US-Rettungspaket Steinbrück fürchtet Nachteile für deutsche Banken

Europas Banken könnten als die großen Verlierer aus der US-Kreditkrise hervorgehen. Denn während die Regierung Bush amerikanischen Banken großzügig helfen will, müssen die hiesigen Kreditinstitute alleine mit dem Fiasko klarkommen. Finanzminister Steinbrück fürchtet Wettbewerbsnachteile für Deutschlands Banken.


Hamburg - Noch sind viele Details des Rettungsplans der US-Regierung ungeklärt, doch einige zentrale Probleme kristallisieren sich bereits heraus: Dazu gehört auch, dass die US-Banken, die jahrelang durch die Spekulation mit riskanten Derivaten gutes Geld verdient haben, jetzt mit einem Schlag von den Risiken befreit werden.

Erst verspekuliert und dann benachteiligt? Deutschlands Banken könnte die Kreditkrise gleich doppelt treffen
DPA

Erst verspekuliert und dann benachteiligt? Deutschlands Banken könnte die Kreditkrise gleich doppelt treffen

Deutsche Banken, die ebenfalls solche Papiere gekauft hatten, könnten dagegen auf ihren Verlusten sitzen bleiben, wenn sie bei der Verteilung leer ausgehen. "Das ist ein Thema", sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in einem Gespräch mit dem SPIEGEL, "aber da kann ich Ihnen noch keine Lösung aus der Hüfte schießen." Zunächst müsse abgewartet werden, "was die Amerikaner genau vorhaben".

SPIEGEL 40/2008:

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Der Preis der Überheblichkeit
Eine Wirtschaftskrise verändert die Welt

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Der dem rechten SPD-Flügel angehörende Politiker hat angesichts der Finanzkrise sogar seine Weltanschauung relativiert. Im SPIEGEL-Gespräch räumte er ein, "dass gewisse Teile der marxistischen Theorie doch nicht so verkehrt sind". Steinbrück: "Ein maßloser Kapitalismus, wie wir ihn hier erlebt haben mit all seiner Gier, frisst sich am Ende selbst auf."

Der Finanzminister rechnet damit, dass sich die Finanzarchitektur in den nächsten Jahren "global verändern wird". Der amerikanische Patient liege momentan "mit einer Lungenentzündung auf der Intensivstation". Das bedeute, "dass auch wir hier in Europa zumindest eine schwere Erkältung bekommen können". 2009 dürfte "deutlich schlechter werden als die bisher geschätzten 1,2 Prozent Wachstum".

Scharfe Kritik übte Steinbrück an Teilen der deutschen Elite: "Man muss aufpassen, dass der aufgeklärte Kapitalismus kein Legitimations-, Akzeptanz- oder Glaubwürdigkeitsproblem bekommt. Nicht nur wegen der maßlosen Gehaltsentwicklungen in manchen Bereichen. Ich meine Steuerhinterziehung und Korruption. Ich meine Skandale und Affären, wie wir sie in letzter Zeit erlebt haben, ohne dass diese verallgemeinert werden dürfen. Aber die sind sehr angreifbar für das hiesige Publikum, das damit auf Dauer sauer gekocht wird, weil es den Eindruck haben muss: Für 'die da oben' gelten keinerlei Spielregeln mehr." Da sei "einiges aus den Fugen geraten".

Auch die peinliche Panne der KfW-Millionenzahlung an die am gleichen Tag Pleite gegangene Investmentbank Lehman Brothers erzürnt Steinbrück: "Ein unsäglicher Hammer" sei das gewesen, "eine groteske Fehlhandlung". Bei so einer "idiotischen Überweisung - da flippt sogar meine 89-jährige Mutter aus", so Steinbrück.

Grundsätzlichen Nachbesserungsbedarf im deutschen Bankwesen sieht Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) trotz der Bankenkrise in den USA jedoch nicht. Hierzulande gebe es "kluge Regelungen für die Kreditvergabe", sagte Koch im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Wiesbaden. "Wir haben ein sehr vernünftiges Absicherungssystem der Banken untereinander." Es sei gut, dass sich die deutschen Banken noch kurz vor der Krise durch Fusionen gestärkt hätten. Handlungsbedarf gebe es bei dem "schwierigen Geschäftsmodell" der Landesbanken, die Zugang auch zu Privatkunden bräuchten.

Ähnlich wie Steinbrück befürchtet auch Koch dass sich die Probleme der US-Wirtschaft auch auf Deutschland auswirken werden. Durch Steuerausfälle am Bankenplatz Frankfurt werde Hessen besonders in Mitleidenschaft gezogen. "Natürlich wird die US-Bankenkrise uns besonders beschäftigen in den nächsten Wochen, weil wir diejenigen sein werden, bei denen das zuerst ankommt." Nahezu alle deutschen Banken hätten in den USA Geld verloren. Über die Finanzwirtschaft hinaus befürchte er "Auswirkungen auf die Realwirtschaft" wie den Maschinenbau und andere Branchen. Mit Prognosen sei er vorsichtig, doch sicher sei: "Unser wirtschaftliches Wachstum wird negativ beeinflusst werden durch die Krisen der letzten Wochen."

Die Frage der Globalisierung und ihrer Risiken, die sich in der Finanzkrise zeigten, werde auch im kommenden Bundestagswahlkampf eine Rolle spielen, kündigte Koch in seiner Rolle als stellvertretender CDU-Vorsitzender an.

Dabei sei die Union stets der Meinung gewesen: "Wir dürfen die globalisierte Welt in der sozialen Marktwirtschaft nicht völlig regellos daherkommen lassen." Andererseits sollte die CDU die Bürger von den Chancen überzeugen, die sich aus der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtung ergeben. "Die CDU taugt nicht als eine Partei des Angstmachens und des staatlichen Absicherns, sondern die CDU ist eine Partei, die Menschen Chancen verschafft", sagte Koch.

mik/dpa



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