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US-Rettungspaket: Wirtschaftsexperten feiern deutsche Abfuhr an Washington

Von Corinna Kreiler

Die US-Regierung kauft faule Kredite für 700 Milliarden Dollar, nun sollen auch andere Staaten einspringen - doch die Deutschen weigern sich. Gut so, sagen Experten von deutschen Wirtschaftsinstituten. Sie finden: Das Rettungspaket setzt ein falsches Signal.

Hamburg - Es ist kein Hilferuf, es ist ein Hilfeschrei: Auch andere Staaten sollten wie die USA faule Kredite aufkaufen, forderte Finanzminister Henry Paulson. Die US-Regierung stellt deshalb 700 Milliarden Dollar Steuergeld zur Verfügung und hofft, mit dieser Maßnahme das Finanzsystem wieder zu stabilisieren. Doch die deutsche Bundesregierung stellte sofort klar, was sie von dem Aufruf hält: nichts.

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Zu Recht, finden Wirtschaftsexperten: Schließlich werden die Verantwortlichen der Krise, die jahrelang hohe Gehälter und Boni kassiert haben, durch die Milliarden am Ende nicht bestraft, "sondern genauso behandelt wie alle anderen auch", sagt Carsten Meier vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW). Mit der Finanzspritze hilft die amerikanische Regierung allen auf die Beine, die sich verspekuliert haben - und verhindert so eine Bereinigung des Marktes.

Paulson kündigte an, einen fairen Preis für die faulen Kredite zu bezahlen - "genau das falsche Signal", sagt Meier. "Zu hohe Risiken sollten nicht belohnt werden." Die Deutschen lassen deshalb mit Recht die Finger von derartigen Rettungsaktionen: "Die Finanzkrise ist vor allem ein Problem in Amerika", sagt Meier. Deutschland und Europa seien deutlich weniger betroffen als die USA, die Zurückhaltung der Europäer sei deshalb richtig. "Die Stabilität des deutschen Bankensystems ist nicht gefährdet." Deshalb sollte Europa auch kein Geld bereitstellen. "Die Welt sollte nicht die Last der amerikanischen Verfehlungen tragen."

Deutschland sollte nicht noch mehr Lasten tragen

Die Finanzkrise hat bislang auch deutsche Banken getroffen: Die Institute mussten Wertberichtigungen von rund 40 Milliarden Euro hinnehmen. "Die deutschen Banken sind bereits angemessen an der Misere beteiligt", sagt Stefan Kooths vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Immerhin wurde laut dem Experten die Hälfte der faulen Kredite aus Amerika ins Ausland verkauft - und die Deutschen haben einen Großteil davon abgenommen. Das Geld ist weg. "Es gibt also keinen Grund, warum Deutschland noch mehr Lasten tragen sollten", sagt Kooths.

Das amerikanische Rettungspaket fällt bei den Experten noch aus anderen Gründen durch: Das Konzept sei nicht ausgewogen, kritisiert Diemo Dietrich vom Institut für Wirtschaftforschung in Halle (IWH). "Die Regierung kauft nur schlechte Risiken und sozialisiert damit die Verluste." An den Gewinnen, die sich die Regierung langfristig von den stabilisierten Märkten erhofft, seien die Steuerzahler nicht beteiligt.

Statt die Verantwortlichen für die Krise freizukaufen und von anderen Staaten Geld einzufordern, sollten die USA lieber politische Regelungen schaffen, die derartige Situationen in Zukunft verhindern, findet DIW-Mann Kooths: "Es sollte nicht mehr erlaubt sein, Häuser zu 100 Prozent über Kredite zu finanzieren", sagt der Experte. Auch sollten keine Kredite mehr vergeben werden, die nur auf der Wertsteigerung eines Hauses beruhen. Im Moment sind noch alle schockiert und deshalb vorsichtig. "In zehn Jahren ist die Krise vergessen, da kann so eine Situation wiederkommen."

Statt mit der milliardenschweren Finanzspritze eine Marktbereinigung zu verhindern, sollten die Amerikaner laut Dietrich lieber auf anderem Wege dafür sorgen, dass ihre Banken an frisches Geld kommen. Denn eigentlich müssten die Institute neue Aktien ausgeben, um Kapital zu erhalten. Jedoch würde keine Bank in der derzeitigen Situation freiwillig neue Papiere ausgeben, weil das ein Signal an den Markt ist, dass das Institut in Schwierigkeiten steckt.

Demzufolge schlägt Dietrich vor, dass die US-Regierung alle Banken zur Aktienemission verpflichten sollte und die Emission auch mit einem gewissen Betrag fördern könnte. Investoren würden dann Aktien derjenigen Banken zeichnen, die sie für gesund halten. Welche das sind, sei auf dem Markt durchaus bekannt, sagt Dietrich. Die Institute, denen es schlecht geht, würden pleitegehen, weil sich zu wenige Investoren finden. "Der Schritt wäre das richtige Signal an den Markt." Es würden anders als derzeit nicht diejenigen belohnt, denen es am schlechtesten geht.

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