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US-Stresstest: Experten fürchten Kapitalbedarf von 150 Milliarden Dollar

Banges Warten: In wochenlanger Arbeit hat die US-Regierung 19 Banken einem Stresstest unterzogen. Die Ergebnisse drohen ein Schock zu werden. Experten rechnen damit, dass die Branche bis zu 150 Milliarden Dollar frisches Kapital braucht.

Washington/New York - Zwei Tage haben die Banker Zeit, die Nachricht zu verdauen, sich auf die Folgen vorzubereiten: Das Endergebnis des Stresstests sollen die betroffenen Geldinstitute bereits am Dienstag vorgelegt bekommen, berichtet Reuters unter Berufung auf Insider. Am Donnerstag wird es dann der Öffentlichkeit präsentiert.

Protestschild vor dem Turm der Bank of America: Das Geldinstitut muss Experten zufolge weiteres Eigenkapital auftreiben
AP

Protestschild vor dem Turm der Bank of America: Das Geldinstitut muss Experten zufolge weiteres Eigenkapital auftreiben

Eine gute Nachricht gibt es: Mehreren Berichten zufolge haben alle Banken die Prüfung grundsätzlich bestanden. Doch es drohen harte Auflagen. Paul Miller, Finanzmarktexperte von FBR Capital Markets, glaubt, dass die US-Notenbank Fed von den meisten Banken eine Aufstockung des Eigenkapitals verlangen wird - und dass die nötigen Summen höher sein werden "als die Leute denken". Douglas Elliot vom Washingtoner Forschungsinstitut Brookings geht von insgesamt 100 bis 150 Milliarden Dollar aus. Dem "Wall Street Journal" zufolge könnte allein die Citigroup bis zu zehn Milliarden Dollar benötigen.

Die Stresstests sollen Klarheit über die wahren Ausmaße der US-Finanzkrise bringen - und vor allem zeigen, wie gut die gebeutelten Banken für kommende Krisen gerüstet sind. Mehr als 150 Prüfer und Top-Ökonomen haben sich dabei in wochenlanger Arbeit die 19 größten Geldinstitute des Landes vorgenommen - ein bis dahin nie dagewesener Aufwand. Eigentlich sollten die Ergebnisse bereits am Montag veröffentlicht werden, der Termin wurde allerdings kurzfristig verschoben. Börsianer werteten das als schlechtes Zeichen.

Neben der Citigroup werde auch die Bank of America nach dem Ergebnis erhebliche Summen auftreiben müssen, glauben Analysten. Bei JP Morgan und Wells Fargo gehe man ebenfalls von hohen Summen aus, sagt Fred Dickson von der Investmentfirma D.A. Davidson und Co.

Eine große Unsicherheit ist, wie die Börsen auf die Ergebnisse reagieren werden, sollten sie tatsächlich derart dramatisch auffallen. In den vergangenen Wochen hatte sich an den Aktienmärkten verhaltene Hoffnung breit gemacht, die Finanzkrise könnte langsam zu Ende gehen. Mehrere Banken hatten überraschend gute Quartalszahlen vorgelegt. Infolge der Veröffentlichung am Donnerstag dürfte es wieder abwärts gehen mit den Kursen, glauben Händler.

Es dürfte für die Banken zudem ungeheuer schwer werden, frisches Kapital aufzutreiben, wenn der Stresstest erst einmal ihre Schwächen offenbart hat, fürchten Experten. Zumal die Zeit knapp ist: Der Notenbank Fed zufolge haben die Geldinstitute nach der Veröffentlichung der Zahlen sechs Monate Zeit, die Anforderungen zu erfüllen. Viele Beobachter erwarten, dass die schwächsten Institute deshalb erneut auf finanzielle Hilfe des Staates angewiesen sein werden - und dass die Regierung im Gegenzug ihre Kontrolle über die Banken ausweiten könnte.

Finanzminister Timothy Geithner hat bereits gewarnt, dass weitere Hilfe auch zu strengeren Kontrollen seitens der Regierung führen werde, wie Bloomberg berichtet. Das könne laut Geithner auch dazu führen, dass Vorstände und Aufsichtsräte auf Geheiß der Regierung gefeuert werden. Präsident Barack Obama sagte der Branche in einem am Samstag veröffentlichten Interview künftig einen geringeren Anteil an der US-Wirtschaft voraus. Die Wall Street werde zwar weiter einen wichtigen Teil der US-Wirtschaft ausmachen, sagte Obama dem "New York Times Magazine". "Sie wird aber eben nicht mehr die Hälfte unserer Wirtschaft sein."

Mit der Angelegenheit vertraute Personen sagten Reuters, zumindest die Citigroup könnte die Forderungen der Prüfer auf jeden Fall erfüllen. Der Bank stehen mehrere Mittel zur Verfügung, um sich frisches Geld zu besorgen, darunter der Verkauf von Vermögenswerten und die Ausweitung der Pläne zur Umwandlung von Vorzugsaktien in Stammaktien. Diese Maßnahmen dürften ausreichen, hieß es in den Kreisen - wenn überhaupt Geld benötigt wird.

Immer mehr Banken kollabieren

Denn die Gespräche mit der Fed und dem Finanzministerium - die für die Tests verantwortlich waren - laufen noch. Und sollten die US-Behörden den Argumenten der Bank über ihre Finanzstärke folgen, hat das Geldinstitut im besten Fall sogar einen Kapitalpuffer von 500 Millionen Dollar.

Die große Spannbreite zeigt, wie schwer es zu sein scheint, die Lage der Banken korrekt zu berechnen. Vor allem die Bewertung potentieller Risikopapiere sei extrem schwer, sagt Finanzmarktexperte Elliott. Er könne sich an keine Zeit erinnern, "seit ich Banken beobachte", in der diesbezüglich eine derartige Unsicherheit herrschte.

Unterdessen setzte sich die Serie der Bankenzusammenbrüche in den USA weiter fort. So übernahm die staatliche Einlagensicherung FDIC die Geschäfte der Silverton Bank of Atlanta, die ihre Dienste vor allem anderen Banken angeboten hatte. Der Zusammenbruch ist bislang einer der größten in diesem Jahr. Am Freitag schloss die FDIC zudem die America West Bank, eine kleinere Regionalbank aus dem Bundesstaat Utah. Außerdem beantragte die seit langem schlingernde US-Hypothekenbank Thornburg Mortgage Gläubigerschutz.

ase/Reuters

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