Hyperinflation in Venezuela Fünf Nullen weniger auf den Scheinen - Händler schließen Läden

Ein Kilo Fleisch für dreieinhalb Monatsgehälter: Im Kampf gegen die rasante Inflation legt Venezuelas Linksregierung Zwangspreise fest - und macht alles nur noch schlimmer.

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Von , Mexiko-Stadt


Bisher gab es in Venezuela nichts zu kaufen, weil die Supermärkte leer waren. Inzwischen sind die Regale zwar halbwegs voll, aber die Inflation frisst das Geld weg.

Zuletzt wurde der "Bolívar fuerte", der "starke Bolívar", so schwach, dass ein Dollar fast zehn Millionen Bolívar wert war. Ein Kilo Fleisch kostete 9,5 Millionen Bolívar, aber das staatlich verordnete Monatsgehalt lag bei drei Millionen. Also rund 70 Eurocent.

Deshalb hat Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro vor zehn Tagen mit Pauken und Trompeten das "Programm zur wirtschaftlichen Erholung" aufgelegt. Es ist eine Mischung aus Marxismus und Monetarismus. Und es beinhaltet neue Preise, höhere Steuern und die Freigabe des Wechselkurses ebenso wie die Vervielfachung des Mindestlohns und das Ende des verschenkten Benzins.

Wichtigstes Ziel aber war, der schwindsüchtigen Währung fünf Nullen zu nehmen. Aus dem "starken" wurde der "souveräne" Bolívar. Ganz so, als würde das schon reichen, um die Inflation in den Griff zu bekommen.

Hungern trotz Mindestlohn

Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht von einer Inflation von einer Million Prozent bis Ende des Jahres aus, die Wirtschaftsberatungsgesellschaft Ecoanalítica in Caracas sieht die Teuerungsrate sogar bei 1,9 Millionen Prozent. Im Schnitt verdoppelten sich die Preise vor der Währungsreform alle 26 Tage.

Die Konsequenzen waren bizarr. Wer Dollars hatte und schwarz tauschen konnte, lebte gut. Wer - wie die Mehrheit der Venezolaner - auf den staatlichen Mindestlohn angewiesen war, der hungerte. Laut IWF ist die Wirtschaftskraft Venezuelas in den vergangenen sechs Jahren um rund 60 Prozent geschrumpft. 18 Prozent werden es wohl dieses Jahr sein.

Maduro
MIRAFLORES PRESS HANDOUT/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Maduro

"Glaubt mir, dieser Plan wird funktionieren", sagte Maduro vor zwei Wochen fast flehentlich. Die Venezolaner aber hungern nicht nur, sie fliehen in immer größerer Zahl aus dem Land. 2,5 Millionen sind bereits gegangen. Funktioniert das neue Wirtschaftsprogramm nicht, könnte auch Maduro gehen müssen, heißt es hinter vorgehaltener Hand in der Regierungspartei PSUV.

"Maduros Maßnahmen sind keine Lösung und greifen zu kurz", sagt Luis Arturo Bárcenas, Chefökonom bei Ecoanalítica. Manche Schritte gingen zwar in die richtige Richtung, aber es fehlten Ideen, wie das Haushaltsdefizit zu bekämpfen sei. Internationale Beobachter warnen zudem, dass der neuen Währung die Glaubwürdigkeit fehlt. Auch die Preiskontrollen seien kontraproduktiv.

Rangeleien in den Läden

Auf dem beliebten Markt von Chacao, einem Mittelklasseviertel in Caracas, konnte man das am Wochenende beobachten. Wer dort am Samstag Eier kaufen wollte, bekam immer die gleiche Antwort: "No hay" - gibt es nicht. Am Vortag waren die "Fiscalizadores" da, die Inspekteure von der Preiskontrollbehörde, und hatten geprüft, ob die neuen Preise eingehalten werden. Die liegen bei 81,5 souveränen Bolívar für den Karton mit 30 Eiern. Händler hatten sie zuvor für das Zwei- bis Dreifache angeboten.

Als die Preise runtergesetzt waren, stürmten die Menschen nahezu den Markt. Es kam zu Rangeleien, und in kurzer Zeit waren alle Eier ausverkauft, wie ein Augenzeuge SPIEGEL ONLINE erzählt.

Viele der von der Regierung festgelegten Preise deckten nicht einmal die Kosten der Herstellung, klagen Produzenten und Händler. Also verkaufen sie teurer oder lassen die Ware in den Lagern. Mindestens 200 Händler und Leiter von Supermärkten wurden deshalb seit Ende der Woche festgenommen; 500 Geschäfte sollen sanktioniert worden sein.

Höherer Mindestlohn - große Verunsicherung

"Caracas wirkt an manchen Orten verwaist, die Menschen sind völlig verunsichert", erzählt eine junge Frau, die ihren Namen lieber nicht nennen will. "Vor allem kleine Obst- und Gemüseläden, kleine Metzgereien, Apotheken und Eisenwarenläden bleiben geschlossen." Oft wissen die Händler nicht, zu welchem Preis sie verkaufen dürfen und lassen ihr Geschäft lieber zu. Auch die Menschen, die am Automaten das neue Geld abheben, fremdeln mit den Scheinen und zweifeln an der Kaufkraft.

Besondere Verunsicherung schafft der neue staatliche Mindestlohn. Er wurde um das 59-Fache angehoben, von 3 Millionen auf 180 Millionen Bolívar - nach der neuen Währung also 1800. Damit das für die kleineren und mittleren Unternehmen bezahlbar ist, will der Staat Löhne und Gehälter für die ersten drei Monate übernehmen. "Aber viele Menschen haben Angst, dass die Unternehmen die Gehälter künftig nicht bezahlen können und es zu Massenentlassungen kommt", betont die junge Frau im Gespräch.

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Venezuela: Geld ohne Wert, Krise ohne Ende

Immerhin ist die Anhebung der Benzinpreise verschoben. Nirgends auf der Welt ist Sprit so billig wie in Venezuela. Als Ölproduzent verschenkt das Land faktisch seinen Sprit, aus historischen Gründen. Den Tank eines Autos zu füllen, kostet den Bruchteil eines Eurocent. Damit soll im Laufe des Septembers Schluss sein, die Regierung will die Preise langsam auf internationales Niveau heben.

"Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren die Missbildung beenden, die über lange Zeit gewachsen ist", sagt Maduro. Er will die Staatskasse so um bis zu zehn Milliarden Dollar entlasten. Aber es gibt Ausnahmen. Wer das "Carnet de la Patria", den sogenannten Vaterlandsausweis der Regierung besitzt, soll weiterhin Subventionen erhalten.

Auch der souveräne Bolívar verliert galoppierend an Wert

Die Angleichung der Benzinpreise dient ebenso wie die Erhöhung der Mehrwertsteuer von zwölf auf 16 Prozent dazu, dem Staat mehr Einnahmen zu sichern. Ein richtiger Schritt, sagen die Experten, weil die Ölförderung stark zurückgeht. Aber das reiche nicht, es seien aggressive Haushaltskürzungen notwendig, sagt Ecoanalítica-Ökonom Bárcenas. Dem stehen die massiv steigenden Ausgaben etwa bei der Lohnübernahme entgegen.

Andere Experten glauben, vor allem das Vertrauen der Märkte in den "Bolívar soberano" könnte die Inflation stoppen. Maduro will das über den "Petro" erreichen, einer dem "Bitcoin" ähnlichen Kryptowährung, die über die Ölreserven abgesichert ist. Aber der "Petro" hat keinen Marktwert, er wird nirgends gehandelt, in den USA ist er sogar verboten. Es bleibt ein Spielzeug Maduros ohne stabilisierende Wirkung.

Unterdessen hat der souveräne Bolívar seit seiner Schaffung galoppierend an Kaufkraft eingebüßt. Ökonom Bárcenas fürchtet, dass das Ende der Hyperinflation nicht erreicht ist. Erst seit zehn Monaten liege die Teuerungsrate in Venezuela so hoch. "In Simbabwe oder Nicaragua, die auch unter Hyperinflation litten, hat diese Phase 20 und 58 Monate gedauert."

Im Video: Mein Leben unter Maduro

dbate.de
insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
GustavN 27.08.2018
1.
Sozialismus im Endstadium. Hoffentlich endet das Regime so unblutig wie möglich und der Wiederaufbau gelingt rasch.
kayakclc 27.08.2018
2. Armes reiches Venezuela
Mir tuen die Menschen in dem Land unendlich Leid. Nur weil eine korrupte Kaste und eine egoistischer, überforderte Narr an der Macht kleben bleibt, treibt er das Land in den Abgrund. Es wäre Zeit für eine Revolution, wo das Volk diese Leute aus dem Amt jagen und ihnen dann den Prozess machen.
spmc-127280504831458 27.08.2018
3. Bitcoin
Es ist überall das Gleiche, die Lösung verträgt sich nur nicht mit der Idee einer durch staatliche Zentralbanken gesteuerten Ökonomie: Jeder der sich mindestens einen Bitcoin leisten kann, sollte ihn kaufen. Alles andere ist fahrlässig.
hileute 27.08.2018
4. Moment mal
wenn ein Dollar=10mio Bolivar sind 3mio doch nicht 70, sondern eher 25-30 Cent. Das ändert zwar nichts an der Tatsache, das man als normaler Venezuelaner nur was zu essen hat, wenn man zufällig ein Reisfeld im Garten hat, aber trotzdem eine Bemerkung wert
spmc-135322777912941 27.08.2018
5. Unblutig ....
Zitat von GustavNSozialismus im Endstadium. Hoffentlich endet das Regime so unblutig wie möglich und der Wiederaufbau gelingt rasch.
das wird wohl nicht möglich sein. Maduro macht ja jetzt schon Krieg gegen das arme venezolanische Volk . Von Kuba dürfte nicht mehr viel Hilfe zu erwarten sein und mit seinen Nachbarn liegt Maduro ja schon lange über Kreuz.
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