so, profitieren davon auch die Vorstände. Die meisten von ihnen sind schon eine Weile im Geschäft und haben eine ganze Menge Geld dabei verdient. In einigen Fällen haben sie allein Boni in der Größenordnung von 20 Millionen Dollar für ein Jahr eingestrichen. Nochmals: Wenn eine Bank Schiffbruch erleidet, müssen Konsequenzen gezogen werden. Die Vorstände haben dabei keinen Anspruch auf Mitleid. Sie werden auch nicht in Armut leben. Ihnen bleibt genug, um ihren Kindern das College zu bezahlen. Gut, mancher wird das ein oder andere Haus verkaufen müssen oder seine Yacht. Das ist aber nicht schlimm. Wir nennen das "Kapitalismus". Zumindest nannten wir es bisher so. Haben wir noch ein kapitalistisches System, irgendwo auf der Welt? Vielleicht in China? (lacht) Im Leben dieser Manager ist das ein Einschnitt, keine Frage. Aber wenn wir den Vorstand einer Bank austauschen, bedeutet das keine menschliche Tragödie.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrem Vorschlag muss der Staat die Bankeinlagen absichern.



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