US-Wirtschaft Amerikas Konsumenten droht der Plastikgeld-GAU

Shopping und Kreditkarten gehören in den USA zusammen – bis jetzt. Die schwere Finanzkrise, die bei Hypotheken begann, könnte sehr schnell auf den Multi-Milliarden-Markt für private Kreditkarten übergreifen. Amerikas Konsumkultur wäre an ihrem Lebensnerv getroffen.

Von Kai Lange


Hamburg - Schwache Konjunktur- und Arbeitsmarktdaten, purzelnde Börsenkurse - in den USA geht die Rezessionsangst um. Längst geht es nicht mehr nur um faule Hypothekenkredite - auf dem Kreditmarkt tickt noch eine andere Zeitbombe: Es geht um das Geschäft mit Kreditkarten, einen Kernbereich nicht nur der großen Konsumentenbanken.

Kreditkarten-Zahlung in US-Fastfood-Restaurant (in Denver): "Das Blutbad verschlimmern"
AP

Kreditkarten-Zahlung in US-Fastfood-Restaurant (in Denver): "Das Blutbad verschlimmern"

Mit 900 Milliarden Dollar Volumen ist das Segment ähnlich schwer wie der gesamte Bereich der Hypotheken von Schuldnern schlechter Bonität (subprime), in dem die aktuelle Krise begann.

Ein Einkaufsbummel ohne Kreditkarten ist in den USA für viele nicht vorstellbar - sie bilden eine der Säulen des US-Konsums. Sollte die Kreditkrise auch diesen Bereich erfassen, werde sich "das Blutbad noch verschlimmern", sagt der US-Ökonom Nouriel Roubini.

Einiges spricht dafür, dass es zu einem solchen Domino-Effekt kommt und die aktuelle Krise auf den Kreditkartensektor übergreift. In der Vergangenheit verfuhren viele US-Bürger nach dem Motto "mein Haus ist mein Geldautomat". Sie finanzierten ihren steigenden Konsum dadurch, dass sie auf ihren – damals steigenden – Häuserwert zusätzliche Kredite aufnahmen.

Dieses konsumfördernde Spiel funktioniert in Zeiten fallender Immobilienpreise nicht mehr. Viele Bürger dürften versucht sein, eine aktuelle finanzielle Notlage zu lösen, indem sie Schulden per Kreditkarte aufnehmen – mit langfristig bedrohlichen Folgen.

Wie genau könnte der weitere Verlauf der Krise aussehen? US-Immobilienbesitzer, deren Hypothekenzinsen steigen, stehen aktuell vor verschiedenen Szenarien:

  • Glückliche haben genug Einkommen oder finanzielle Reserven, um die steigende Zinsbelastung zu bedienen.
  • Bei anderen sorgen die anziehenden Zinsen für die Immobilie dafür, dass kein Geld mehr übrig bleibt, um das Kreditkartenkonto auszugleichen.
  • Eine weitere Gruppe erhöht kurzerhand das Kreditkartenlimit, um den persönlichen Lebensstandard in Zeiten steigender Zinsen zumindest kurzfristig zu halten.
  • Und einige Schuldner nutzen schlicht den Charme einer frischen "no questions asked"-Kreditkarte, um mit Hilfe eines Bargeldvorschusses die auflaufende Hypothekenbelastung zu bedienen.

Nach Einschätzung der Ratingagentur Fitch ist denkbar, dass sich eine steigende Zahl von Kreditkartenkunden auf diese oder ähnliche Weise übernimmt. Damit würde das Kreditproblem dramatisch verschärft - denn Kreditkartenzinsen von 20 Prozent und mehr übersteigen die Kosten eines Hypothekenkredits deutlich. Mit derlei Umschuldungsstrategien ist nur kurzfristig Zeit gewonnen. Und auf jeden Fall bleibt in allen Szenarien weniger Geld für den Konsum.

Ein weiteres Problem: Für Kreditkartenschulden gibt es keine Sicherheiten. Platzt ein Immobilienkredit, können Banken zumindest auf das Haus zurückgreifen, auch wenn dessen Wert sinken mag. Ein Kreditkartenschuldner haftet dagegen höchstens mit seinem pfändbaren Arbeitseinkommen. Rutschen die USA in eine Rezession und verlieren mehr Bürger ihre Jobs, dürften die Zahlungsausfälle bei Kreditkarten deutlich ansteigen, schätzt der Finanzdienstleister Thomson Financial.

Die Kreditinstitute reagieren. Die Bank of America hat ihre Rückstellungen zum Ende des dritten Quartals bereits um rund 50 Prozent erhöht. Die Ausfälle bei Kartenkrediten seien bis Ende September 2007 um rund ein Drittel gestiegen, meldete das Institut. Auch die Citigroup und der Kartenanbieter American Express rechnen mit steigenden Ausfällen in diesem Jahr und haben ihre Rückstellungen deutlich erhöht: Capital One, größter unabhängiger Anbieter von Kreditkarten der Marken Visa und Mastercard, hat seine Verlustprognose auf rund 5,5 Milliarden Dollar angehoben.

Diese Schritte sind angesichts wachsender Risiken ein Gebot der Vernunft, haben aber auch weitere Konsequenzen für die Realwirtschaft. Banken, die ihre Rückstellungen erhöhen und mit steigenden Ausfällen rechnen, werden künftig weniger Geld verleihen, betont Jan Hatzius, Volkswirt bei Goldman Sachs. Damit werden die Probleme auch bei Unternehmen guter Bonität ankommen, die auf Grund der Zurückhaltung der Kreditgeber ihr Wachstum nicht mehr finanzieren können.

Ein Problem allein für die USA? Leider nicht. Großbritannien bietet schon jetzt Anschauungsunterricht dafür, wie Probleme am Hypothekenmarkt auf den Kreditkartensektor überspringen können. Im Vereinigten Königreich ist das Volumen der Immobilienkredite auf mehr als eine Billion Pfund gestiegen, die Verschuldung der Briten im Schnitt ist etwa doppelt so hoch wie in Resteuropa. Nach Berechnungen des Magazins "Fortune" sind die Kreditkartenausfälle seit Ende 2005 um rund 50 Prozent gestiegen, und rund sechs Prozent der Schuldner haben ihre Hypothekenschuldner zeitweise mit teurem Plastikgeld bedient.

Wenn sich die gleiche Entwicklung in den USA wiederholt, wird es unangenehm.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
TommIT, 09.01.2008
1. Schuldenpumpe no. 1
Zitat von sysopShopping und Kreditkarten gehören in den USA zusammen – bis jetzt. Die schwere Finanzkrise, die bei Hypotheken begann, könnte sehr schnell auf den Multi-Milliarden-Markt für private Kreditkarten übergreifen. Amerikas Konsumkultur wäre an ihrem Lebensnerv getroffen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,527441,00.html
Dann hamma a Gspass! 4 Diskussionsforen über die Schuldenpumpe...
kellitom, 09.01.2008
2. Die Amis leben auf Pump
Sowohl in den USA selbst, als auch in der ganzen Welt leben die USA auf Pump. Jetzt stehen keine Sicherheiten mehr dahinter. Die Preise der Immobilien sind im Sturzflug und bei den Kreditkarten ist nichts mehr dahinter. Jetz rächt sich dieses Leben auf Pump, es wird zu einer Rezession in den USA kommen, die schon lange über ihre Verhältnisse leben. Ihre Kriege finanzieren sie über Auslandsschulden und ihren Konsum über Inlandsschulden. Die Folge wird ein dramatischer Wertverlust des Dollars sein. Der marode US- Kapitalismus ist am Ende.
danki 09.01.2008
3. USA und Plastikgeld
Sollte etwa eines der US-Statussymbole-wer hat die meisten Kreditkarten-in die Krise kommen?Wie in dem Artikel schon richtig wiedergegeben wurde,ist das Einkaufen in Amerika ohne Kreditkarte fast nicht mehr vorstellbar.Es braut sich ein füchterlicher Sturm jenseits des Atlantiks zusammen,der mit Sicherheit nach Europa und Deutschland schwappen wird!
Iggy Rock, 09.01.2008
4. Leben auf Pump
Was macht man im totalen Kapitalismus wenn man nicht mehr Konsumieren darf? Wenn wir wirklich so sehr an den USA hängen, von ihnen abhängig sind, wie mach ein Politiker gerne erzählt, dann wird es hier auch krachen und zwar richtig. Nur hat der brave Deutsche noch Geld auf der hohen Kante wie eh und je.
manonegra, 09.01.2008
5. Kreditkarten
Zitat von sysopShopping und Kreditkarten gehören in den USA zusammen – bis jetzt. Die schwere Finanzkrise, die bei Hypotheken begann, könnte sehr schnell auf den Multi-Milliarden-Markt für private Kreditkarten übergreifen. Amerikas Konsumkultur wäre an ihrem Lebensnerv getroffen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,527441,00.html
Das kann man von hier gar nicht beurteilen. Die US-Wirtschaft hat enorme Ausmasse und ist nicht vergleichbar mit anderen Laendern. Regierung und Banken haben diese Probleme unter Kontrolle. Es ist auch nicht so, dass ALLE Amerikaner auf Pump leben und die Kreditkarten nicht mehr bezahlen koennen. Moeglich sind eventuell 10-20 %, die die Banken abschreiben muessen. Aber diesen Prozentsatz hat es immer gegeben und der ist auch einkalkuliert. Daher keine Bange: die Wirtschaft geht immer rauf und runter. Sie ist sozusagen "zyklisch".
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