US-Rettungsplan Die ganze Welt hofft auf die zweite Abstimmung

Sie warnen, drohen und flehen: Politiker und Notenbanker weltweit appellieren an den US-Kongress, das vorläufig gescheiterte 700-Milliarden-Dollar-Hilfspaket für die Finanzbranche schnellstmöglich zu verabschieden. Die Börsen in den USA und Lateinamerika erholten sich vom Rekord-Sturz am Montag erstaunlich gut - der Dow Jones legte mehr als vier Prozent zu.


Washington/Berlin - Die Koalition der Kritiker ist wahrhaft eindrucksvoll. Von den USA bis China, von Konservativen bis zu Linken sind sie sich einig: Die Ablehnung des 700 Milliarden schweren Finanzpakets zur Rettung der Banken im Repräsentantenhaus war ein schwerer Fehler. Die US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain machten sich einmütig für das Rettungspaket stark. Auch George W. Bush mahnte erneut, das Paket zu bewilligen. Die Folgen bei einem Scheitern wären für die Wirtschaft gravierend, warnte Bush in Washington.

Händler an der Wall Street: Vertrauensvorschuss für Donnerstag
REUTERS

Händler an der Wall Street: Vertrauensvorschuss für Donnerstag

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte die USA angesichts der rasant wachsenden Risiken für die Weltwirtschaft auf, dem Hilfspaket noch in dieser Woche zuzustimmen. Es habe eine "unglaublich wichtige Bedeutung" für Wirtschaft und Bürger, um Vertrauen zu bilden.

"Wir brauchen so schnell wie möglich eine Entscheidung über das amerikanische Hilfspaket", sekundierte ihr Vizekanzler und Außenminister Frank-Walter Steinmeier im "Handelsblatt". Die Bankenhilfe betreffe nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch andere Länder. Schließlich sei ohne das Maßnahmenpaket von US-Präsident George W. Bush auch die Wirkung der anderen weltweiten Stützungsmaßnahmen begrenzt. "Uns fehlt ohne das US-Hilfspaket der erste Baustein, auf dem wir international aufbauen können", sagte Steinmeier der Zeitung.

Auch der britische Premierminister Gordon Brown zeigte sich nach dem Nein des Repräsentantenhauses zu dem Rettungsplan alarmiert: "Wir haben der US-Regierung die Bedeutung eines entschiedenen Handelns übermittelt", sagte Brown dem Fernsehsender BBC.

Die EU-Kommission betonte ebenfalls die besondere Verantwortung der Regierung in Washington. Die aktuellen Turbulenzen stammten aus den USA und seien zum globalen Problem geworden, sagte ein Kommissionssprecher in Brüssel. "Die USA haben deshalb eine besondere Verantwortung und wir erwarten, dass das Rettungspaket bald verabschiedet wird." EZB-Ratsmitglied Christian Noyer verlangte einen "umfassenden Plan" von den USA. Die Krise treffe die Vereinigten Staaten wesentlich härter als die übrige Welt.

Auch China trieb die US-Parlamentarier zur Eile an: "Die Rettung der Wall Street ist zum Schutz der US-Wirtschaft zwingend notwendig", hieß es in einem Kommentar der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua.

Der weltweite Appell kommt nicht von ungefähr. Experten befürchten weitere Bankenpleiten in den USA, eine rasche Abwärtsbewegung der US-Wirtschaft und ein Abrutschen in die Rezession. Ökonom Robert Mundell von der Columbia-Universität sagte: "Alle werden leiden: die Wall Street und die Main Street" - also die Finanzwelt und Jedermann.

Zuletzt hatte die Finanzkrise auch in Europa immer größere Kreise gezogen: In Deutschland musste der Staat ein Rettungspaket für das Dax-Unternehmen Hypo Real Estate Chart zeigenschnüren, das in Liquiditätsnot geraten war. Die Bundesregierung kann bei ihrer Milliardenbürgschaft für den Immobilienfinanzierer dabei auf die Unterstützung der beiden Koalitionsfraktionen setzen, wie die jeweiligen Spitzen am Dienstag versicherten.

Auch in den Nachbarländern hält die Finanzkrise die Regierungen in Atem: Belgien, Frankreich und Luxemburg greifen der angeschlagenen Immobilienbank Dexia mit einer Kapitalerhöhung von 6,4 Milliarden Euro unter die Arme.

Die insolvente US-Investmentbank Lehman Brothers hat dagegen keinen Käufer für ihre Abteilung für das europäische Anleihegeschäft gefunden. Damit verlieren 750 Menschen ihren Arbeitsplatz.

Frankreichs Notenbankchef Christian Noyer versuchte dennoch zu beruhigen: Europäische Banken seien nicht mit "faulen Aktiva" belastet wie die amerikanischen, erklärte er. "Sie sind solide, sie sind sehr gut mit Kapital ausgestattet", sagte Noyer.

Trotzdem zeigen die spektakulären Bankenpleiten bereits Wirkung. Die Systemkrise hat dazu geführt, dass sich viele Banken untereinander misstrauen und der Staat immer wieder als Nothelfer für angeschlagene Institute einspringen muss. Obwohl die Zentralbanken weltweit in den vergangenen Wochen die Märkte mit Dollar und Euro geflutet haben, leihen sich die Banken untereinander kaum noch Geld. "Die Finanzmarktkrise ist zu einer globalen Vertrauenskrise geworden", sagte Michael Heise, Chefvolkswirt von Allianz /Dresdner Chart zeigen.

Die Volkswirte der Dresdner Bank erwarten zwar "keine tiefe Rezession" in Deutschland, aber Stillstand im Rest des Jahres. "Die deutsche Wirtschaft steuert auf eine Stagnation im zweiten Halbjahr 2008 zu", sagte Heise. Die Wirtschaft dürfte im laufenden Jahr wie erwartet um 1,8 Prozent wachsen. Für 2009 senkten die Experten jedoch ihre Prognose deutlich von 2,2 Prozent auf jetzt 0,7 Prozent.

Die europäischen Aktienmärkte hielten sich trotz der Kapriolen an der Wall Street und auch in Tokio relativ gut. Der deutsche Aktienindex Dax Chart zeigen ging mit einem knappen Gewinn aus dem Handel, der EuroStoxx 50 Chart zeigen legte um fast ein Prozent zu. Der US-Leitindex Dow Jones Chart zeigen hatte am Montag in Punkten gerechnet den höchsten Tagesverlust seiner Geschichte erlitten -am Dienstag erholten sich die US-Börsen. Investoren zeigten sich zuversichtlich, dass der Kongress doch noch bald das von der Regierung vorgeschlagene Rettungspaket für die Finanzbranche verabschieden wird. Der Dow-Jones-Index schloss 4,68 Prozent im Plus bei 10.850 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 stieg um 5,3 Prozent auf 1164 Zähler. Der Index der Technologie-Börse Nasdaq kletterte um 4,97 Prozent auf 2082 Punkte.

In Lateinamerika gingen die Kurse fast ebenso steil nach oben, wie sie am Vortag abgestürzt waren. An der größten Börse des Subkontinents im brasilianischen Sao Paulo schoss der Aktien-Index Bovespa um 3513,21 Zähler (7,63 Prozent) auf 49.541 Punkte nach oben. Der Merval-Index in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires konnte sich um 52,72 Zähler (3,41 Prozent) auf 1598,17 Punkte erholen. Und in Mexiko-Stadt legte der IPC-Index 933,23 Zähler (3,90 Prozent) auf 24.888 Punkte zu.

Um die Folgen der Krise abzumildern, pumpten die Notenbanken erneut Milliarden von Dollar und Euro in die Geldmärkte. Da sich die Banken untereinander wegen des mangelnden Vertrauens kaum noch Geld leihen, soll mit den Maßnahmen dem Austrocknen der Geldmärkte entgegengewirkt werden.

mik/dpa/Reuters/AFP/AP

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