US-Offensive VW lockt Amerikaner mit Billig-Passat

Volkswagen hadert mit dem schwächelnden US-Geschäft. Nun sucht der Autobauer nach Wegen aus der Krise. Mit einer Billig-Variante des Passats und einer eigenen Fertigung in den Südstaaten soll die Profitwende gelingen.

Von Dietmar Krepper


Hamburg/Esslingen - Wenn Volkswagen-Chef Martin Winterkorn zuletzt auf seine US-Aktivitäten angesprochen wurde, regierte er mit entwaffnender Ehrlichkeit. "Wir sind in den USA nicht so erfolgreich, wie wir gerne wären", sagte der Auto-Manager Mitte Mai dem "Handelsblatt". Tatsächlich rechnen Konzernkreise Presseberichten zufolge in Nordamerika allein im laufenden Jahr mit Verlusten von bis zu 250 Millionen Euro.

VW-Passat: Kostenkunststück dank US-Produktion
AP

VW-Passat: Kostenkunststück dank US-Produktion

Nun ist Winterkorn nicht eben dafür bekannt, solche Schwächen als gegeben hinzunehmen. Der Volkswagen-Chef hat die ehrgeizige Zielvorgabe ausgegeben, bis 2018 den Branchenprimus Toyota als Weltmarktführer abzulösen. Und so bereitet der VW-Vormann nunmehr den Befreiungsschlag in den USA vor. Am 15. Juli wird der Aufsichtsrat das Vorstandskonzept wohl absegnen.

Das ehrgeizige Ziel: In zehn Jahren sollen auf dem amerikanischen Markt jährlich rund 800.000 Fahrzeuge verkauft werden – gut dreimal soviel wie zurzeit. Die Rolle als Preisbrecher und Kundenfänger wird bei der US-Offensive ein VW-Klassiker übernehmen: der Passat. Bisher verkauft Volkswagen sein Mittelklasse-Flaggschiff in den Vereinigten Staaten ab 25.000 Dollar. Gegenüber SPIEGEL ONLINE nannte ein VW-Top-Manager nun die Zielmarke von 21.000 Dollar, um auf dem US-Markt künftig mit der asiatischen Konkurrenz mithalten zu können.

VW-Kunden in Deutschland können angesichts solcher Preisofferten nur staunen: Beim derzeitigen Dollar-Euro-Kurs würde die Limousine umgerechnet nur rund 13.200 Euro kosten - aus europäischer Sicht kommt eine Limousine im Passat-Format in Nordamerika also zu Polo-Preisen in die US-Autohäuser.

Das Kostenkunststück gelingt, weil Volkswagen-Chef Winterkorn bei dem Vorhaben auf viel technisches Beiwerk verzichtet. Den US-Passat und auch den etwas kleineren Jetta will er dem Vernehmen nach auf der älteren Golf-IV-Basis fertigen lassen, während den EU-Modellen der Golf V zu Grunde liegt. Teure Hightech-Gimmicks wie das Hochgeschwindigkeitsfahrwerk und die Mehrlenkerachse bleiben denn auch zukünftig überwiegend den hiesigen Passat-Fahrern vorbehalten – zu Hightech-Preisen.

Zudem will Winterkorn sparen, indem er ein ähnliches Passat-Modell auch im so wichtigen chinesischen Markt anbietet. "Amerikaner und Chinesen wollen weitgehend die gleichen Autos – groß, komfortbetont, sicher und preiswert sollen sie sein", heißt es aus dem Volkswagen-Management. Was läge also näher als das gleiche technische Konzept auf beiden Automärkten zu realisieren. Ein Doppelschlag, der jede Menge Entwicklungskosten spart und Kampfpreise möglich macht.

Pläne für Südstaaten-Werk

Gleichzeitig sucht Winterkorn nach einer Lösung für das Dollar-Problem. Seit der Konzern vor 20 Jahren den Standort in Pennsylvania schloss, produziert Volkswagen nicht mehr in den USA. Entsprechend exportieren die Deutschen neben der VWs aus Mexiko Fahrzeuge aus Europa in die USA, beim aktuellen Dollarkurs ein verlustträchtiges Geschäft.

Das soll sich schnellstmöglich ändern. Die US-Varianten der neuen VW-Modelle werden ebenso im mexikanischen Puebla gebaut wie im neuen amerikanischen Montagewerk, das in zwei Jahren die Produktion aufnehmen soll. Als Standort sind die Bundesstaaten Alabama, Tennessee und Michigan im Rennen. Doch aus der Konzernspitze ist zu erfahren, dass Michigan wenig Chancen hat und alles auf die Südstaaten Alabama oder Tennessee hinausläuft.

Dafür spricht auch die Nähe zum VW-Werk in Mexiko. Puebla soll nämlich Motoren und Getriebe an die US-Fertigung liefern. Wie es aus dem Konzern heißt, peilt Volkswagen als Zielmarke einen Zulieferanteil aus dem Dollar-Raum von mindestens 80 Prozent an. Zum Vergleich: Mercedes und BMW schaffen je nach Modell gerade 40 Prozent, weil Motoren und Getriebe aus Europa zugeliefert werden. Der hohe Anteil bei VW soll die Wettbewerbsfähigkeit der Wolfsburger zusätzlich verbessern. Ein VW-Top-Manager wollte gegenüber SPIEGEL ONLINE zudem nicht ausschließen, dass auch VW-Motoren aus China eingesetzt werden könnten. Die enge Verwandtschaft sprächen dafür.

Das Nachsehen haben möglicherweise die Standorte in Deutschland. Derzeit exportiert das Werk im ostfriesischen Emden jeden zehnten Passat in die USA. Mit dem Anlaufen des US-Montagewerks liefert der Standort wohl nur noch die teuren Varianten wie das Passat Coupé CC nach Nordamerika.

Winterkorn kann sich keine Standortromantik leisten, will er seine eigenen ambitionierten Vorhaben umsetzen. Denn ohne den Turnaround in Nordamerika bleibt sein Überholmanöver gegen Toyota nicht mehr als ein frommer Wunsch. Oder wie es Winterkorn selbst ausdrückte: "Wer sich im US-Markt nicht bewährt, der verliert die Welt."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.